Die 96-jährige Anni Hagedorn erinnert sich an den Angriff vor 75 Jahren

Inferno auf dem Fliegerhorst

Gedenksteine erinnern an die Opfer der schrecklichen Ereignisse. Fotos: Uwe Campe

Hoya - Von Uwe Campe. Zum 75. Mal jähren sich jetzt, Anfang April, zwei Ereignisse, die im Bewusstsein der heutigen Generation kaum noch präsent sind, die gleichwohl aber das ganze Ausmaß des Schreckens und der Sinnlosigkeit des sich in seinen letzten Zügen befindlichen Krieges in der hiesigen Region verdeutlichen: die Bombardierung des am östlichen Ortsrand von Hoya gelegenen Fliegerhorstes am 4. April und die Sprengung der Weserbrücken am 7. April.

Der nicht mehr regelmäßig mit einer Fliegerstaffel besetzte und 1944 zum „Luftgausanitätspark XI“, das heißt, als Lager für Medikamente und Verbandsmaterial umfunktionierte Fliegerhorst, spielte militärisch nur noch eine untergeordnete Rolle. Immerhin waren dort aber in den letzten Kriegsmonaten neben Soldaten auch etwa 80 bis 100 Luftwaffenhelferinnen stationiert. Hingegen kam den beiden Weserbrücken logistisch und strategisch eine ungleich größere Bedeutung zu, deren Verlust sich in den Folgejahren noch lange negativ auf die regionale Infrastruktur auswirken sollte.

Anni Hagedorn geborene Budelmann aus Eystrup, die seit 1943 als mit Verwaltungsaufgaben betraute Zivilangestellte auf dem Fliegerhorst im Büro des Rechnungsführers tätig war, erlebte das Inferno, dem sie nur durch eine glückliche Fügung entgangen ist, aus unmittelbarer Nähe. Die sich eines guten Gedächtnisses erfreuende 96-jährige Seniorin erinnerte sich in einem Gespräch noch genau an die Geschehnisse dieses Tages. „Es war ein sehr schöner Frühlingstag und ich wollte in einer freien Stunde gegen Mittag das schöne Wetter ausnutzen und bin gemeinsam mit einer Kollegin zu einem kleinen Fahrradausflug über das Rollfeld Richtung Hassel gestartet. Als wir die Bahnstrecke passiert hatten, bemerkten wir, dass sich aus nordöstlicher Richtung Tiefflieger näherten. Wir ließen sofort unsere Räder fallen und warfen uns an der erstbesten Grabenböschung in Deckung, wo wir – das Gesicht ins Gras gedrückt – verharrten, bis der dann mit einem höllischen Getöse einsetzende Angriff vorüber war. Das Erste, was ich sah, als ich mich nach einigen Minuten wieder unbeschadet erhob, um zu dem Fliegerhorst zurückzukehren, war eine riesige Staubwolke, die das ganze Gelände einhüllte. Der Flugplatz war mit Kratern übersät und ein Großteil der Verwaltungsgebäude und der Hallen hatte Volltreffer erhalten und war zerstört. In den Ruinen lagen tote Helferinnen, von denen ich viele kannte.“

Wie aus dem von Otto Gumprecht verfassten Bericht in dem von Elfriede Hornecker 1999 herausgegebenen Buch „Zeitzeugen“ hervorgeht, sollen die viermotorigen Bomber so tief geflogen sein, dass man die geöffneten Bombenschächte sehen konnte. Zunächst waren Rauchmarkierungen abgeworfen worden, dann pflügten die Bomben das Rollfeld regelrecht um, zudem wurden Unterkünfte und Anlagen getroffen und dem Erdboden gleich gemacht. Auch das Sanitätsgebäude wurde von zwei Volltreffern völlig zerstört.

21 Luftwaffenhelferinnen im Alter zwischen 21 und 25 Jahren, die im Keller des Gebäudes Schutz gesucht hatten, kamen bei dem Angriff ums Leben. Wie sich Anni Hagedorn erinnert, seien von den Überlebenden, die in den wenigen Luftschutzkellern des Fliegerhorstes Zuflucht gefunden hatten, anschließend viele noch lange Zeit stark traumatisiert gewesen.

Drei Tage später sind von deutschen Pionieren, die sich in den Gebäuderesten des Fliegerhorstes verschanzt hatten, beide Weserbrücken gesprengt worden. Durch die Wucht der Detonation wurden fast sämtliche Fensterscheiben und sehr viele Dächer Hoyas zerstört. Der Einmarsch der Engländer, der gleichzeitig das Ende der aktiven Kriegshandlungen vor Ort nach sich zog, konnte damit allerdings nicht lange aufgehalten werden. Die Sprengung hatte aber zur Folge, dass die zunächst in einer unzerstört gebliebenen Halle hinter dem Parkhaus aufgebahrten Opfer des Luftangriffes, zu denen auch ein Kanonier und ein Stabsfeldwebel zählten, nicht in Hoya, sondern ohne größere Feierlichkeiten in einem Massengrab in Hassel bestattet wurden. Auf dem dortigen Friedhof erinnern zwei Gedenksteine namentlich an sie.

Begleitet von zwei Luftwaffenhelferinnen, die vorerst nicht mehr in ihre Heimatorte Bremen und Goslar zurückreisen konnten, kehrte Anni Hagedorn nach dem Angriff zu ihren Eltern nach Eystrup zurück. Diese hatten, als sie von der Bombardierung in Hoya erfuhren, zunächst keine genauen Informationen über das Schicksal ihrer Tochter gehabt und waren schon vom Schlimmsten ausgegangen.

Ein Herzenswunsch der hochbetagten Dame, die inzwischen ihren Lebensabend in einem Altenheim in Eystrup verbringt, ist, dass sich die schrecklichen Geschehnisse, die sie vor nunmehr 75 Jahren erleben musste, nicht noch einmal wiederholen mögen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Hochsommerliche Hitze stellt sich ein

Hochsommerliche Hitze stellt sich ein

Tierische Begegnungen in Badeseen

Tierische Begegnungen in Badeseen

Vogelbeobachtung ist nicht nur etwas für Nerds

Vogelbeobachtung ist nicht nur etwas für Nerds

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz

Meistgelesene Artikel

Wietzen: Einbruch in Einfamilienhaus

Wietzen: Einbruch in Einfamilienhaus

Lesen mit Fingerspitzengefühl

Lesen mit Fingerspitzengefühl

Ohne Führerschein mit gestohlenem Auto unterwegs

Ohne Führerschein mit gestohlenem Auto unterwegs

Oyle: Strohpresse und Stoppelfeld geraten in Brand

Oyle: Strohpresse und Stoppelfeld geraten in Brand

Kommentare