Einblicke in das sportliche Schutzdiensttraining

Hundesportverein Hoya: „Artgerecht beschäftigen statt scharf machen“

Mit 35 Kilometer pro Stunde saust Schäferhund Crack über die Wiese. Angekommen beim „Täter“ alias Schutzdiensthelfer Sven Reising, wartet der Hund auf den Befehl, in den Schutzarm beißen zu dürfen.
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Mit 35 Kilometer pro Stunde saust Schäferhund Crack über die Wiese. Angekommen beim „Täter“ alias Schutzdiensthelfer Sven Reising, wartet der Hund auf den Befehl, in den Schutzarm beißen zu dürfen.

Hoya – Das Training beim Verein Teampartner-Hund-Hoya sieht zwar gefährlich aus. Aber dabei werde kein Tier scharf gemacht, sondern ausschließlich artgerecht beschäftigt.

Mit rund 35 Kilometer pro Stunde und voller Energie saust der belgische Schäferhund Crack, ein sogenannter Malinios, über den Übungsplatz des Hundesportvereins Teampartner-Hund-Hoya bis hin zu einer Holzwand, hinter der sich der „Täter“ versteckt. Bellend und zähnefletschend hat er ihn nach nur wenigen Sekunden entdeckt und sofort gestellt. Nun wartet Crack nur auf das Signal, zubeißen zu dürfen.

Der „Täter“ muss nur kurz mit dem Arm zucken und das Tier beißt hinein, zerrt mit voller Kraft daran. Gefährlich sieht das Ganze aus. Aber mit nur einem Kommando lässt der Schäferhund von dem „Täter“ alias Schutzdiensthelfer Sven Reising ab. Nach erneutem Anbiss schenkt dieser ihm seine Beute, den ergatterten Schutzarm, mit dem der Hund schließlich ruhig und stolz wie Oskar über die Wiese rast.

Menschen, die diese Szene womöglich nur aus der Ferne beobachten, könnten schnell den Eindruck erhalten, die Vereinsmitglieder würden ihre Vierbeiner durch ein solches Training absichtlich auf aggressives Verhalten trimmen. Doch das sei keineswegs der Fall: „Es geht uns hier um eine artgerechte Hundeschutzausbildung, nicht darum die Tiere scharf zu machen“, verdeutlicht Mitglied Andreas Krüger und Experte in Sachen Schutzdienstausbildung. Er selbst bildet Hunde unter anderem für Sicherheitsdienste aus. Dabei gehe es tatsächlich darum, dass das Tier seinen „Führer“ verteidigt, wofür auch ein gewisses Maß an Aggressivität notwendig sei. Der Verein Teampartner-Hund-Hoya setzt jedoch ausschließlich auf den sportlichen Schutzdienst nach der Internationalen Gebrauchshundeprüfungsordnung (IPG). Dabei gehe es darum, den Spiel- und Beutetrieb auszubilden, die natürlichen Triebe in die richtige Bahn zu lenken und den Hund artgerecht zu beschäftigten.

„Wir benutzen das, was bei dem Tier genetisch vorgegeben ist“, erläutert Andreas Krüger. Sogenannte Gebrauchshunderassen, darunter der Deutsche Schäferhund, der Rottweiler und der belgische Malinois, hätten in früheren Zeiten noch ganz andere Aufgabenfelder übernommen. Beispielsweise hütete der Vierbeiner die Schafsherde, beschützte den Schäfer und passte auf Familie, Haus und Hof auf. „2021 sind diese Aufgaben jedoch komplett andere, der Hund weist die genetischen Merkmale aber weiterhin auf“, versucht der Experte das Problem verständlich zu machen. Solche Tiere müssten daher ihrer Genetik entsprechend und somit artgerecht beschäftigt und bewegt werden. „Einen solchen Hund nur in der Wohnung zu halten und ab und zu mal mit ihm Gassi zu gehen, das reicht nicht aus, und wäre ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“, meint Krüger.

