Andreas Winkelmann liest im Filmhof Hoya in einer Doppelrolle aus seinen Büchern vor

Kein Mann für seichte Kinderliteratur

Nach der Lesung konnten die Zuhörer noch Bücher kaufen und mit dem Autor ins Gespräch kommen. Foto: Uwe Campe

Hoya - Von Uwe Campe. Es spricht schon sehr für einen Schriftsteller, wenn es ihm gelingt, einen Teil seiner Fangemeinde in einem nicht eben kleinen, aber fast vollständig gefüllten Kinosaal zu versammeln und diese anschließend – für eine Lesung ungewöhnlich lang – mehr als zwei Stunden auf gleichermaßen fesselnde wie humorvolle Weise zu unterhalten. Dem gebürtigen Liebenauer, heute in Hoyerhagen lebenden Thrillerautor Andreas Winkelmann, der unter den Pseudonymen Frank Kodiak und Hendrik Winter auch Horrorromane und Love-Storys schreibt, ist genau dieses am Dienstagabend im Filmhof zum wiederholten Mal gelungen.

In der als Doppellesung von Winkelmann und seinem „Kollegen“ Kodiak angekündigten Veranstaltung trug der 51-Jährige, der schon in seiner Kindheit von unheimlichen Geschichten fasziniert war und 2007 mit dem Roman „Der Gesang des Scherenschleifers“ debütierte, aus seinen jüngsten Veröffentlichungen „Die Lieferung“ und „Das Fundstück“ vor. Auch wenn die jeweiligen Passagen immer an den spannendsten Stellen abbrachen – der Zweck einer Lesung besteht schließlich darin, die Verkaufszahlen eines Buchs anzukurbeln – ließen diese doch die zu erwartenden, für Winkelmann typischen Abgründe und Absurditäten nur zu deutlich erahnen, darüber hinaus aber auch der Fantasie der Zuhörer breiten Raum. Vieles erinnerte an den amerikanischen Bestsellerautoren Stephen King, manches trug aber durchaus auch kafkaeske Züge.

Zwischen den einzelnen gelesenen Kapiteln erzählte der studierte Sportwissenschaftler, der auch schon als Ausbilder bei der Bundeswehr, Sportlehrer, Versicherungskaufmann, Redakteur, Taxifahrer und Pizzabote tätig war, ebenso wortgewandt wie in den geschriebenen Passagen, aber auch gewürzt mit einer gehörigen Portion Humor, über Entstehungsgeschichte und Hintergründe seiner bislang erschienenen 18 Bücher.

Gleich zu Beginn erfuhren die größtenteils weiblichen Besucher, dass die getragene Brille nur Fensterglas enthalte und eine Forderung seines Verlegers sei, ihm ein intellektuelleres Äußeres zu verleihen. Zudem verriet er, dass es manchmal für eine Buchidee ausreichen würde, sich einfach nur an jemanden rächen zu wollen. So sei schon in seinem Erstlingswerk eine seiner Schwiegermutter auffallend ähnliche Person die Kellertreppe herabgestürzt. Auch der Roman „Die Lieferung“ sei aus Verärgerung über eine erst nach ungewöhnlich langer Wartezeit von einem Kurierdienst gelieferte Pizza entstanden, die sich dann auch noch in einem beklagenswerten Zustand befunden habe. Das seltsame Verhalten eines Zwei-Meter-Hünen auf der Zugfahrt von Bremen nach Augsburg führte zu der Erkenntnis: „Das wird mein nächster Psychopath“. Weitere eingestreute Anekdoten, etwa die bis ins letzte Detail geplante Besteigung des mit 116 Metern höchsten Hamburger Bergs Hasselbrack oder die Lesung in einer Kirche in Hannover, bei der das Lächeln der Pastorin aufgrund wiederholt verwendeter Kraftausdrücke zusehends gefror, lockerten die professionell gestaltete Lesung auf.

Im zweiten Teil überließ ein smart und charmant daherkommender Winkelmann dann seinem „Kollegen“ Frank Kodiak die Bühne, einem ungehobelten, chaotischen und versoffenen Typen mit Baseballkappe, der dennoch präzise, detailliert und unter die Haut gehend den Inhalt eines in einem Überlandbus zurückgelassenen Koffers beschrieb. Spätestens im Abschnitt „Pathologie“ wird den Besuchern dabei – je nach Grad der Empfindsamkeit – ein mehr oder weniger eisiger Schauer über den Rücken gelaufen sein.

Nachdem er noch kurz Buch- und Filmpläne des kommenden Jahres vorgestellt hatte, ging Winkelmann auf Fragen aus dem Publikum ein. Mit dem Vorschlag einer Besucherin, vielleicht auch einmal Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, konnte er sich jedoch nicht wirklich anfreunden. Für mindestens drei Leichen allein auf den ersten zehn bis 15 Seiten würde sich wohl kaum ein Verleger finden, begründete er seine Ablehnung.

Deutlich nach 22 Uhr, also zu einer Zeit, in der seinen Worten gemäß in Hoya die Lichter längst ausgegangen sein müssten, verabschiedete der Autor die Gäste auf den hoffentlich nicht allzu dunklen und unheimlichen Heimweg.

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