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Katheder statt Kanzel: Philipp Spitta war Musikwissenschaftler und Bach-Biograf

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Von: Uwe Campe

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Philipp Spitta hat seine Wurzeln in Wechold. Er wurde 1841 in dem 1832 errichteten und 1967 durch einen Neubau ersetzten ehemaligen Pfarrhaus in der Gemeinde geboren.
Philipp Spitta hat seine Wurzeln in Wechold. Er wurde 1841 in dem 1832 errichteten und 1967 durch einen Neubau ersetzten ehemaligen Pfarrhaus in der Gemeinde geboren. © uwe campe

Wechold – Im zweiten Teil der Reihe „Von Hoya in die Welt“ soll nun der Lebensweg des in Wechold geborenen Musikwissenschaftlers Philipp Spitta nachgezeichnet werden.

Julius August Philipp Spitta, so sein vollständiger Name, erblickte am 27. Dezember 1841 im erst wenige Jahre zuvor neu errichteten Pfarrhaus von Wechold das Licht der Welt. Er war das zweite von insgesamt acht Kindern (sechs Jungen und zwei Mädchen) des Theologen und Dichters Philipp Spitta (1801 bis 1859) und Marie Spitta geb. Hotzen (1819 bis 1883), die 1837 geheiratet hatten.

Die Spittas kamen ursprünglich aus Flandern und sind schon früh zum reformierten Glauben konvertiert. Aus der Familie sind später eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervorgegangen. Die Mutter Marie (geboren Hotzen) war die Tochter eines bereits früh verstorbenen Oberförsters aus Grohnde bei Hameln. Ihr Bruder, der Architekt Adelbert Hotzen (1830 bis 1922), erwarb sich zwischen 1863 und 1865 Verdienste um die Restaurierung der Bücker Stiftskirche sowie der nach seinen Plänen gebauten Mittelschule (heute Grundschule) in Hoya.

Philipp Spitta.
Philipp Spitta. © Uwe Campe

Philipp Spitta sen., bekannt als Dichter von „Psalter und Harfe“, war ein wichtiger Vertreter der norddeutschen Erweckungsbewegung. 1837 übernahm er, zuvor als Gefängnisseelsorger in Hameln tätig, die Pfarrstelle in Wechold. In seinem neuen Haus, das er als freundlich und wohnlich empfand, ging es eigenen Worten zufolge schön und herrlich zu, seine junge Frau Marie schaltete darin, dass ihm das Herz lachte.

Es kann daher wohl davon ausgegangen werden, dass die vier in Wechold geborenen Kinder – neben Philipp die Brüder Heinrich (1840 bis 1914) und Ludwig (1845 bis 1901) sowie Schwester Elisabeth (1847 bis 1924) – ihre ersten Lebensjahre in einem behüteten und musisch ausgerichteten Umfeld verbrachten. Nach zehn glücklichen Jahren endete die Wecholder Zeit dann jedoch 1847 und Pastor Spitta folgte dem Ruf nach Wittingen, um dort die Stelle des Superintendenten zu übernehmen.

Nachdem Sohn Philipp zunächst von Hauslehrern unterrichtet worden war, besuchte er ab 1856 das Lyzeum in Hannover und ab 1858 das Gymnasium in Celle. Dort legte er im Frühjahr 1860 die Reifeprüfung ab. Im selben Jahr schrieb er sich als Theologiestudent an der Georg-August-Universität in Göttingen ein, offenbar dem Wunsch des im Jahr zuvor plötzlich verstorbenen Vaters nachkommend. Allerdings scheint es ihm mit dem Theologiestudium nicht allzu ernst gewesen zu sein, denn er soll zunächst ausschließlich Vorlesungen in Alte Geschichte und Musikgeschichte besucht haben, um schließlich im Sommer 1861 auch formell zur Klassischen Philosophie zu wechseln, in der er dann auch 1864 promovierte.

In Göttingen sammelte der Student erste künstlerische Eindrücke durch Kontakte zu Musikerpersönlichkeiten aus dem Umfeld des später mit ihm befreundeten Komponisten Johannes Brahms (1833 bis 1897). Dessen Rat folgend, gab er eigene musikalische Ambitionen bald wieder auf und betätigte sich mehr und mehr wissenschaftlich.

Für den Zeitraum von 1864 bis 1866 findet man Philipp Spitta als Gymnasiallehrer in den Fächern Griechisch und Latein an der Ritter- und Domschule im estländischen Reval (heute Tallinn) wieder. Nachdem er Anfang 1865 das niedersächsische Oberlehrer-Staatsexamen abgelegt hatte, heiratete er im selben Jahr in Göttingen Mathilde Grupen (1841 bis 1928), mit der er die Kinder Marie Elisabeth (1866 bis 1896) und Oscar (1870 bis 1950) hatte. Aus Reval ließ er sich 1867 als Oberlehrer an das Gymnasium im thüringischen Sondershausen versetzen.

Schon in Reval hatte Philipp Spitta ausgiebige Forschungen zum Leben und Wirken von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) begonnen, die er in Sondershausen fortsetzte und deren Ergebnisse er 1873 im ersten Band seiner Bachbiografie veröffentlichte. Durch diese Arbeit, die den damals noch weitgehend Unbekannten nach Worten eines Zeitgenossen „mit einem Schlage zu den höchsten Ehren der Wissenschaft erhob“, erlangte er beträchtliche Anerkennung. Bereits im April 1874 führte das neu erlangte Renommee zu einer Berufung als Oberlehrer an die Leipziger Nikolaischule. In Leipzig schloss er dann den 1880 erschienenen zweiten Band der Bachbiografie ab und gehörte außerdem mit zu den Gründern des dortigen Bach-Vereins.

Sicherlich gefördert durch die unerwartete Popularität, wurde Philipp Spitta schon im April 1875 zum zweiten ständigen Sekretär der Königlichen Akademie der Künste in Berlin berufen und kurz darauf auch zum nebenamtlichen Universitätsprofessor sowie zum Lehrer für Musik an der dortigen Königlich akademischen Hochschule für Musik ernannt. 1882 erhielt er zudem von der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin (heute Humboldt-Universität) eine außerordentliche Professur für Musikwissenschaft.

Neben seiner Bachbiografie, die trotz einiger seit 1950 erfolgter Korrekturen auch heute noch zu einer der wichtigsten Veröffentlichungen über den großen Komponisten des Spätbarock zählt, erlangte Philipp Spitta durch die Herausgabe der Gesamtausgaben der Werke von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) und Dietrich Buxtehudes (1637 bis 1707) zusätzliche Bekanntheit. Daneben verfasste er zahlreiche Schriften, Aufsätze und Vorträge zu musikwissenschaftlichen Themen.

Philipp Spitta, dem heute eine zentrale Rolle bei der Etablierung der Musikwissenschaft zugeschrieben wird, verstarb am 13. April 1894 in Berlin und wurde in einem Ehrengrab der Stadt auf dem evangelischen Neuen Friedhof in Tempelhof-Schöneberg bestattet. Sein Wirken wurde unter anderem durch die Benennung von Straßen in Berlin, Leipzig und Sondershausen, jedoch auch eine 1993 über ihn erschienene Dissertation gewürdigt. Freund Johannes Brahms widmete ihm die zwei Motetten op. 74.

Quellen

.  Sandberger, W. (2010): Spitta, Julius August Philipp. In: Neue Deutsche Biografie (NBD), Band 24. Berlin.

.  Campe, U. (2018): Wechold Chronik 816 - 2016. Wechold.

.  Wikipedia – Die freie Enzyklopädie.

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