Eine Ära geht zu Ende

Gutenbergschule Hoya schließt am 9. Juli endgültig ihre Türen

Wenn Schulleiter Hans Albrecht in den Erinnerungen stöbert, die er über die Gutenbergschule gesammelt hat, zaubert ihm das ein Lächeln ins Gesicht.
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Wenn Schulleiter Hans Albrecht in den Erinnerungen stöbert, die er über die Gutenbergschule gesammelt hat, zaubert ihm das ein Lächeln ins Gesicht.

Hoya – Der lange Kampf um die Erhaltung der Gutenbergschule nimmt am 9. Juli sein Ende. Dann verlassen die letzten Schüler das Gebäude.

Der lange Kampf um die Erhaltung der Gutenbergschule nimmt am 9. Juli sein Ende. Dann verlassen die letzten Schüler das Gebäude. Mit ihnen verschwindet auch das besondere Förderangebot in Hoya von der Bildfläche. Schulleiter Hans Albrecht hatte sich in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Förderverein, Eltern und Schülern massiv dafür eingesetzt, das Angebot zu erhalten.

Doch vergebens. Von ehemals fünf Einrichtungen ist seine nun die letzte in der Region, die ihre Türen für Kinder mit besonderem Förderbedarf im Schwerpunkt Lernen für immer schließen muss. „Die Politik begründete diese Entscheidung mit dem bestehenden Inklusionsangebot an allen Schulformen“, erläutert Hans Albrecht die Hintergründe.

Jahrelang sei er wegen seiner Ansichten als Inklusions-Gegner verschrien worden. „Ich habe versucht, klar zu machen, dass das Inklusionskonzept noch Verbesserungspotenzial hat. Ich stehe zwar grundsätzlich hinter dem humanistischen Gedanken, doch man braucht eben auch gewisse Voraussetzungen, um ein solches Vorhaben starten zu können“, erläutert der Schulleiter. Seiner Meinung nach täte es gut, mehr zusätzliches Personal, welches sich an Regelschulen um die Betreuung der förderbedürftigen Kinder kümmere, einzustellen. „Aber Förderschullehrer sind absolute Mangelware“, verdeutlicht Hans Albrecht das Problem. Grundschulen seien diesbezüglich gänzlich besser versorgt als weiterführende Schulen.

Das System der Gutenbergschule habe eine optimale Förderung für Kinder und Jugendliche, bei denen eine Lernbehinderung diagnostiziert wurde, die autistisch sind oder eine Förderung im sozialen und emotionalen Bereich benötigten, geleistet. Dies sei beispielsweise durch kleine Klassengrößen und die Ausrichtung des Gebäudes auf Beeinträchtigungen gelungen. Aber nicht nur die Räumlichkeiten seien auf die Bedürfnisse der Schüler angepasst worden, sondern auch das Angebot. Zusätzliche Highlights seien unter anderem eine Reit- und Mofa-AG gewesen, die beide auf viel Zuspruch stießen. „In dörflichen Regionen muss man mobil sein, daher hatten die Schüler die Möglichkeit, in der AG ihren Mofa-Führerschein zu erlangen“, erinnert sich Hans Albrecht, der seit 1999 seinen Job als Lehrer an der Gutenbergschule mit Herzblut lebt und 2004 den Posten als Schulleiter übernommen hat.

Zudem habe dem Lehrpersonal immer viel daran gelegen, eine Beziehung zu ihren Schülern aufzubauen. „Das war das Erste und Wichtigste bei unserer Arbeit. Erst wenn das der Fall war, konnte begonnen werden, richtig zu lernen.“ Daher sei die Stimmung an der Gutenbergschule auch stets sehr familiär gewesen.

In der Hochzeit der Einrichtung hätten sich rund 15 Lehrkräfte um knapp 120 Schüler gekümmert. Einige Jahrgänge seien kurz nach dem Jahr 2000 sogar zweizügig gewesen. „Alle Beteiligten haben stets tolle Arbeit geleistet“, meint Hans Albrecht und ist stolz.

Dass das Konzept der Gutenbergschule funktioniert, zeigen mitunter die Zahlen. Seit rund zehn Jahren biete die Einrichtung auch den regulären Hauptschulabschluss an, was knapp 97 Prozent der Schüler geschafft hätten. Zuvor sei nur der Förderschulabschluss möglich gewesen und die Jugendlichen hätten für die weitere Qualifikation noch ein Jahr an eine andere Schule wechseln müssen. „Die Einführung war eines der absoluten Highlights in den vergangenen Jahren“, meint der Schulleiter.

Die Erfahrungen würden zeigen, dass mehr als 85 Prozent der Schüler nach ihrem Abschluss in den Arbeitsmarkt eintreten würden. Die Baubranche sowie ein Job als Maler oder Lackierer seien besonders beliebte Ziele. „Einige haben sich sogar im Baugewerbe selbstständig gemacht. Eine Vielzahl konzentriert sich auf den handwerklichen Bereich, aber es gibt auch Schüler, die nun beispielsweise als Sprechstundenhilfe beim Arzt arbeiten“, weiß Hans Albrecht.

