Fragen rund um den Klimawandel

Forstwissenschaftlerin Tanja Wohlers im Interview: „Wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft“

Fortschritt braucht Dialog. „Durch Gespräche kommen wir ins aktive Denken“, sagt Tanja Wohlers.
+
Fortschritt braucht Dialog. „Durch Gespräche kommen wir ins aktive Denken“, sagt Tanja Wohlers.

Hoya/Asendorf – Was bedeutet der Klimawandel für die Menschen in der Region, und was können sie tun, um ihn noch aufzuhalten? Mit diesen Fragen hat sich Tanja Wohlers vom Landfrauenverein Hoya intensiv beschäftigt. Antworten gibt die Forstwissenschaftlerin im Interview.

Frau Wohlers, Sie halten beim Landfrauenverein Hoya einen Vortrag mit dem Titel „Verbraucherinnen an die Macht“. Was steckt dahinter?

Da spiele ich mit dem Glauben, dass wir durch unseren Konsum wesentlich unseren ökologischen Fußabdruck reduzieren können. Ich sage „Glauben“, weil ich davon überzeugt bin, dass unser Einfluss als Verbraucher nur begrenzt ist. Viel mehr müssen wir politisch und gesellschaftlich aktiv sein, um Veränderungen zu bewirken.

Also funktioniert die viel zitierte Abstimmung mit den Füßen nicht?

Ich denke, sie hat nur kurzfristig einen Effekt. Als 1995 die Leute aus Protest gegen die geplante Versenkung der Öl-Plattform Brent Spar im Atlantik nicht mehr bei Shell getankt haben, hat das sicher gegen die Meeresverschmutzung etwas bewirkt, aber nicht gegen den Öl-Verbrauch im Allgemeinen.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Damit Umwelt- und Klimaschutz in die Köpfe kommen, müssen wir anfangen, darüber zu reden – auch privat. Ich hoffe, meine Veranstaltung kann dazu einen Teil beitragen. Ich möchte nicht einfach etwas vortragen, sondern den Teilnehmern auch immer wieder Gelegenheit geben, sich untereinander auszutauschen.

Aber mit Reden wird die Erderwärmung wohl kaum aufzuhalten sein.

Nein, natürlich nicht. Aber statt nur Fakten zu konsumieren, kommen wir durch Gespräche ins aktive Denken, hören Standpunkte von Menschen, die uns im alltäglichen näher sind und so leichter als Vorbilder dienen können. Wir überdenken unsere moralischen Grundsätze und können durch weitere Gespräche dann auch gesellschaftliche und politische Prozesse beeinflussen. Es ist ein Domino-Effekt. Der Klimawandel trifft uns alle, und nur gemeinsam können wir die Entwicklung verlangsamen.

Also noch mal konkret: Was ist zu tun?

Wir müssen davon wegkommen, immer mehr natürliche Ressourcen zu verbrauchen. Stattdessen brauchen wir eine Kreislaufwirtschaft, in der das eingesetzte Material wieder und wieder verwendet werden kann. Es heißt immer, die Menschen produzieren Dinge. Dabei wandeln wir nur Stoffe um, und die landen dann im schlechtesten Fall im Müll. Wenn ein Elektrogerät kaputt ist, werfen wir es weg. Für jedes Produkt, welches wir konsumieren, kommt mehr Kohlenstoff in Luft und verstärkt den Treibhauseffekt.

Auf die von Ihnen beschriebenen Prozesse haben Konsumenten in der Tat kaum Einfluss.

Ja, aber es ist natürlich auch im Privaten gut, möglichst auf Einwegprodukte zu verzichten. Es gibt zum Beispiel auf dem Wochenmarkt in Hoya einen Stand mit unverpackten Waren. Die mitgebrachten Gläser und Dosen sind im Grunde eine Art Kreislaufwirtschaft im Kleinen – im Gegensatz zur Verpackung der Produkte aus dem Supermarkt, die einfach im Müll landet. Aber beim Unverpackt-Stand einzukaufen, setzt natürlich ein entsprechendes Bewusstsein voraus.

Womit wir wieder bei Ihrem Kernanliegen angekommen sind. Wie ist eigentlich die Idee entstanden, das Thema Klimaschutz für die Landfrauen aufzuarbeiten?

