Die Linke besucht Förderschule

Gutenbergschule mit ungewisser Zukunft: „Lasst die Schule stehen!“

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Die Gutenbergschule gegen die Wand fahren? Diese drei Schüler bastelten ebenso wie ihre Mitschüler Schilder und Banderolen, um für den Erhalt ihrer Schule zu protestieren.

Hoya - Von Vivian Krause. Die Neuntklässler der Gutenbergschule Hoya haben gerade Englischunterricht. Wer den Text gerne vorlesen würde, fragt die Lehrerin. Nach anfänglicher Zurückhaltung meldet sich Jeremy, gefolgt von Noel. Beide Schüler tragen Textpassagen nahezu fehlerfrei vor. Die Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen (LE-Schule) besuchen Kinder und Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf. Entgegen vieler Vorurteile sitzt hier niemand im Rollstuhl. „Das Bild wird oft vermittelt“, sagt Elternratsvorsitzender Jens Volksbeck. „Die Schüler lernen einfach langsamer.“

Wie der Unterricht an der Gutenbergschule abläuft, wollte Jens Volksbeck den Mitgliedern des Kreisschulausschusses zeigen, in dessen Sitzung Dienstag die Zukunft der Schule ein Thema war.´Volksbeck hatte sie Dienstagmorgen zu einem Tag der offenen Klassentüren mit anschließender Diskussion nach Hoya eingeladen. Der Einladung gefolgt ist nur Viktoria Kretschmer (Die Linke).

Derzeit gibt es an der Gutenbergschule 48 Schüler von Klasse sechs bis einschließlich Klasse zehn. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie brauchen eine besondere Förderung. Gründe sind laut Volksbeck beispielsweise eine Lernbehinderung oder eine Lernverzögerung. An der Gutenbergschule gehe es darum, den Schülern den Schritt ins Berufsleben zu ermöglichen, sich mit jedem individuell zu beschäftigen. Und das ist laut Volksbeck nicht in großen Klassen wie an der Oberschule oder, wie von der Landesregierung an der Förderschule gefordert, in Gruppen von mindestens 13 Schülern möglich. „Es ist wichtig, in kleinen Gruppen zu sein.“ Er spricht von Klassengrößen von sieben bis acht Schülern.

Die Gutenbergschule habe einen guten Ruf in der Region, viele Eltern – beispielsweise aus Nienburg oder Pennigsehl – schicken ihre Kinder nach Hoya. So auch im Schuljahr 2018/2019. Die voraussichtliche Anzahl neuer Schüler schätzt Volksbeck auf etwa 15 Kinder.

Erinnerung an Landeswahlkampf

Volksbeck erinnert sich gut an die Versprechen während des Landtagswahlkampfs 2017. „Die CDU hat versichert, dass es keine weiteren Schließungen von LE-Förderschulen geben wird.“ Umso enttäuschender war es, dass kein Ausschussmitglied der CDU der Einladung des Elternratsvorsitzenden gefolgt war. Anwesend war nur Viktoria Kretschmer (Die Linke). Sie nutzte die Chance, einen Blick in die Klassenzimmer zu werfen und einen Eindruck vom Unterrichtsgeschehen zu bekommen. Kretschmer ist selbst Lehrerin. „Wir stehen als Partei für gesellschaftliche Inklusion“, sagte sie. Doch für sie ist es „unsinnig, alles kaputtzumachen, was für die Schüler gut ist“.