Ein besonderes Förderangebot in Hoya verschwindet nun von der Bildfläche. Die Politik begründet die Schließung der Förderschulen nach Angaben von Hans Albrecht, Schulleiter der Gutenbergschule, mit dem bestehenden Inklusionsangebot an allen Schulformen.

Mit dem Abschluss ende die Beziehung zwischen der Förderschule und den Schülern jedoch meistens nicht. Durch die familiäre Stimmung kämen nur zu oft Ehemalige in die Hoyaer Schule zurück, um zu berichten, wie es ihnen ergangen ist. „Das gehört ebenfalls immer zu den Highlights“, findet der 58-Jährige.

„Das Angebot der Gutenbergschule war gelebte Inklusion“, fasst er zusammen und erklärt: „Man muss nicht alle durch eine Tür bringen. Es geht eher darum, die Schüler so gut es geht, auf das Berufsleben vorzubereiten, wo dann die Teilhabe stattfinden kann.“

Um ihren Kindern einen solchen Werdegang zu ermöglichen, würden auch heute noch zahlreiche Eltern in der Gutenbergschule anrufen und nach einem Platz fragen. „Seit 2017/18 durfte ich jedoch keine neuen Fünftklässler mehr aufnehmen und musste die Anfragen stets abweisen“, sagt der Schulleiter.

Vor knapp acht Jahren sei die Entscheidung gefallen, dass die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen – nicht aber beispielsweise die mit dem Schwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung oder geistige Entwicklung – auslaufen sollen. Um das Blatt noch zu wenden und eine endgültige Schließung der Gutenbergschule zu verhindern, gab es in den vergangenen Jahren einige Proteste, an denen sich sowohl Schüler und Ehemalige als auch Eltern und der Förderverein beteiligten. Darüber hinaus stellte Schulleiter Hans Albrecht Anträge beim Landkreis, dem Träger der Einrichtung.

So versuchte der 58-Jährige unter anderem, die Förderschwerpunkte seiner Schule um die Aspekte geistige Entwicklung und soziale und emotionale Entwicklung zu erweitern. In dem Antrag, der später jedoch abgelehnt worden ist, begründete er dies damit, dass zunehmend ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert werde und dies auch deutlich häufiger den Bereich soziale und emotionale Entwicklung betreffe. Auch die Bitte, 2018 die Laufzeit der Förderschulen zu verlängern, wies der Kreistag zurück. „Wir sind enttäuscht von der CDU, die hätten die Chance gehabt, ihr Wahlversprechen, keine weitere Förderschule mehr zu schließen, einzulösen“, sagte Jens Volksbeck, Elternratsvorsitzender der Gutenbergschule, damals nach der Entscheidung.

Nun ist der Kampf endgültig verloren und das Förderangebot der Gutenbergschule Hoya wird am 9. Juli eingestampft. Schulleiter Hans Albrecht blickt der Zukunft zwar bisher noch ungewiss ins Auge, freut sich aber auf seine weitere berufliche Laufbahn. „Ich habe diesbezüglich noch keinen Plan. Durch meine Ausbildung bin ich in Niedersachsen nur für einen Posten als Schulleiter einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen qualifiziert“, erzählt er. An der Gutenbergschule habe er – obwohl er Sport auf Lehramt studiert hat – eine Vielzahl von Kursen übernehmen dürfen, was ihm unglaublich viel Freude bereitet habe.

Die weiteren Lehrkräfte der Gutenbergschule würden sich nach seinen Angaben auf andere Regelschulen verteilen und auch das Gebäude bleibe nicht leerstehen. Von den zwölf Unterrichtsräumen und den zusätzlichen Fachräumen würden aktuell nur noch zwei Räume für das eigene Lehrangebot genutzt werden. Der Rest verteile sich schon jetzt auf Klassen der Marion-Blumenthal-Oberschule und des Johann-Beckmann-Gymnasiums. Das könnte auch zukünftig so fortgesetzt werden. Eine konkrete Entscheidung darüber, solle am 7. Juli fallen, kündigt Hans Albrecht an.

Auch wenn seine Tage an der Gutenbergschule gezählt sind, ist ihm eines nach wie vor stets wichtig: seine Schüler und Ehemaligen. „Einige von ihnen benötigen im Laufe der Zeit immer mal wieder eine Kopie ihres Abschlusszeugnisses. Falls das der Fall sein sollte, möchte ich, dass sie wissen, dass sie dafür nun nicht mehr mich kontaktieren können, sondern sich an die Oberschule wenden müssen. Diese wird sich um ihr Anliegen weiterhin kümmern.“

Auch wenn ihn die Situation traurig stimmt, wenn Schulleiter Hans Albrecht durch seinen Ordner blättert, in dem er all die Erinnerungen, die mit der Gutenbergschule zusammenhängen, abgeheftet hat, zeichnet sich doch ein Lächeln auf seinem Gesicht ab.

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