Selbsthilfegruppe für Kehlkopflose

Ein Leben ohne Kehlkopf: Sprechen lernen im Rentenalter

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Halten auch in schweren Zeiten zusammen: Helga und Helmut Meyer aus Balge betreuen gemeinsam eine Selbsthilfegruppe für Kehlkopflose.

Balge - Bei Feiern ist Helmut Meyer ruhig. Ab und zu nickt er mal oder lacht mit den anderen Gästen, aber er redet nicht viel. Er würde ohnehin nicht gegen die anderen ankommen, sagt er. Daher liegt seine Stimme dann häufig in der Handtasche seiner Frau.

Seit dem Balger sein Kehlkopf entfernt worden ist, ist er auf einen sogenannten Stimmerzeuger angewiesen. Hält er das kleine Gerät an seinen Hals, wird dadurch alles wiedergegeben, was er sagen will. Ein Hilfsmittel, das ihm zumindest ermöglicht, sich mitzuteilen. In Konkurrenz mit menschlichen Stimmen zieht das Gerät jedoch den Kürzeren. Also schweigt Meyer häufig.

Verständnis für seine Situation findet er bei Bekannten, die ebenfalls im Bereich des Kehlkopfes erkrankt sind und diesen gegebenenfalls operativ entfernen lassen mussten. Seit fünf Jahren treffen sie sich in einer Selbsthilfegruppe, die als Erfolgsmodell zu bezeichnen ist.

Helmut Meyer und seine Frau Helga haben diese Treffen initiiert. „Ich habe immer gesagt, die Partner müssen bei so etwas dabei sein. Sie sind ebenfalls betroffen“, erklärt Helmut Meyer. Da besonders der Verlust der Stimme eine große Hürde nach einer Kehlkopf-Entfernung ist, sind die Ehepartner außerdem eine große Hilfe. „Viele Frauen verstehen ihre Männer, auch wenn diese noch nicht wieder richtig sprechen können“, erklärt Meyer.

Meyers haben eine Selbsthilfegruppe gegründet

Seine Frau Helga sei außerdem der Motor für die Gründung einer Selbsthilfegruppe im Bereich Nienburg gewesen. Zuvor sind die Eheleute nach Hannover gefahren. Doch der weite Weg lohnte sich nicht. Wenig hilfreich seien die Gespräche gewesen, also sind die Meyers mit Unterstützung des Landesverbands der Kehlkopfoperierten selbst aktiv geworden.

Angefangen mit sechs Teilnehmern, treffen sich mittlerweile regelmäßig 28 Mitglieder. Längst ist der Gruppenraum der „Kibis“ zu klein geworden. Daher ist die Gruppe in das Begegnungszentrum „Sprotte“ umgezogen.

Dass ihr Engagement wichtig ist, merken die Meyers immer wieder. „Wird der Kehlkopf entfernt, ist das eine Belastung für die ganze Familie“, sagt Helga Meyer. Plötzlich können die Betroffenen weder sprechen noch richtig essen. Hinzu komme meist eine Strahlen- beziehungsweise Chemotherapie, da in der Regel Kehlkopfkrebs zu dieser Operation führt. „Nach dem Eingriff sind die Leute psychisch am Boden“, weiß Helmut Meyer, der selbst einen langen Leidensweg hinter sich hat.

Sprechen kann Helmut Meyer nur mit diesem Stimmerzeuger.

Nach mehreren Eingriffen in Bremen stand der Nienburger schließlich vor der großen Operation bei einem Spezialisten in Halle/Saale. Eineinhalb Jahre lang hat er im Anschluss im Krankenhaus verbracht. Mehrere Monate und harte Arbeit brauchte es, bis er durch den Stimmerzeuger wieder reden konnte. Auf das, was nach dem Eingriff kommt, seien jedoch viele Kranke nicht gut vorbereitet, sagen die Meyers.

Heutzutage setze die Medizin etwa auf Kehlkopf-Prothesen. „Da wird den Leuten erzählt, dass sie nach zwei Wochen wieder sprechen können. Aber keiner sagt einem, wie das dann klingt“, kritisiert Helmut Meyer. Denn das Sprechen und auch Essen müsse man ganz von vorne lernen. Dies sei ein langwieriger Prozess.

Außerdem gebe es immer wieder Probleme mit den Prothesen oder anderen Hilfsmitteln, bei denen häufig die örtlichen Hals-Nasen-Ohren-Ärzte nicht weiter helfen könnten. „Die gehen da nicht bei und verweisen an Spezialisten“, sagt Helmut Meyer. Gerne vermittelt er seinen Bekannten diese. Er weiß, wie schwierig es ist, eine gute Betreuung zu finden.

Betroffene müsse viele Lebensbereiche neu organisieren

Daher nimmt auch ein Mitarbeiter einer Hilfsmittel-Firma regelmäßig an den Treffen der Selbsthilfegruppe teil. So können Probleme direkt angesprochen werden. Thematisiert werden bei den Sitzungen auch geeignete Ernährungsformen oder die Möglichkeiten, Unterstützung von einer Pflegeversicherung zu erhalten. Auch in diesen Bereichen seien die Erkrankten oft schlecht beraten. „Es gibt so viel zu regeln, dabei kommen die Leute aus der Klinik und haben erstmal etwas ganz anderes im Kopf“, weiß Helmut Meyer.

Um sich vom Alltag abzulenken, fährt die Gruppe einmal jährlich weg. Das Besondere: Diese Tagestouren sind genau auf die Kehlkopf-Operierten abgestimmt. Es wird etwa wenig zu Fuß gelaufen, da ihnen bei zu viel Bewegung das Atmen schwerfällt. Außerdem sind die Zeiten ihren Pflegebedürfnissen angepasst. So haben auch die betroffenen Familien die Möglichkeit, in der Gruppe etwas zu unternehmen.

Am Leben teilzunehmen ist den Meyers wichtig. Sie kennen auch Betroffene, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen haben. Sie leben alleine und haben sich abgekapselt. Dem möchte das Ehepaar entgegenwirken. Wer sich der Gruppe anschließen oder sich einfach über das Themengebiet informieren möchte, erreicht die Meyers unter Telefon 04257/383. Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeweils am dritten Montag eines Monats zwischen 14 und 16 Uhr im Nienburger Begegnungszentrum „Sprotte“. Das nächste Treffen ist am 20. August. Mit dabei sind Menschen aus der Region zwischen Hannover und Bremen. 

jom

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