Ich war vor zwei Jahren bei einem Vortrag zum Thema Plastik bei den Landfrauen. Da tauchte die Frage auf, was besser für die Umwelt ist: Einweg, Tetrapak oder Dose. Der Referent antwortete damals, das könne man nicht so einfach beantworten, und da dachte ich mir: Doch, das ist jetzt schon wichtig. Also habe ich angefangen, selber nachzuforschen.

Was haben Sie herausgefunden?

Das ist alles gleichschlecht. Das gilt übrigens auch für Hemdchenbeutel im Vergleich zu Papiertüten in der Obstabteilung im Supermarkt. Um den CO2-Verbrauch bei Verpackungen wirklich zu senken, bräuchte es ein regionales Pfandsystem für Gläser.

Am Wochenende hat die UN-Klimakonferenz in Glasgow begonnen. Welches Signal wünschen Sie sich von dem Treffen der Staatschefs?

Eigentlich ist 2015 in Paris schon das Wichtige passiert (Die Vereinten Nationen haben sich das Ziel gesetzt, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, Anm. d. Red.). Wir brauchen jetzt nicht mehr Regeln, wir brauchen mehr Umsetzung. Die Konferenz ist ein Anlass, das gemeinsame Ziel wieder ins Bewusstsein zu holen.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Menschen in der Region?

Durch die Erwärmung verdunstet mehr Wasser. Es regnet mehr, und die extremen Wetterereignisse nehmen zu. Das ist schon jetzt die Realität.

Aber hat es Starkregen, Hitzeperioden und Ähnliches nicht früher auch schon gegeben?

In der Vergangenheit gab es immer wieder einzelne Ereignisse dieser Art, das ist richtig. Aber jetzt beobachten wir diese Phänomene stärker und häufiger und dieses weltweit. Diese Entwicklung ist ohne Zweifel eine Folge des Klimawandels. Das ist nicht meine Meinung, das sind wissenschaftlich belegbare Fakten.

Und trotz dieser alarmierenden Erkenntnisse schlagen Sie vergleichsweise leise Töne an.

Jede Veränderung ist schwer, verlangt Verantwortungsbewusstsein und Disziplin. Wichtig ist, dass wir nicht resignieren. Der Journalist Dirk Steffens hat einmal gesagt: „Wir müssen immer hoffnungsvoll bleiben, sonst kommen wir gar nicht ins Handeln.“ Deshalb halte ich nichts davon, mit Schreckensszenarien zu arbeiten. Nicht Wissen schützt die Natur, sondern Emotionen. Das habe ich bei meiner Arbeit als Waldpädagogin mit Kindern festgestellt. Wir müssen lernen, dass wir in einer Mitwelt leben, nicht in einer Umwelt.

Zur Person

Tanja Wohlers (49) kennt sich aus mit dem Ökosystem Wald. Das erste Referat über CO2-Gehalt in der Luft hat die studierte Forstwissenschaftlerin vor mehr als 20 Jahren gehhalten. Nach der Uni hat die Asendorferin begonnen, auf dem landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Familie mitzuarbeiten. Seit einigen Jahren ist sie als Waldpädagogin tätig. Tanja Wohlers ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Diebe stehlen Corona-Schnelltests

Diebe stehlen Corona-Schnelltests

Diebe stehlen Corona-Schnelltests
ASN eröffnet Testzentrum in Bücken

ASN eröffnet Testzentrum in Bücken

ASN eröffnet Testzentrum in Bücken
Testzentrum Bücken eröffnet: ASN hält 9000 Test-Kits für Dezember bereit

Testzentrum Bücken eröffnet: ASN hält 9000 Test-Kits für Dezember bereit

Testzentrum Bücken eröffnet: ASN hält 9000 Test-Kits für Dezember bereit
Testzentrum Hoya: ASB sucht Personal und plant Ausweitung der Öffnungszeiten

Testzentrum Hoya: ASB sucht Personal und plant Ausweitung der Öffnungszeiten

Testzentrum Hoya: ASB sucht Personal und plant Ausweitung der Öffnungszeiten

Kommentare