Kälbchen Gailswintha muss lernen, sich bei ihren Stallgefährten zu behaupten

„In der Kita ist sie der Boss“

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Jannik geht mit dem Milch-Shuttle von Box zu Box und befüllt die Eimer der Kälbchen der „Kita“.

Warpe - Von Julia Kreykenbohm. Ruhig geht Jannik mit dem Milch-Shuttle von einer geräumigen Box zur nächsten. In jeder stehen fünf bis acht Kälbchen, die sich aufgeregt ans Gitter drängen. Sie wissen genau: Jetzt ist Essenszeit! Was sie hingegen noch nicht begriffen haben ist, dass durch eine Öffnung nur jeweils ein Köpfchen passt und dass niemand hungrig bleiben wird.

Die Serie

Vom Stall in den Iglu

„In der Kita ist sie der Boss“

Es wird ordentlich geschubst und gedrängelt. Weg da, weg da! Manchmal muss Jannik eingreifen, in die Box gehen und ein Kälbchen zu einer Öffnung dirigieren, bis jedes seinen Platz gefunden hat. Aus der Nachbarbox erklingt aufgebrachtes Muhen. Hat er uns etwa vergessen? Nein, hat er nicht. Der Auszubildende auf dem Hof Bünkemühle in Warpe zieht mit seinem rollenden Wägelchen weiter und füllt die Eimer, die vor jeder Öffnung hängen. In jeden rund zwei Liter Vollmilch. Sofort verschwinden die kleine Schnäuzchen in der weißen Flüssigkeit. Mithilfe eines Hebels verschiebt Jannik eine Stange der Öffnung, so dass der Kopf des Kälbchens fixiert wird. Das heißt, das Tier kann diesen erstmal nicht mehr zurückziehen. Wenn die Kälbchen anfangen, am Gitter zu rütteln, sieht das schlimm aus – dient aber dem Wohl der Tiere. „Wenn wir sie nicht fixieren, würden die Stärkeren die Schwächeren wegschubsen und aus verschiedenen Eimern trinken“, erläutert Hofbesitzer Conny Derboven. Und zuviel Milch kann bei den Tieren zu Durchfall führen. „Außerdem beugen wir auf diese Weise vor, dass die Kälbchen sich gegenseitig belecken.“

Der „Saugreflex“ überfällt die kleinen Vierbeiner nämlich immer, sobald sie Milch trinken. Dann drängt ihr Instinkt sie dazu, die nächste Zitze zu suchen. Da ihre Mamas nicht greifbar sind, suchen sie diese bei ihren Stallgefährten und das birgt eine Gefahr. Auf der Suche nach den Zitzen belecken sie auch den Nabel, was zu einer Infektion führen kann. Oder die Kälber saugen direkt an den Zitzen. Dadurch kann das junge Drüsengewebe zerstört werden. Die Folge: Sie können später, als Kuh nicht so viel Milch geben.

Insgesamt gibt es sechs Kleingruppen, die die sogenannte „Kita“ des Hofes Bünkemühle bilden. In jeder Gruppe stehen Kälbchen zusammen, die in der selben Woche geboren wurden. In einer von ihnen ist auch Gailswintha. Die ist inzwischen stolze vier Wochen alt und hat sich nach ihrer Zeit im Iglu – eine Art Plastikhaus mit Verschlag – gut in der „Kita“ eingelebt. „Sie ist der Boss in der Gruppe“, berichtet Derboven und schmunzelt. Das sei typisch für diesen Familienstamm. Auch Gailswinthas Vorfahren seien ruhig, aber dominant gewesen. „Sie drangsalieren keine anderen Kühe, um ihre Position zu behaupten. Sie haben einfach ein gewisses Auftreten, das die anderen Tiere respektieren. So wie manche Menschen das ja auch haben.“

Wenn Derboven über seine Tiere spricht, fallen dem Zuhörer noch mehr Ähnlichkeiten zwischen Kühen und Menschen auf – oder in diesem Fall zwischen Kälbchen und Kindern. „Wenn sie in die Kita kommen, sollen sie lernen, sich durchzusetzen und in einer Gruppe miteinander auszukommen. Aber man muss sie auch genau beobachten und gegebenenfalls eingreifen.“ Schnell entbrennt ein Wettkampf darum, wer den Ton angibt. Doch wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. „Es gibt Kälbchen, die ruhiger oder ängstlicher sind. Wenn diese dann ständig von den anderen gepiesackt werden, werden sie depressiv und stehen nur noch in der Ecke.“

