VON HOYA IN DIE WELT

Der „Kulturpapst“: Dr. Julius Elias war Autor, Kunstsammler, Mäzen und Dozent

Das Porträt von Julius Daniel Elias fertigte der Maler Max Liebermann an, über den Elias auch eine Biografie verfasste.
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Das Porträt von Julius Daniel Elias fertigte der Maler Max Liebermann an, über den Elias auch eine Biografie verfasste.

Hoya – Aus der Stadt Hoya, jedoch auch den umliegenden Gemeinden sind eine Reihe bedeutender Söhne und Töchter hervorgegangen. Einer von ihnen ist Dr. Julias Elias.

Selbst wenn sich bei vielen von ihnen der spätere Wirkungskreis nicht in der heimischen Region, sondern in den großen Städten Deutschlands und darüber hinaus befand, verbindet sie doch, hier ihre Wurzeln zu haben oder zumindest geboren zu sein.

In lockerer Folge sollen einige von ihnen unter der Überschrift „Von Hoya in die Welt“ näher vorgestellt werden. Den Auftakt macht Julius Elias, der es später in Berlin unter anderem als Autor, Dozent, Kunstsammler und Mäzen zu Reputation, Vermögen und Einfluss gebracht hat.

Der am 12. Juli 1861 in Hoya geborene Julius Daniel Elias entstammte einer alteingesessenen und angesehenen jüdischen Familie, die hier bereits 1733 erwähnt wurde und an der Deichstraße über Generationen als Kaufleute und Bankiers tätig war. Seine Eltern waren Louis Elias (1836 bis 1884) und Helene Elias geb. Alsberg (1840 bis 1866). Er hatte zwei jüngere Schwestern, die 1863 geborene Ida und die ein Jahr später zur Welt gekommene Anna.

Nachdem die Mutter bereits 1866 früh verstorben war, zog der Vater mit den Kindern nach Berlin, wo schon sein Bruder Max lebte. Über die folgenden Jahre ist wenig überliefert, bekannt ist aber, dass Julius Elias zunächst in Berlin und später in München, wo er auch promovierte, Germanistik und Literaturgeschichte studiert hat. Hingegen liegen über das weitere Schicksal der Schwestern keine Kenntnisse vor.

Nach dem Studium und der Rückkehr nach Berlin wurde er – offenbar in wohlhabenden großbürgerlichen Verhältnissen lebend – dort bald zu einer der zentralen Gestalten der aufblühenden Kunst- und Kulturszene. Das weite Feld seiner besonders der Malerei, der Literatur und dem Theater gewidmeten Aktivitäten kann mit den folgenden Beispielen nur ansatzweise umrissen werden. Befreundet mit dem Maler Fritz von Uhde legte er durch den Ankauf des Bildes „Der Trommler“ den Grundstock für eine bedeutende Gemäldesammlung. Um 1890 verkehrte er in Paris mit berühmten Malern wie Claude Monet, Camille Pissarro oder Paul Cézanne. Wieder in Berlin wurde Julius Elias als Dozent für Kunstgeschichte und als Kunstkritiker zum Vorkämpfer des Impressionismus in Deutschland. Intensiv setzte er sich auch mit den Arbeiten von Emil Nolde und Heinrich Zille auseinander.

Auch auf literarischem Gebiet war Julius Elias überaus produktiv. Als eifriger Anhänger des norwegischen Dramatikers und Lyrikers Hendrik Ibsen wurde er Herausgeber dessen ins Deutsche übersetzte Dramen und Briefe, später auch zu seinem Testamentsvollstrecker. Außerdem verfasste er ein Buch über die Geschichte der skandinavischen Literatur und beteiligte sich zwischen 1892 und 1925 maßgeblich an den von ihm begründeten „Jahresberichten für neuere deutsche Literaturgeschichte“, die er leitete und finanzierte. Ferner verfasste er eine Biografie über den Maler Max Liebermann, der seinerseits ihn und seine Ehefrau porträtierte.

Nicht zuletzt war der „Alte Elias“, wie Carl Zuckmayer ihn später mehrfach nannte – andere bezeichneten ihn als „Kulturpapst“, „Erzvater des Berliner Kunstlebens“ oder „Salonier zwischen Kunst und Literatur“ –, 1889 Gründungsmitglied der „Freien Bühne“. Dies ist ein Theaterverein, der als Wegbereiter des modernen naturalistischen Theaters in Deutschland gilt.

