Quellen aus 19. Jahrhundert

Friedrich Köneking übersetzt alte Gemeindeprotokolle aus Helzendorf

230 Stunden hat Friedrich Köneking für die Übersetzung der Protokolle gebraucht. - Fotos: Bert Strebe

Helzendorf - Von Bert Strebe. Vor Jahren haben sie mal Inventur gemacht. Haben geschaut, was an alten Dokumenten noch so lagert im Warper Dorfgemeinschaftshaus in Helzendorf. Mit dabei: Friedrich Köneking. Nicht als Schuhmachermeister Köneking aus Nordholz. Sondern sozusagen als Schriftgelehrter Köneking. Denn was alte Handschriften angeht, macht ihm so schnell niemand was vor.

Die alten Helzendorfer Akten sind aus heutiger Sicht nur schwer lesbar.

Damals wurde festgestellt, dass Teile der früheren Gemeindeprotokolle ausgerechnet aus Helzendorf im Dorfgemeinschaftshaus Helzendorf fehlten. Dann sind sie aber doch wieder aufgetaucht. Im Haus des ehemaligen Bürgermeisters Heinrich Rohlfs in Helzendorf Nr. 31 waren sie sicher verwahrt gewesen. Als das Haus verkauft wurde, landeten die Akten erst mal bei einem Nachbarn, und der konsultierte Friedrich Köneking. In der Gemeinde Warpe weiß man: Wenn es irgendwo ein schwer lesbares Papier gibt, geht man damit am besten zum Schuster. Der kann mehr, als Schuhe zu reparieren.

Und nun sind sie da. Fein säuberlich geführte Protokolle über das, was sich in der Bauernschaft Helzendorf zwischen 1842 und 1888 so alles ereignet hat. Jedenfalls das, was amtlich vermerkt wurde. Und das, was nicht verloren gegangen ist, denn ganz vollständig sind die Akten nicht.

In den 29 noch vorhandenen Jahrgangsheften, alle akkurat von einem Buchbinder fadengeheftet, geht es vor allem um Einnahmen und Ausgaben, aber auch um allgemeine Ortsangelegenheiten. In der „Gemeinderechnung vom 1ten May 1842 bis 1ten May 1843“ ist beispielsweise vermerkt, dass es keine Feuerspritze und keinen Nachtwächter gebe, dass aber als Hebamme die „Ehefrau des Friedrich Niehus in Nordholz für Helzendorf und Nordholz gemeinschaftlich“ tätig sei – nur deren eigenen Namen fand man nicht protokollierenswert. Für 1843 wurde festgehalten, dass „der Bauermeister Diers jedes Jahr an Salair 16 rthl 10 ggr. 8 pf“ erhielt – sprich: Carsten Diers, den man heute Bürgermeister nennen würde, wohnhaft Helzendorf 21, bekam 16 Reichstaler, zehn Groschen und acht Pfennige jährliche Aufwandsentschädigung. Das war nicht so viel. Zehn Reichstaler benötigte damals eine sparsame vierköpfige Familie, um einen Monat zu überleben.

Es gibt jede Menge kleine spannende oder auch witzige Details aus dem damaligen Gemeindeleben in den Protokollen. 1863, ist zu lesen, habe Helzendorf „zu den Baukosten der Kirche und Thurm in Bücken“ 149 Taler aufgebracht. 1864 wird ein Zuschuss von einem Reichstaler (und ein paar Zerquetschten) zu der „Gefangen- und Krankenfuhr-Casse für die Landgemeinden des Amts Hoya“ notiert. Einmal hatten die Helzendorfer „zur Reparatur der Weser Brücke“ in Hoya Geld gesammelt (zwei Taler, 22 Groschen, drei Pfennige), einmal „für den neuen Gottesacker in Bücken“ (zwei Taler, acht Groschen, keine Pfennige).

Und auch für Bedürftige musste ja was getan werden: Im „October 1842“ wurden neun Taler, 16 Groschen und sieben Pfennige „zur Unterhaltung der Wahnsinnigen im Amte“ zusammengetragen, und mit Unterhaltung war nicht Bespaßung gemeint. Im Jahr 1874 (inzwischen galt die Goldmark) musste Helzendorf fürs Porto geschlagene 1,30 Mark ausgeben. Im ganzen Jahr! Dafür würde die Post in Bücken heute nicht mal einen Standardbrief entgegennehmen.

Bei der Schrift, in der das alles notiert ist, handelt es sich um Ausformungen der deutschen Kurrentschrift. Man nennt dergleichen oft Sütterlinschrift, aber die gab es damals noch gar nicht. Friedrich Köneking kann Kurrentschrift lesen, weil seine Mutter Briefe von Tanten und Onkeln bekommen hat und der Junge das selbst lesen können wollte – also hat er es sich beigebracht. Die ersten amtlichen Dokumente, die er dann in lesbare heutige Schrift übersetzt hat, waren sogenannte Rezesse, Vereinbarungen über die Verteilung des Gemeindelandes an Bauern in Nordholz.

230 Stunden hat Friedrich Köneking diesmal an den Protokollen gesessen. 203. 622 Mal musste er eine Taste auf der Computertastatur drücken, 119 Seiten sind so entstanden. Die Originale liegen jetzt endlich da, wo sie hingehören: im Dorfgemeinschaftshaus in Helzendorf.

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