Schwierige Verhandlungen im Vorfeld

150. Jubiläum des Wecholder Kirchenschiffs: Ein Überblick

Das neue Gotteshaus in Wechold bietet jetzt Platz für mehr als 800 Besucher.
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Das neue Gotteshaus in Wechold bietet jetzt Platz für mehr als 800 Besucher.

Wechold – In diesem Jahr besteht das Kirchenschiff der Wecholder St.-Marien-Kirche 150 Jahre. Mit Blick auf die Bedeutung, die der Neubau damals für die wegen ihrer Frömmigkeit bekannten Gemeinde hatte, werden rückblickend die wichtigsten der zum Bau führenden Begleitumstände der Jahre 1865 bis 1871 zusammengefasst.

Das alte, wie der Turm in Teilen noch aus dem zwölften Jahrhundert stammende Kirchengebäude hatte sich für die ständig wachsende Gemeinde zunehmend als zu klein erwiesen und war auch außerordentlich reparaturanfällig. Der damalige Pastor August Fulda notierte: „Die kleine Kirche konnte sonntags die Besucherzahl nicht fassen. Etwa 50 Jahre hindurch, von 1820 bis 1870, mußte ein Teil der Besucher im Gottesdienst stehen. Vor und nach der Predigt wechselten die Leute ab. Wer zuerst gestanden hatte, konnte sich dann setzen.“

Es wurden daher Überlegungen angestellt, ein neues und größeres Gotteshaus zu bauen. Über dessen Standort, Beschaffenheit, Baustil, Ausstattung und Finanzierung gab es deutlich unterschiedliche Vorstellungen zwischen Gemeinde, Kirchenvorstand und Königlichem Konsistorium. Erst nach jahrelangen und intensiven Auseinandersetzungen gab es ein Ergebnis. Die Gemeinde wollte eine Kirche ähnlich der alten. Die Siebenmeier Wührden und Mehringen sowie der Meier zu Hingste pochten auf den Erhalt ihrer Rechte, auf der Empore eigene Priechen (Kirchenstühle) zu nutzen. Das Konsistorium favorisierte einen stilistisch ganz anderen Neubau und der Kirchenvorstand sorgte sich um die Kosten des Projektes.

Nachdem von den beiden Kirchenvorstehern Carl Stegemann (Mehringen) und Johann Hinrich Williges (Wechold) sowie dem Zimmermeister Ratge (Hoya) etliche Kirchenneubauten der vergangenen Jahre besichtigt worden waren, fand besonders der 1862 eingeweihte Neubau der St.-Johannis-Kirche in Rosche bei Uelzen Anklang und diente Ratge als Vorlage eines Entwurfs. Der Kirchenvorstand nahm daraufhin Kontakt zu dem für den Bau in Rosche verantwortlichen Landbaumeister Ernst Wilhelm Wagner (1806 bis 1877) aus Verden auf. Wagner unterstützte den Ratge-Entwurf. Diesen lehnte jedoch das Konsistorium – vornehmlich in Person seines Konsistorialbaumeisters Conrad Wilhelm Hase – rundweg ab. Hase befürwortete einen gänzlich anderen, und zwar den Ansprüchen kirchlicher Würde und Architektur genügenden Gewölbebau.

Nach langem Hin und Her und vom Konsistorium aufgebautem Druck – die Ausgangslage war nach einem Blitzeinschlag im Sommer 1868 noch verworrener geworden – trafen schließlich am Sonntag, den 17. Januar 1869, Hase, Wagner und Kirchenvorstand im Pfarrhaus zusammen, um eine endgültige Entscheidung herbeizuführen. Letztlich konnte Hase dann doch von dem Wagnerschen Entwurf nebst Kostenvoranschlag überzeugt werden. Man beschloss, an den Turm, der stehen bleiben sollte, ein neues Kirchenschiff zu bauen. Dieses Konzept fand auch die Zustimmung des Konsistoriums.

Mit der Durchführung des gesamten Abriss- und Neubau-Projektes wurde der Zimmermeister Steimke aus Bücken beauftragt, die Modalitäten in einer 288 Punkte umfassenden Instruktion festgelegt, die selbst kleinste Details regelte.

Am 15. März 1870, dem Sonntag Cantate, feierte man unter großer Teilnahme der Gemeinde zum letzten Mal den sonntäglichen Gottesdienst in der alten Kirche. Tags darauf begannen die Abbrucharbeiten, wobei die Steine als Fundament für die neue Kirche verwendet wurden. Anschließend ging es an den Neubau, dessen feierliche Grundsteinlegung am 17. Juli 1870 erfolgte. Dieser hatte kontraktgemäß bis spätestens zum 15. Oktober 1870 unter Dach und Fach zu sein. Eine Frist, die jedoch nicht eingehalten wurde. Für die restlichen Arbeiten – außer den Malerarbeiten – galt eine Frist bis zum 31. Juli 1871.