1888 heiratete Julius Elias die fünf Jahre jüngere Julie Levi (1866 bis 1943), die sich später als Modejournalistin und Autorin von Kochbüchern einen Namen machte. Mit ihr bekam Sohn Carl Ludwig (1891 bis 1942). Sie bewohnten das ererbte Haus Nummer 4 in der Matthäikirchstraße in Berlin, pflegten in einem großen Freundeskreis die Geselligkeit und waren besonders eng mit dem Ehepaar Max und Martha Liebermann befreundet. Mit ihnen teilten sie die Liebe zur französischen Küche. Als Gastgeberin wurde Julie Elias zeitgenössisch als „Kochkünstlerin“ gepriesen.

In der Berliner Gesellschaft erfreute sich das Ehepaar Elias wegen seiner Gastlichkeit und niemals versagender Hilfsbereitschaft allgemeiner Wertschätzung. Ihr Freundes- und Bekanntenkreis liest sich wie das „Who is who“ der damaligen Berliner Kulturszene und zeugt von einer weitreichenden Vernetzung: August Strindberg, Samuel Fischer, Emil Orlik, Max Slevogt, Gerhard Hauptmann, Louis Corinth, Edvard Munch und Paul Cassirer sind nur einige der vielen Bekanntschaften.

Neben bereits Etablierten finden sich darunter auch damals noch junge Talente wie Käthe Kollwitz oder Carl Zuckmayer, deren Begabung er mit sicherem Blick erkannte und denen neben vielen anderen seine bereitwillige und freigiebige Förderung galt. Die folgende Passage aus Zuckmayers autobiografischem Werk „Als wär’s ein Stück von mir“, die eine ihrer ersten Begegnungen beschreibt, vermittelt einen ungefähren Eindruck: „Klein, plattfüßig, mit einem chaplinesken Gang, dichtem grau meliertem Haar, Schnurrbart, Augenbrauen und stets vor Eifer und Enthusiasmus blitzenden Augen, schoß er wie eine Rakete auf einen zu, wenn man in sein Büro trat, und wem er nur die Hand gab, der musste an sich selbst glauben, ob er wollte oder nicht.“

Julius Elias war Kosmopolit und bewegte sich zwischen Deutschland, Frankreich, Schweden, Norwegen, Dänemark, Österreich und Italien. Gemäß seiner Biografin Slama-Steinfeld sah er sich „als europäischer Jude der wilhelminischen Epoche“. Seinen Geburtsort Hoya, wo noch sein gleichnamiger Vetter lebte, wird er wahrscheinlich zumindest anlässlich der Beerdigung seines Vaters im Jahr 1884, der neben seiner 1866 verstorbenen Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Hoyerhagen seine letzte Ruhe fand, aufgesucht haben.

Julius Elias starb am 2. Juli 1927 in Berlin nach notwendig gewordenen Operationen im Zusammenhang mit einer schweren Mittelohrentzündung. Bei der Trauerfeier im Krematorium Wilmersdorf sprachen unter anderem der Verleger Franz Ullstein und der Schriftsteller Carl Zuckmayer. Das Urnenbegräbnis ist heute nicht mehr erhalten.

Witwe Julie und Sohn Carl Ludwig flüchteten 1938 vor den Nazis nach Norwegen, nachdem ihnen von diesen große Teile ihrer Kunstsammlung geraubt worden waren. Die umfangreiche und unersetzliche Korrespondenz mit französischen Künstlern und die in mehr als 40 Jahren zusammengetragene Sammlung von Zeitschriften und Zeitungsausschnitten sollen sie bereits nach der Machtergreifung Hitlers verbrannt haben.

Der zum Rechtsanwalt ausgebildete Sohn Carl Ludwig wurde 1942 in Norwegen festgenommen und nach Auschwitz deportiert, wo er am 1. Dezember 1942 in einer Gaskammer den Tod fand. Der 1942 ebenfalls festgenommenen Witwe blieb ein solches Schicksal erspart, sie wurde wegen ihres Herzleidens nicht deportiert und starb – so der für sie angefertigte Stolperstein – am 23. August 1943 in einem Krankenhaus nahe der norwegischen Stadt Lillehammer.

Dr. Julius Elias erfuhr zahlreiche Würdigungen. Drei regionale Beispiele: Das Heimatmuseum Hoya erinnerte im Jahr 2002 mit einer Dokumentation an ihn und das Kreismuseum Syke ein Jahr später im Rahmen der Ausstellung „Juden im Hoyaer Land“ sowie 2014 innerhalb der Wanderausstellung „Stätten jüdischer Kultur in den Landkreisen Diepholz und Nienburg“.

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