„Schoolwatch“– ja oder nein?

Medienkompetenztag am JBG zum Thema Datenschutz

+
Diese Schülergruppe vertrat bei der gestrigen Diskussion die Meinung der Eltern. In einem von ihnen selbst gedrehten Video sagen die schüler, was sie von der Einführung der „Schoolwatch“ halten. 

Hoya - „Ist neu immer besser?“, fragt ein Schüler. „Bleibt man in der Vergangenheit stecken, entwickelt man sich nie weiter“, antwortet ein anderer. Dieses Gespräch fand gestern während einer Diskussion statt, die Schüler beim Medienkompetenztag am Johann-Beckmann-Gymnasium (JBG) in Hoya führten.

Das Thema: Die fiktive Anschaffung einer „Schoolwatch“, einer intelligenten Armbanduhr mit Technik wie in einem Smartphone, die den Schulalltag verbessert oder verschlechtert.

Die Schüler hatten sich in Pro- und Contra-Gruppen aufgeteilt und argumentierten fortan als Lehrer, Eltern und Schüler. „Das integrierte GPS ist wie eine elektronische Fußfessel“, hieß es aus der einen Ecke, „so könne man sichergehen, dass die jüngeren Schüler das Gelände nicht verlassen“, aus der anderen. 

Keine Rückenprobleme, dafür mehr Ablenkung

Zwar seien das Abrufen des Vertretungsplans, Wörterbuch-Apps („dadurch haben die Schüler durch das Schleppen von Büchern keine Rückenprobleme mehr“) und eine unkompliziertere Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern durchaus positiv zu bewerten. 

Jedoch würden die Schüler noch mehr abgelenkt, als sie es ohnehin schon durch das Smartphone oft sind und würden dann gar nicht mehr miteinander reden. In einer Sache waren sich alle einig: Die „Schoolwatch“ muss ausreichend Schutz der Daten bieten.

Mehrheit in der Schülergruppe für die „Schollwatch“

Anschließend urteilte die 26-köpfige Schülergruppe außerhalb der inszenierten Diskussion folgendermaßen: 16 wären für eine „Schoolwatch“, 10 dagegen. Vor allem beim Thema GPS würden viele Jugendliche anfangen nachzudenken, ob jeder ihrer Schritte verfolgt werden soll, erklärte Workshop-Leiter Thilo Lübker. Dass sie einen großen Teil ihrer Privatsphäre ohnehin schon längst abgegeben haben, machte er anhand des Beispiels Whatsapp deutlich. 

Der Dienst des Unternehmens Facebook speichere unter anderem, wann, an wen, von wo und wohin eine Nachricht geschickt wurde. Und obwohl es sich bei der „Schoolwatch“ um ein fiktives Gerät handelte, so seien die besprochenen Funktionen alles solche, die eine Smartwatch theoretisch erfüllen könnte, sagte Lübker. Das bewies Michael Timm, Koordinator der Sekundarstufe I und des gestrigen Projekttags, den seine Smartwatch an seine nächsten Termine erinnerte.

Einblicke in das Thema Datensicherheit

Die Klassen E1 und E2, also Schüler der Einführungsphase zur gymnasialen Oberstufe, bekamen gestern zudem Einblicke in das Thema Datensicherheit sowie Tipps zum richtigen Umgang mit den eigenen Daten. Thilo Lübker riet ihnen zum Beispiel, vor dem Installieren einer App zu lesen, auf welche Daten sie zugreifen möchte und auf bestimmte Applikationen zu verzichten, beziehungsweise Alternativen zu nutzen. 

Kostenlose Angebote im Internet erkaufe man mit seinen Daten, sagte er und sprach sich für Datensparsamkeit aus. „Aber auch ich könnte nicht auf Whatsapp verzichten“, sagte er.

CDU-Bundestagsabgeordnete Knoerig verfolgte Diskussion

Zum dritten Mal fand der Projekttag der Initiative „erlebe IT“ des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) am Gymnasium statt. Als Schirmherr ließ der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig aus Kirchdorf es sich nicht nehmen, die Diskussion der Jugendlichen zu verfolgen.