In diesem Fall muss „Kindergarten-Leiter“ Derboven eingreifen und das Kälbchen „zurückstufen“. „Es kommt dann in eine neue Gruppe mit jüngeren Kälbchen. „Manche haben wir zwei- bis dreimal zurückgestuft, bis es auch endlich mal ein Erfolgserlebnis hatte und sich wohlfühlt. Dann blühen die Kälber wieder auf.“ Ihr Wohlbefinden sei enorm wichtig, denn glückliche Kühe sind weniger anfällig für Krankheiten.

Inzwischen haben die Kälbchen ihre Milch ausgetrunken und Jannik wirft zwei Portionen Mischfutter in die Eimer, das sogenannte „Kälber-Müsli“. Darin ist Mais, Kleie, Popcorn, Hafer und auch Leinsamen enthalten. „Wir wollen sie nun schrittweise von der Milch auf Raufutter umstellen“, erläutert Derboven. Denn erst durch das Futter entwickeln sich die Pansenzotten im Magen der Kuh, die wiederum nötig sind, damit sie später ihr Essen wiederkäuen kann. Das heißt: Kühe sind nicht von Geburt an Wiederkäuer, sondern müssen dorthin gebracht werden. Die Umstellung dauert etwa 70 Tage.

Bei den Kälbchen kommt das „wichtige“ Futter allerdings bislang eher mäßig an. Die Enttäuschung darüber, dass es keine Milch und dafür dieses seltsame Müsli gibt, ist ihnen anzusehen. Wie Kinder, die Schokolade erwarten und Gemüse vorgesetzt bekommen. Doch sie werden sich daran gewöhnen müssen. Den ganzen Tag über wird dafür gesorgt, dass ihr Eimer voll ist, damit sie immer mal wieder davon naschen können. 300 bis 500 Gramm sollen sie pro Tag zunehmen.

Nach der Mahlzeit ziehen sich einige Kälbchen in den hinteren Teil ihres Stalls zurück, der zur Sonnenseite hin geöffnet ist, damit die Bewohner es luftig und warm haben. Da sie in den Iglus noch unter anderen Bedingungen gelebt haben, brauchen sie auch jetzt im Stall noch einen geschützten Bereich. Dafür wurden die sogenannten „Himmel“ eingebaut. Das sind Zwischendächer, die je nach Temperatur hoch und runter gestellt werden können. Jetzt im Winter stehen sie eher tief.

Während ein paar Kälbchen unter den „Himmeln“ dösen, haben andere die Frau entdeckt, die vor ihren Boxen mit Derboven spricht. Einige lugen neugierig durch die Gitter, andere stecken ohne Scheu den Kopf heraus. Gailswintha bleibt als eine der wenigen unbeeindruckt. Fast so, als wolle sie sagen: „Ganz ruhig, Mädels, ich kenne die schon. Die tut nix, die will nur knipsen.“

Tierische Lebensläufe

Weibliche Kälbchen werden entweder Milchkühe oder gehen in die Zucht. Nur ein verschwindend geringer Teil von ihnen geht in die Mast und wird mit 16 bis 18 Monaten geschlachtet. Grund für die wenigen Kälbermastbetriebe in Norddeutschland ist das Essverhalten der Verbraucher, die eher selten nach Kalbfleisch verlangen. In Süddeutschland, wo dieses Fleisch beispielsweise in der Weißwurst verwendet wird, sieht das anders aus. Der überwiegende Teil der norddeutschen männlichen Kälber geht in die Bullenmast. Sie werden im Alter von 18 bis 20 Monaten geschlachtet. Im Landkreis Diepholz gibt es jedoch nur sehr wenige Bullenmastbetriebe. Die Tiere werden häufig ins Emsland, nach Westfalen oder auch nach Holland zur Mast transportiert.

Unsere Serie

Moderne Landwirtschaft steht immer wieder in der Kritik – insbesondere die Massentierhaltung schreckt Verbraucher ab. Einen Stall haben die meisten jedoch noch nicht von innen gesehen. Wie funktioniert moderne Landwirtschaft wirklich? Welchen Stellenwert hat das Tierwohl? Diese Serie will aufklären und verfolgt deshalb den Lebensweg des Kälbchens Gailswintha.

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