Kartonmaschine ist die Keimzelle der Smurfit-Kappa-Papierfarbik in Hoya

Sie läuft und läuft und läuft: „Eurolady“ produziert seit 1957

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Der langjährige Betriebsleiter der Europa Carton, Günter Beck (links), und der aktuelle Prozessdatenanalyst von Smurfit Kappa, Rolf Zacher, informierten bei einem Pressegespräch über die Kartonmaschine, um die herum die Hoyaer Firma nach 1957 wuchs.

Hoya - Von Horst Friedrichs. Ihr Alter sieht man dieser Lady nicht an. Schwer vorstellbar, dass sie schon sechs Jahrzehnte auf dem Buckel hat: Auf den Namen „Eurolady“ tauften Mitarbeiter die Kartonmaschine bei Smurfit Kappa in Hoya. 

Inzwischen blickt sie auf ein buchstäblich bewegtes Leben zurück, bestimmt vom Rund-um-die-Uhr-Rotieren ihrer Walzen und Trockenzylinder sowie von laufenden technischen Updates. Die Rolle, die sie als Keimzelle und Kern der Karton- und Papierfabrik Hoya spielt, ist ein guter Grund, zum 60-jährigen Bestehen die Entstehung der damaligen Europa Carton in Erinnerung zu rufen. Rolf Zacher, Prozessdatenanalyst und Mediengestalter der Firma, setzte den Gedanken um und bat einen Zeitzeugen, den ehemaligen technischen Direktor Günter Beck, zum Gespräch mit dieser Zeitung.

In Betrieb genommen wurde die Kartonmaschine in Hoya am 16. November 1957, und gestern vor 60 Jahren wurde ein großer Familientag auf dem neuen Werksgelände an der Weser gefeiert. Die eigentliche Einweihung fand zwei Tage später, am 23. November, 1957 statt.

„Waren nur wenige und mussten alles machen“

„Wir waren nur wenige Leute damals“, berichtet Günter Beck. „Wir mussten alles machen, bis hin zum Entladen von Altpapier aus Binnenschiffen.“ Beck hatte in München Verfahrenstechnik studiert und kam als junger Diplom-Ingenieur nach Hoya. Bis heute ist er geblieben. Inzwischen im Ruhestand, war Beck 25 Jahre Betriebsleiter und danach Projektleiter für die 1990 fertiggestellte neue Papierfabrik. Deren Papiermaschine erhielt den Namen „Hansalady“.

Idylle der frühen Jahre: Binnenschiffe spielten in der Anfangszeit der Europa Carton in Hoya als Transportmittel noch eine bedeutende Rolle. Heute haben Bahn und Lkw ihnen den Rang abgelaufen.

„Damals, in den 50er-Jahren“, berichtet Günter Beck, „hatten sich viele potenzielle Standorte um den Bau der Kartonfabrik beworben. Hoya machte das Rennen, und das war in erster Linie ein Verdienst des damaligen Stadtdirektors Otto Isenbeck.“ Wie intensiv sich Isenbeck um die Ansiedlung des großen Industriebetriebs bemüht hatte, ist heute im Archiv des grafenstädtischen Rathauses nachzulesen. In seinen Briefen an die Europa Carton AG (ECA) in Hamburg hatte Isenbeck mit Erfolg darauf hingewiesen, dass Hoya allen Anforderungen gerecht werden würde, die an den Standort einer Kartonfabrik gestellt wurden.

Warum Hoya ein idealer Standort war

„Zuallererst braucht eine Papierfabrik Wasser“, erläutert Günter Beck. „Und zwar für die Produktion sowie damals auch als Transportweg für Schweröl, Rohstoffe und Fertigwaren. Außerdem wird Altpapier benötigt, was im Einzugsbereich von Großstädten wie Bremen und Hannover zur Verfügung steht. Und ein gutes Grundstücksangebot ist wichtig. Letztlich müssen in der unmittelbaren Umgebung ausreichende Arbeitskräfte vorhanden sein.“

All diese Voraussetzungen erfüllte Hoya auf geradezu ideale Weise. Rolf Zacher: „Heute gibt es in Hoya und Umgebung wohl kaum eine Familie, in der nicht mindestens ein Mitglied bei der Europa Carton und ihren Nachfolgegesellschaften arbeitet oder gearbeitet hat.“

Überschwemmung? Wo liegt das Problem?

Die Tatsache, dass das Hoyaer Fabrikgelände in einem Überschwemmungsgebiet liegt, schreckte die Verantwortlichen der amerikanischen Muttergesellschaft, der Container Corporation of America in Chicago, damals überhaupt nicht. „Die Amerikaner hatten Erfahrungen mit Überschwemmungen ganz anderen Ausmaßes als sie hier bei uns möglich sind“, sagt Günter Beck.

So erhielt die 1955 gegründete Europa Carton AG in Hamburg vom US-Mutterkonzern den Auftrag, ihr erstes neues Werk in Hoya an der Mittelweser zu bauen, wo ein rühriger Stadtdirektor die Verantwortlichen davon überzeugt hatte, dass sie keinen besseren Standort finden würden. Mitbewerber wie Verden und andere Orte der Umgebung hatten das Nachsehen.

Vor 17 Jahren kamen die Iren

Bis 1997 firmierten die Kartonfabrik und die 1990 hinzugekommene Papierfabrik als Europa Carton, es folgte für kurze Zeit die Stone Container Corporation als Eigentümerin, bis schließlich im Jahr 2000 Iren das Regiment übernahmen: Smurfit zunächst allein, dann einige Jahre später zusammen mit Kappa.

Ein Großaufgebot an Ehrengästen reiste am 23. November 1957 mit dem eigenen Auto zur Einweihung der Europa Carton in Hoya an.

Im Laufe der 60-jährigen Kartonmaschinen-Geschichte musste „die Karton“ in Hoya mehrere bedrohliche Klippen umschiffen. Mehrmals gab es Hochwasser, doch den Prognosen der amerikanischen Konzernherren entsprechend wurde es jedes Mal gemeistert. Schlimmer wurde es beim Großfeuer 1975. Das Altpapierlager auf dem Freigelände und die Altpapierhalle waren in Brand geraten. In einem Großeinsatz der Werksfeuerwehr und mehrerer Freiwilliger Feuerwehren konnte jedoch eine Katastrophe verhindert werden. „Wenn die Flammen auf die Fabrikhalle übergegriffen hätten“, sagt Günter Beck, „hätte es das Aus für das Werk bedeuten können.“

Anlässlich des 40. Jahrestags haben wir 2015 ausführlich über den Brand bei der ECA berichtet. Zum Artikel geht es hier.

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