Der Einsatz der digitalen Medien sei am JBG selbstverständlich. „Ab Klasse sieben hat jeder Schüler ein eigenes digitales Endgerät wie Notebook oder Tablet“, nannte Schulleiter Lutz Bittner nur zwei Beispiele. „Die Schüler lernen den Umgang mit digitalen Medien von der Pike auf“, fügte er an. Für Knoerig ein Leuchtturmprojekt. - vik

Lasst die Schüler in Ruhe mit so was!

Ein Kommentar von Michael Wendt

„Schoolwatch“ – ja oder nein? Eindeutig nein! Auch wenn die Tausendsassa-Armbanduhr beim Medienkompetenztag nur ein Beispiel für Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken neuer Techniken war, appelliere ich an dieser Stelle: Lasst unsere Kinder in Frieden mit so etwas! 

Denn eine solche Uhr würde Kinder in dem Wunsch bestärken, immer und überall auf dem Laufenden zu sein, alles möglichst „live“ zu erleben. Dafür sind wir Menschen nicht geschaffen. Spätestens im Arbeitsleben wird so mancher feststellen, dass der ständige Blick auf die Messenger-App nicht möglich und auch nicht gern gesehen ist. 

Gönnen wir den Kindern etwas Ruhe – auch von der Schule. Gönnen wir es ihnen, in ein Hobby, einen Kinofilm, ihre Hausaufgaben, ein Gespräch ganz versinken zu können, ohne dass ständig eine Nachricht am Handgelenk eintrudelt (womöglich noch eine, mit der der Uhrträger gemobbt wird). 

Gönnen wir unseren Kindern, dass sie sich wie wir damals vom Schulgelände schleichen können, ohne dass die Armbanduhr petzt. Die ständige Erreichbarkeit aller schmälert eine Kompetenz erheblich: das Organisationsgeschick. 

Weil man immer und überall nachfragen kann: Wie war das noch mal? Wo treffen wir uns? Was haben wir für Hausaufgaben? An welcher Bushaltestelle muss ich aussteigen? Eine „Schoolwatch“ würde es auch Lehrern einfach machen, unorganisiert zu sein und Nachrichten zu versenden wie: „Was ich noch vergessen habe: Montag schreiben wir einen Test!“, „Macht außer Aufgabe 2 bitte auch die 3 im Matheheft!“, 

„Herr Müller ist krank, ihr habt morgen früh Englisch statt Sport, also: Hausaufgaben machen!“ Nein, das kann es nicht sein. Lasst den Schülern ihre Freizeit. Setzt sie nicht unter Druck, abends „eben noch mal schnell“ auf der „Schoolwatch“ nachzusehen, ob sich für den nächsten Morgen etwas geändert hat. 

Mir ist klar: Die Schule kann die Welt nicht retten. Kinder werden so oder so zu Smartphone und Co. greifen. Und sie werden – trotz Medienkompetenztag – ungewollt im Internet Spuren hinterlassen, die andere missbrauchen können. Aber die Schule muss kein Vorreiter sein für die Einführung von Ablenkungs- und Datensammel-Techniken.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Einzelkritik: Mit Bargfrede ist Werder besser

Einzelkritik: Mit Bargfrede ist Werder besser

Bilder der steilsten Standseilbahn der Welt

Bilder der steilsten Standseilbahn der Welt

Palästinenser weisen US-Äußerungen zu Klagemauer zurück

Palästinenser weisen US-Äußerungen zu Klagemauer zurück

Weihnachtskonzert in der Sporthalle der Wiedauschule

Weihnachtskonzert in der Sporthalle der Wiedauschule

Meistgelesene Artikel

Vandalismus auf Golfplatz in Rehburg

Vandalismus auf Golfplatz in Rehburg

Stadtrat Hoya: B-Pläne mehrheitlich beschlossen

Stadtrat Hoya: B-Pläne mehrheitlich beschlossen

Moonlightshopping in Nienburg

Moonlightshopping in Nienburg

Zwei Verletzte bei Frontalcrash in Eystrup

Zwei Verletzte bei Frontalcrash in Eystrup

Kommentare