Aktuell nehmen acht Hunde an dem Schutzdiensttraining teil, worum es neben dem Stellen eines „Täters“ auch um Fährtenarbeit, wie das Finden einer Trittspur in einem Feld, sowie die Ausbildung der Unterordnung geht. Ist einer der Vierbeiner soweit, könne er anschließend mit seinem „Führer“ an einer Prüfung teilnehmen, die von dem Deutschen Verband der Gebrauchshundesportvereine (DVG) abgenommen werde. Bis dahin gibt es jedoch einiges zu lernen. „Die Grundbasis für die dienstliche als auch für die sportliche Schutzdienstausbildung ist die gleiche. Hund und Mensch müssen ein gutes Team sein. Mit der Zeit soll der Mensch Geist und Verstand des Hundes sein“, sagt Andreas Krüger. Anschließend könne gemeinsam mit Schutzdiensthelfer Sven Reising geübt werden.

Rottweiler Boy und Herrchen Frank Wohltmann (links) sind noch am Anfang der Ausbildung. Bis zu 100 Wiederholungen braucht es, bis ein Hund begreift.

Mit einem speziellen Anzug, der ihn vor den Hundekrallen schützt, und einem Schutzarm ausgestattet, stellt er sich beispielsweise in ein Versteck und wartet dort auf den Hund, oder aber er geht mitten auf der Wiese auf ihn zu und gemeinsam simulieren sie eine Fluchtverhinderung oder eine Angreifer-Situation. Letzteres sei auch für das Tier eine Mutprobe, denn „Hunde sehen uns viel größer, als wir wirklich sind. Dass der Vierbeiner sich trotzdem dieser Belastung ausgesetzt hat und auf Sven zugegangen ist, wird dann natürlich belohnt“, erklärt Experte Andreas Krüger.

Ein solcher Angriff – letztendlich ausgelöst durch das Wort „Stell“ – ist aber auch für den Schutzdiensthelfer kein Zuckerschlecken: Sven Reising muss einiges an Kraft aufwenden, um dem Angriff des Tieres standhalten zu können. „Man braucht schon ein gewisses Maß an Fitness“, sagt er und muss nach dem Manöver erst mal durchatmen. Wichtig sei darüber hinaus die Fähigkeit, die Energie zu steuern, um sich selbst und den Hund nicht zu verletzen. Schutzdiensthelfer, auch Figuranten genannt, haben also einiges zu beachten, weswegen dafür eine Ausbildung benötigt werde.

Auch der zweijährige Rottweiler Boy beginnt gerade seine Schutzdienstausbildung mit Herrchen und Vereinsmitglied Frank Wohltmann sowie Figurant Sven Reising. Bei ihm läuft es allerdings noch nicht so rund wie bei dem erfahrenen Schäferhund Crack. „60 bis 100 Wiederholungen jeder einzelnen Sequenz sind nötig, bis das Tier begreift“, weiß Andreas Krüger. Diese muss auch noch sein 13 Wochen alter Welpe Cooper durchlaufen, der später einmal die Aufgaben eines Sprengstoffspürhundes übernehmen soll. Bei ihm startet Sven Reising nicht direkt mit dem Schutzarm, sondern einem weichen Staubwedel, in den der Welpe beißen soll. Für jeden Erfolg gibt es ein Leckerchen oder ein Lob.

Welpe Cooper übt zunächst mit einem Staubwedel.

Das Training mit den Tieren mag also zwar auf den ersten Blick gefährlich oder gar angsteinflößend wirken, doch direkt im Anschluss an die Übungen sind die Hunde wieder vollkommen neutral. „Nach dem Befehl aufzuhören, erfolgt ein Triebwechsel. Das bedeutet die Tiere wechseln von der hohen Beutephase in vollkommene Ruhe.

Sie sind absolut nicht gefährlich und können gestreichelt werden“, erklärt Experte Andreas Krüger. Es gehe bei dem Beutespiel im Rahmen des sportlichen Schutzdiensttrainings auch niemals um die Person, sondern immer nur um das geliebte Spielzeug, welches in diesem Fall der Schutzarm sei. Deswegen noch einmal: „Dass wir die Hunde hier scharf machen, ist ein absoluter Irrglaube. Und alle, die sichergehen wollen, können gern vorbei kommen und sich das Ganze einmal anschauen“, betont auch der Vereinsvorsitzende Norbert Bormann.

Weitere Informationen

Neben der Schutzdienstausbildung bietet der Verein die Ausbildung von Welpen und Junghunden an. Zudem gibt es die Möglichkeit, die Prüfung für den Hundeführerschein abzulegen. Details unter www.teampartner-hund-hoya.de.

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