Arnold Korth berichtet über 1945 

Flucht aus Ostpreußen: „Ich wollte auf keinen Fall in Gefangenschaft geraten“

Friedrich Graf zu Dohna (links) und Arnold Korth besprachen ihre gemeinsamen Pläne für künftige Treffen der Schlobitter und Prökelwitzer. - Foto: Horst Friedrichs

Bücken/Nordholz - Von Horst Friedrichs. Friedrich Graf zu Dohna lächelt verständnisvoll, als Arnold Korth am Samstag bei sich zu Hause in Bücken sagt: „Ich will aufhören.“ Der Graf lächelt weiter, nickt, und dann klärt er den Fall auf seine einfühlsame Weise, indem er antwortet: „Dann machen wir es eben gemeinsam. Wir beide machen weiter.“ Und schon ist der 92-jährige Arnold Korth an diesem Sommerabend überredet, auch künftig die Treffen der Schlobitter und Prökelwitzer zu organisieren.

Anschließend schauen sie das Fußballspiel Deutschland gegen Italien – der heute 83-jährige Sohn des ostpreußischen Adligen Alexander Fürst zu Dohna, der 1945 einen Flüchtlingstreck bis nach Hoya führte, und Korth, der betrübt feststellt: „Wir werden immer weniger.“ Trotzdem blicken er und seine Ehefrau Lisa unternehmungslustig in die Zukunft. Den Grafen an ihrer Seite zu wissen, gibt ihnen Zuversicht – so wie dessen Vater es einst vermochte, als er die ihm Anvertrauten auf der Flucht vor der Sowjetarmee in die Freiheit des Westens brachte.

Immerhin noch 30 Schlobitter und Prökelwitzer haben sich am Sonntag – dem Tag nach dem umjubelten Sieg der deutschen Fußballnationalelf – im Landhaus Hünecke in Nordholz getroffen. Bei dem Wiedersehen ist zu spüren, dass die Teilnehmer in ihrer einstigen Heimat Ostpreußen zu einer großen Familie zusammen gewachsen waren. Damals zählten die Werte einer festgefügten Gemeinschaft noch viel. Zudem erinnern sich die Zeitzeugen gerne an „ihren Fürsten“. Denn das Adelsgeschlecht zu Dohna hatte die Menschen über Jahrhunderte mit Lohn und Brot versorgt.

„Wenn ich das Land noch hätte, wäre ich ein Fürst“, sagt Friedrich Graf zu Dohna und fügt schmunzelnd hinzu: „Dann müssten Sie mich mit ,Euer Durchlaucht‘ ansprechen.“ Beim Besuch am Sonnabend im Hause Korth in Bücken lässt er auch jenen Satz nicht aus, mit dem er seine Gesprächspartner wissen lässt, dass er sich nicht erhaben fühlt: „Das Blut in meinen Adern ist nicht blau, sondern ganz normal rot.“ Heute lebt „Graf Fritz“, wie er liebevoll genannt wird, in Tankstedt bei Norderstedt in Schleswig-Holstein. Nach Bücken kommt er am Samstag per Auto. Dort angekommen, begrüßt er in der Wohnung des Ehepaars Korth auch Hoyas Filmemacher Rolf Zacher. Dessen Leinwandwerke über die örtliche Nachkriegsgeschichte schließen Produktionen ein, die in Zusammenarbeit mit „Graf Fritz“, Arnold Korth sowie den anderen Schlobittern und Prökelwitzern entstanden sind.

Korth versteckte sich vor russischen Truppen

Den Treck, der 1945 mit 350 Menschen und 140 Pferden in Schlobitten aufbrach, hat der Sohn des Fürsten selbst nicht mitgemacht. „Mein Vater hatte mich schon 1944 in Sicherheit gebracht, zu Verwandten an der Görlitzer Neiße“, berichtet Friedrich Graf zu Dohna in gemütlicher Runde bei Korths. „Ich war damals elf Jahre alt.“ Mit den Vorbereitungen der Flucht hatte sein Vater schon 1943 begonnen.

Heute treffen sich die Schlobitter und Prökelwitzer jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende. Das Landhaus Hünecke in Nordholz ist ihr Stammlokal, wo sie in vertrauter Runde die Erinnerung an die Vergangenheit pflegen und dabei auch derer gedenken, die die beschwerliche und gefahrvolle Flucht aus ihrer ostpreußischen Heimat nicht überlebten.

Arnold Korth hat mit der Organisation der Treffen vor 15 Jahren gemeinsam mit seinem Schulfreund Jochen Prinz aus Münster begonnen. Damals, 2001, war Alexander Fürst zu Dohna gestorben; zuvor hatte er die seinerzeit noch im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Treffen organisiert. Korth und Prinz übernahmen die Aufgabe und veranstalteten die Treffen fortan jährlich. Seit fünf Jahren organisiert Arnold Korth die Zusammenkünfte in eigener Regie, unterstützt von Ehefrau Lisa. Hilfe gab es aber auch in jüngster Vergangenheit schon von „ihrem“ Grafen, der ihnen nun mit verstärkter Tatkraft zur Seite stehen wird.

Auch Arnold Korth, ein Prökelwitzer, nahm vor sieben Jahrzehnten an dem Treck aus Schlobitten – dem heutigen Slobity in Ermland-Masuren – nicht teil. Als junger Soldat versteckte Korth sich gegen Kriegsende in Schlesien vor den russischen Truppen. „Ich wollte auf keinen Fall in Gefangenschaft geraten“, schildert er die Zeit seiner ausgestandenen Todesängste. Und tatsächlich schaffte auch er es, in die Freiheit zu gelangen. Sieben Monate lang war er zu Fuß aus dem Riesengebirge unterwegs, bis er erfuhr, dass in Hoya, auf dem Rittergut von Behr, der Treck des Fürsten zu Dohna angekommen war. Die Wiedersehensfreude mit seinen Landsleuten übertraf nun fast noch seine Freude, am Leben geblieben zu sein.

Beim Besuch am Samstag in Bücken zollt „Graf Fritz“ dem langjährigen Weggefährten Arnold Korth denn auch höchste Anerkennung für sein Lebenswerk.

Gottesdienst und Filmvorführung

Am Sonntag nahmen die 30 Schlobitter und Prökelwitzer zunächst an einem Gottesdienst in der Bücker Stiftskirche teil. Anschließend ging es für sie ins Landhaus Hünecke in Nordholz , wo Bückens Bürgermeister Wilhelm Schröder sie in einer Ansprache willkommen hieß.

Zuvor hatte Friedrich Graf zu Dohna die Teilnehmer des Treffens begrüßt. Nach einem Film über Schlobitten folgte ein Zusammensein in gemütlicher Runde, bei dem es viel zu erzählen gab und auch heitere Geschichten aus der gemeinsamen Vergangenheit zum Besten gegeben wurden.

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