„Was haben wir als Schule für eine Chance?“, fragte Volksbeck. „Der Landkreis sagt seit Jahren, wir machen gute Arbeit.“ Dennoch hat er das Gefühl, „dass er uns loswerden will.“ Er blickte zurück ins Jahr 2017. Im November wurde eine erhöhte Konzentration polychlorierter Biphenyle (PBC) in der Gutenbergschule festgestellt. „Der Wert lag bei rund einem Zehntel von dem, was als Eingreifswert bezeichnet wird“, sagte Volksbeck. Der Eingriffswert liegt bei 3 000 Nanogramm pro Kubikmeter Raumluft, die Werte in zwei Räumen der Gutenbergschule betrugen 469 und 371 Nanogramm/m³. Eine Gesundheitsgefährung für Schüler und Lehrer bestand nicht, das Gebäude wurde und wird weiterhin genutzt (wir berichteten). „Aus meiner Sicht hat man einen Grund gesucht, dass wir die Schule verlassen“, sagte Volksbeck. Die Kreisverwaltung „hatte uns nahegelegt, innerhalb kürzester Zeit die leerstehenden Räumen der Friedrich-Fröbel-Schule in Nienburg zu ziehen“.

„Lasst die Schule stehen!“-Transparente

Jetzt geht es nicht nur um einen Umzug, sondern gar um die Schließung. Lehrer und Schüler fuhren Dienstag gemeinsam mit Schulleiter Hans Albrecht, einigen Eltern und weiteren Unterstützern der Schule nach Nienburg – selbst gebastelte Transparente und Schilder mit Aufschriften wie „Lasst die Schule stehen!“ im Gepäck. Dort tagte der Kreisschulausschuss. „Wenn er keine Empfehlung ausspricht, die Förderschulen zu erhalten, wird es diese Schulform im Landkreis künftig nicht mehr geben“, sagte Volksbeck. Neben der Hoyaer Förderschule betrifft die Entscheidung auch die Wilhelm-Busch-Schule in Rehburg. Ein Bericht über die Schulausschuss-Sitzung folgt.

Zum Hintergrund: Durch die neue Landesregierung besteht die Chance, die Laufzeit der Schulen zu verlängern. Der Landkreis als Schulträger kann dazu einen Antrag stellen (siehe Infokasten). Laut vom Landkreis erarbeiteten Beschlussvorschlag müssten Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Schulen in Hoya und Rehburg von jeweils 13 Schülern pro Jahrgang bis zur 9. Klasse besucht würden. Weiter steht in dem Dokument, dass bezweifelt werden muss, „dass gegenüber der Landesschulbehörde der Bedarf für eine Verlängerung der Förderschulen belegt werden kann“.

Kommentar zum Thema:

Zu hohe Hürden für Förderschulen: Unehrlich, aber mit Vollgas Richtung Wand

Von Michael Wendt

Wie man eine funktionierende Schulform vor die Wand fahren kann, zeigt das politische Vorgehen in Sachen Förderschule Lernen exemplarisch. Das Grundübel dabei ist die fehlende Ehrlichkeit der Landespolitiker sich selbst und anderen gegenüber. Die Inklusion ist ein netter Gedanke, aber sie erfordert einen hohen Personaleinsatz. Der ist in Zeiten von Lehrermangel – ehrlich gesagt – nicht zu leisten. So führt die Umsetzung der Inklusion zum genauen Gegenteil des Gewünschten: Einige Schüler werden abgehängt.

Der Lehrermangel wird auch der Grund dafür sein, dass das Kultusministerium über jede Schule weniger nicht traurig sein dürfte. Statt das ehrlich zu sagen, wird die Hürde, sprich: die nötige Minimal-Schülerzahl, so hoch gesetzt, dass Förderschulen auf dem Land sie nicht überspringen können. Und selbst wenn sie es können: Die auf 2028 begrenzte Perspektive, das ganze Hin und Her, machen es für sie schwierig, Personal zu binden oder gar zu finden.

Das ist so schade, denn die Gutenbergschule leistet eine herausragende Arbeit. 97 Prozent ihrer Schüler erreichen den Hauptschulabschluss, teilte die Schule 2016 mit. Motivierte, speziell ausgebildete Lehrer schaffen es, in kleinen Klassen auch schwierige Fälle aufs Berufsleben vorzubereiten. Ob das in den viel größeren Klassen einer inklusiven Oberschule auch gelingt? Ehrlich gesagt: Ich glaube nicht.

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