Julia Wältring erzählt in der Kleinkunstdiele von ihren Erlebnissen in Kolumbien

„Ein Fortschritt, aber noch lange kein Frieden“

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Julia Wältring aus Martfeld hat zwei Jahre für den zivilen Friedensdienst „Peace Brigades“ gearbeitet.

Bücken - Von Jana Wohlers. Einen Blick über den Tellerrand hinaus warfen kürzlich die Besucher der Veranstaltungsreihe „Geschichten von hinter dem Horizont“ in der Kleinkunstdiele in Bücken. Die Martfelderin Julia Wältring bot einen beeindruckenden Einblick in die Menschenrecht-Situation in Kolumbien, einem Land, in dem die Straflosigkeit – also die Unmöglichkeit, Täter zur Rechenschaft zu ziehen – bei mehr als 90 Prozent liegt und es für Grundstücke zwar oft einen Käufer, aber offiziell gar keinen Verkäufer gibt.

Wältring, die zwei Jahre lang für den zivilen Friedensdienst „Peace Brigades International“ („pbi“) in Kolumbien unterwegs war, wusste ihre Zuhörer mit Details aus dem Leben der kolumbianischen Bevölkerung zu fesseln: Als Schutzbegleiterin hat sie Menschenrechtsverteidiger, darunter Friedensgemeinden, Anwaltskollektive und Frauenverbände, bei deren Arbeit begleitet.

Das Land Kolumbien liegt im Norden Südamerikas und verfügt durch seine Grenzen zum Pazifischen Ozean und zum Karibischen Meer über große Küstenflächen. Aber auch teilweise vollkommen unberührte Weide- und Landflächen bietet der Staat mit dem tropischen Klima. Zahlreiche verschiedene Gruppierungen zählen zu den Bewohnern.

Die traurige Bekanntheit Kolumbiens basiert vor allem auf dem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt innerhalb des Lands, wo es immer wieder Bürgerkriege gab. „Die Ursache des Konflikts ist insbesondere die ungerechte Landverteilung. Es gibt zwar viele Menschen, aber die Macht liegt in den Händen weniger“, erklärte Wältring. „Die politische Kultur ist von Korruption und Gewaltanwendung geprägt.“ Die Hauptakteure des Konflikts seien die Polizei und das Militär, aber auch paramilitärische Gruppen und Guerillagruppen zählten dazu.

Die Hauptleidenden, die Zivilbevölkerung selbst, könnten eigentlich nur mittellos zusehen und müssten sich zahlreichen massiven Menschenrechtsverletzungen beugen. „Der Konflikt wird auf dem Rücken der einfachen Leute ausgetragen“, sagte Wältring.

Seit knapp zwei Jahren laufen in Kolumbien Friedensverhandlungen. Menschen, Institutionen und Organisationen, die sich für die Durchsetzung der Menschenrechte einsetzen, leben trotzdem gefährlich: „Es gibt oftmals Todesdrohungen und auch richtige Ermordungen. Die Friedensverhandlungen bedeuten Fortschritt, aber noch lange keinen Frieden.“

Die „Peace Brigades International“ setzen sich für Gewaltfreiheit, Nichtparteinahme und Nichteinmischung ein. Zu ihren Methoden zählen unter anderem internationale Schutzbegleitungen, internationale Beobachtungen sowie das Informieren und Kommunizieren mit verschiedenen Partnern.

Dabei bleiben die „pbi“ aber größtenteils passiv. „Wir sind eine helfende Hand, mischen uns aber nicht in die Handlungen von beispielsweise Menschenrechtsorganisationen ein“, erklärte Wältring. Oftmals sei die Anwesenheit der Schutzbegleiter entscheidend: In ihren weißen T-Shirts und mit auffälligen Fahnen zeigten sie deutliche Präsenz.

Julia Wältring hat in ihrer Zeit in Kolumbien unter anderem ein Anwaltskollektiv, das in abgelegenen Landabschnitten Zeugenaussagen aufnahm und Bildungsarbeit leistete, begleitet. „Es ist absolut beeindruckend zu sehen, was teilweise junge Menschen in Kolumbien leisten. Sie begeben sich in Lebensgefahr, um für die Menschenrechte einzutreten und beweisen ein unglaubliches Geschick, dieses Denken der Zivilbevölkerung zu vermitteln“, findet Wältring.

Was in der Theorie vor Gericht als „Recht“ gesprochen wird, sieht in Kolumbien in der Realität oftmals ganz anders aus. Menschen würden aus ihrer Umwelt vertrieben; Unterdrückung, Missbrauch, Gewalt und Massaker stünden auf der Tagesordnung.

Mit einem Filmausschnitt zeigte Wältring eindrucksvoll, wie präsent das Thema Kolumbien auch im Alltag eines deutschen Bürgers sein kann. „In Kolumbien müssen ganze Gemeinden für den Ölpalmenanbau weichen“, erklärte die Referentin. Ob im Sprit zum Tanken, im Lippenstift zum Schminken oder in der Margarine auf dem Frühstücksbrot – ein Stück Kolumbien in Form von Palmöl hat wohl jeder zuhause.

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