Das Kirchenschiff ist im neugotischen Stil gebaut worden und entspricht mit seinen seitlichen Eingangsrisaliten und dem an der Ostseite mehreckig angelegten Altarraum in weiten Bereichen dem Vorbild in Rosche. Das Innere der Kirche wird durch die Emporen in ein großes Mittelschiff und zwei kleinere Seitenschiffe geteilt. An Material wurden verarbeitet: 400 Fuder Sand aus Eitzendorf, 225 Tonnen Kalk aus Lüneburg, Zement aus Hameln, 35 Wagen mit Bauholz aus Bücken sowie 264 000 Steine und 11 500 Dachpfannen.

Die Kirche erhielt einen neuen Altar, eine neue Kanzel mit Schalldeckel und ein Lesepult. Der Figurenschmuck am Altar zeigt neben dem Gekreuzigten mit Johannes dem Täufer, Mose mit den Gesetztafeln, Thomas, Paulus, Jakobus und Matthias weitere bedeutende biblische Gestalten. An der Kanzel befinden sich – wie schon an deren Vorgängerin – die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes mit ihren jeweiligen Insignien. Die Auswahl dieser zehn Figuren symbolisiert sowohl den Übergang vom Alten auf das Neue Testament, als auch die Verkündigung des Wort Gottes durch die Evangelisten.

Während der Bauzeit feierte die Gemeinde den Gottesdienst in der zu diesem Zweck umgebauten Pfarrscheune. Man hatte an der nach Osten gelegenen Giebelseite einen kleinen Vorbau errichtet, der den Altarraum bildete. Altar, Kanzel und Gestühl waren aus der alten Kirche hierher gebracht worden. Allerdings konnte diese „Notkirche“ nur unzureichend beheizt werden. Im Winter 1870/71 soll es darin bitterkalt gewesen sein. Der Gottesdienstbesuch wurde dadurch jedoch nicht beeinträchtigt – „frommes Wechold“ eben.

Die Arbeiten konnten im November 1871 trotz der anfänglichen Verzögerung fristgerecht abgeschlossen werden. Die Kirche bot jetzt Platz für mehr als 800 Besucher. Zudem sind zwölf separate Kirchenstühle (Priechen) errichtet worden, von denen einer dem Siebenmeier Stegemann wegen seiner vielfältigen Bemühungen um den Neubau geschenkt wurde.

Pastor Gustav Adolf Fulda hat 1871 die Kirche eingeweiht.

Die Kirche erhielt eine von der hannoverschen Orgelbauanstalt Friedrich Becker angefertigte Orgel, die über mehr als 1 053 Pfeifen, 20 Register, zwei Manuale und ein Pedal verfügt. Sie nimmt wegen der Vielzahl ihrer Klangfarben und in Verbindung mit der ausgezeichneten Akustik der Kirche unter den Orgeln im ganzen Kirchenkreis Syke-Hoya eine herausragende Stellung ein.

Am 17. Dezember 1871, dem dritten Advent, weihte die Gemeinde das neue Gotteshaus ein. In einer feierlichen Prozession wurden die Bibel, die Agende und die heiligen Gefäße aus der provisorischen Kirche geholt und anschließend die neue Kirche umrundet. Am Portal übergab dann Baumeister Wagner Pastor Fulda den Schlüssel, mit dem dieser die Kirche aufschloss und anschließend die Gemeinde hineinführte. Danach hielt Superintendent Karl Christoph Konrad Ebert aus Hoya die Weiherede und sprach das Weihegebet. Pastor Eichhorn predigte im Anschluss daran über eine der Perikopen des Tages, bevor der Eitzendorfer Pastor Bohne mit der Schlussliturgie den feierlichen Einweihungsgottesdienst beendete.

Die Kosten des Kirchenneubaus beliefen sich auf rund 15 000 Taler. Die Summe brachte die Kirchengemeinde weitgehend selbst auf. Diese nahm hierfür bei der Sparkasse Bruchhausen ein Darlehn von 10 000 Talern auf. 1873 wurde auf Initiative des Kirchenvorstehers Stegemann von Kaiser Wilhelm I. „auf Grund Allerhöchster Gnadenbewilligung“ ein Zuschuss von 2 400 Talern geleistet. Die Gemeinde hatte im Gegenzug diese „allerhöchste Gnade“ in einem Dankesschreiben anzuerkennen. Weitere Spenden und Kollekten trugen dazu bei, dass bereits 1875 der Restbetrag des aufgenommenen Darlehns in Höhe von 4 124 Talern zurückgezahlt werden konnte.

Weitere Informationen

Eine ausführliche Darstellung der damaligen Geschehnisse findet sich in dem 2018 veröffentlichten Werk „Wechold – Chronik 816 - 2016“ des Autorenteams Ingrid Meyer, Herbert Campe und Uwe Campe.

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