Veranstaltungen und die Pandemie

Wecholder Konzert-Organisatorin findet viele Corona-Maßnahmen ungerecht

Die Fußballstadien sind voll. Aber um auf dem Weihnachtsmarkt eine Bratwurst essen zu dürfen oder ein Konzert zu besuchen, muss man 2G+ erfüllen.
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Die Fußballstadien sind voll. Aber um auf dem Weihnachtsmarkt eine Bratwurst essen zu dürfen oder ein Konzert zu besuchen, muss man 2G+ erfüllen.

Wechold/Verden – Immer wieder fühlt sich Jeanette Atherton, als würde sie gegen eine Gummiwand laufen, abprallen und zurückfallen. „Das laugt aus“, sagt die Wecholderin, die vor sieben Jahren die Event-Agentur „Jump-i“ gegründet hat. Die Corona-Pandemie sei für die Kulturszene eine ganz schwere Zeit. „Es geht immer zwei Schritte vor und dann drei Schritte zurück“, hat Atherton das Gefühl. „Die Leichtigkeit ist flöten gegangen.“

2020 war das Jahr der Absagen: „Mir sind 76 Konzerte weggebrochen“, sagt Atherton. Dieses Jahr waren es weniger – was allerdings daran lag, dass „Jump-i“ von vornherein weniger Musiker und Kleinkünstler für öffentliche Veranstaltungen vermittelt hatte.

Dass es regelmäßig neue Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gibt, ist für Atherton nachvollziehbar. „Natürlich muss die Pandemie bekämpft werden“, sagt sie. „Aber ich finde viele Maßnahmen ungerecht.“

Veranstaltungsverbote, begrenzte Teilnehmerzahlen, 3G, 2G, 2G+ – immer wieder mussten sich Agenturen, Veranstalter und Künstler seit Beginn der Coronakrise auf neue Vorgaben einstellen und flexibel reagieren. Die Ungewissheit war stets da: Macht es überhaupt Sinn, ein Event zu planen? Wie können wir die Maßnahmen umsetzen? Und: Können wir das menschlich verantworten? „Ich will ja auch auf keinen Fall, dass sich auf meiner Veranstaltung jemand ansteckt“, sagt Atherton.

Bei zwei geplanten Konzerten sind die Beteiligten jüngst zu dem Schluss gekommen, sie wegen der aktuellen Bedingungen abzusagen: Sowohl der „Weihnachtszauber“ mit Gabrielle Heidelberger und Thomas Bierling im Domherrenhaus in Verden am 12. Dezember als auch „Sing das Ding“ im Restaurant „Liekedeeler“ in Verden am 17. Dezember fallen aus, sagt Atherton. „Wenn durch 2G+ nur drei, vier Leute kommen, lohnt es sich einfach nicht.“

Sie hofft auf das nächste Jahr. Für den 7. Mai plant „Jump-i“ mit der Lebenshilfe ein Musik-Festival in Verden. Und wie 2021 soll es in den warmen Monaten wieder die „Open Stage“ auf dem Verdener Rathausplatz geben, der erste Termin ist der 14. Mai 2022. „Das war wegen der Corona-Vorgaben dieses Jahr wahnsinnig aufwendig. Aber wir haben das gerne gemacht“, sagt Organisatorin Atherton.

Die Musiker sind ausgehungert, das Publikum auch. „Die Menschen brauchen Kultur.“ Online-Formate seien kein adäquater Ersatz. „Ein Livekonzert ist einfach ein ganz anderes Erlebnis. Das Schöne ist, dass es nicht nur Aktion gibt, sondern auch Interaktion zwischen Musikern und Publikum.“

Unfair findet Atherton, dass die Regeln nicht für alle gleich sind. „Die Fußballstadien sind voll. Aber um auf dem Weihnachtsmarkt eine Bratwurst essen zu dürfen oder ein Konzert zu besuchen, muss man 2G+ erfüllen.“ Die Politik nehme die Kultur nicht wichtig genug. „Dabei kommen in normalen Zeiten über Kultur so viele Steuergelder in die Kasse.“

Um Künstler und Kulturschaffende in der Pandemie zu unterstützen, haben Bund und Länder verschiedene Hilfsprogramme gestartet. Das Fazit von Atherton zu diesen Hilfen fällt durchwachsen aus. Sie selbst hat keine Unterstützung vom Staat bekommen: „Ich bin durchs Raster gerutscht. Ich habe zwei Mal Geld beantragt und zwei Mal nichts bekommen.“ Zum Glück arbeite ihr Mann in einer Branche, die nicht unter der Coronakrise leide. Ferner hat Atherton neben der Organisation und Umsetzung von Events noch mehrere andere Standbeine, unter anderem Fotografie und Webseitengrafik.

Von Künstlern, mit denen sie zusammenarbeitet, hat die Wecholderin gehört, dass das Geld oft erst sehr spät floss. „Es wurde vielen geholfen, aber viele sind auch hinten runter gefallen.“ Die bürokratischen Hürden seien zum Teil sehr hoch gewesen, sagt Atherton und spricht von seitenlangen Papieren, „durch die man nicht durchsteigt“. Von manchem Kulturschaffenden hat sie gehört, dass er zur Agentur für Arbeit gehen musste. Andere haben den Job gewechselt. „Der Kulturszene sind einige Menschen verloren gegangen. So wie der Gastronomie.“

Jeanette Atherton wünscht sich, dass es für Künstler weitere, leicht zu beantragende Hilfen gibt. Und dass die Politik an sie denkt, bevor neue Corona-Maßnahmen beschlossen werden. Einen dringenden Appell richtet die Wecholder Konzert-Organisatorin an ihre Mitmenschen: „Lasst euch impfen! Wenn mehr Leute geimpft wären, würden wir ganz woanders stehen.“

Von Mareike Hahn

Livekonzert, wie es noch vor Corona war.

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