Gespräch mit Experten in der Kirche

Glocke mit Hakenkreuz: Schweringen ist gespalten

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Sie sprachen in der Schweringer Kirche darüber, wie die Kirchengemeinde mit ihrer Glocke umgehen soll: (von links) Wilfried Mannecke, Dr. Jens-Christian Wagner, Moderator Stefan Pulß, Jann-Axel Hellwege und Bernd Meyer.

Schweringen - Von Michael Wendt. Was tun mit der Glocke in der Schweringer Kirche, auf der ein Hakenkreuz prangt? Diese Frage beschäftigt die Einwohner des Orts, seitdem der Kirchenkreis Mitte September öffentlich gemacht hat, dass eine der drei Glocken im Turm das Nazisymbol trägt. Vergangene Woche gab es bereits eine Diskussionsveranstaltung, zu der unsere Zeitung nicht eingeladen war. Am Dienstag hatte Radio Bremen in die Kirche gebeten, um mit Experten und Betroffenen das Thema zu erörtern. 

Zu Gast waren ein Historiker, ein Mitglied der Initiative „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“, Schweringens Pastor Jann-Axel Hellwege und Bürgermeister Bernd Meyer. Rund 50 Zuhörer kamen. Aus ihren Reaktionen wurde deutlich: Der größere Teil möchte, dass die seit September stillgelegte Glocke wieder läutet, der andere Teil wünscht sich eine neue Glocke.

In dieser Sache scheint durch Schweringen ein Riss zu gehen, wie ein Gast unserer Zeitung gegenüber schilderte. Ältere Einwohner wünschten sich mehrheitlich, dass die Glocke – trotz Hakenkreuz-Symbol – wieder läutet. Jüngere und Zugezogene seien häufig dagegen.

Vorschlag: die Glocke wieder läuten lassen

Bei der Veranstaltung am Dienstag wurden beide Positionen vertreten. Die meiste Zustimmung ernteten die Aussagen des Historikers Dr. Jens-Christian Wagner von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Als er sagte „Ich würde die Glocke hängen lassen und hätte kein Problem damit, wenn sie läutet“, erntete er spontanen, lauten Beifall der Zuhörer. „Der Protestantismus war aufs Engste mit dem Nationalsozialismus verwoben“, sagte Wagner, „da muss man mit umgehen.“

Der Historiker betonte, es sei eine „Kontextualisierung“ notwendig. Die Kirche müsse offensiv und kritisch mit dem Problem umgehen und aktiv auf das Hakenkreuz hinweisen. „Das nenne ich Geschichtsbewusstsein“, sagte Wagner. Die Glocke gehöre als zeitgenössisches Dokument erhalten, am besten an ihrem bisherigen Einsatzort.

So sieht sie aus, die Glocke mit Hakenkreuz im Geläut der Schweringer Kirche. Sie heißt „Vaterlandglocke“ und wurde 1934 mit der damals ebenfalls neuen, größeren „Christusglocke“ geweiht. Die „Christusglocke“ wurde 1942 aus der Kirche entfernt und ihr Material wahrscheinlich für Rüstungsprodukte verwendet.

An der rechten Gesinnung einiger Deutscher ändere diese Glocke gar nichts. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass die Kirche zu einem Wallfahrtsort von Neonazis wird. Die öffentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist das Beste, was wir heutigen Nazis entgegensetzen können“, sagte Jens-Christian Wagner, der betonte, dass er als Historiker argumentiert, nicht als Christ. Er habe durchaus Verständnis dafür, dass sich die Gemeinde mit der Entscheidung nicht leichttut. „Allein schon der Umstand, dass so intensiv über die Zukunft der Glocke nachgedacht wird, ist ein großer Erfolg“, lobte Wagner.

Vorschlag: eine neue Glocke kaufen

Eine gegenteilige Meinung vertrat Wilfried Mannecke. Er ist Pastor in Unterlüß bei Celle. Unterlüß grenzt an die Gemeinde Faßberg, wo es ebenfalls eine Kirchenglocke mit Hakenkreuz-Symbol gibt. Anders als in Schweringen ist das dortige allerdings mit rund 2 x 2 Zentimetern sehr klein. Wilfried Mannecke ist aktiv in der Initiative „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ der Landeskirche. Mit seiner Aussage „Ich würde die Glocke schweigen lassen“ erntete er Applaus, wenn auch nicht ganz so großen wie Jens-Christian Wagner mit der gegenteiligen Aussage.

„Das Hakenkreuz ist das Zeichen der Täter. Für mich ist die Wiederinbetriebnahme [der Glocke] unmöglich“, sagte Mannecke. Man solle bedenken, wie sich die Nachfahren von NS-Opfern fühlen, wenn in Schweringen eine Glocke mit Hakenkreuz-Symbol schlägt. „Ich bin beeindruckt, wie das Thema hier diskutiert wird“, schloss Wilfried Mannecke.

Gemeinden als Moderatoren

Sowohl Pastor Jann-Axel Hellwege als auch Bürgermeister Bernd Meyer traten eher als Moderatoren im Streit um die Glocke auf. „Ist das Thema schädlich für den Ort?“, fragte Radio-Bremen-Moderator Stefan Pulß. „Das kommt darauf an, wie wir es aufarbeiten“, antwortete Bernd Meyer, „so lange nichts geklärt ist, sollte man die Glocke außer Dienst lassen.“ Es würde sich anbieten, sie als Mahnmal zu nutzen und so aus dem schweren Erbe etwas Gutes zu machen.

An Pastor Jann-Axel Hellwege gewandt fragte Stefan Pulß, ob er sich vorstellen könnte, eine neue Glocke zu bekommen und die alte ins Zentrum einer Ausstellung zu stellen. „Das kann ich mir vorstellen“, antwortete der Pastor. Für ihn gebe es aber noch viele Fragen, was die Finanzierung einer neuen Glocke und die Aufarbeitung der Geschichte der alten angeht.

Die Meinung einiger Zuhörer

Wie es mit der Glocke weitergeht, entscheidet der Kirchenvorstand. Dazu gehört Andreas Kuhlmann. Er sagte: „Ich habe ursprünglich gedacht: Die Glocke soll zerschlagen und im Meer versenkt werden. Nach vielen, vielen Gesprächen bin ich zu einer ganz anderen Überzeugung gekommen. Ich würde die Glocke umtaufen in ,Glocke des Nichtvergessens‘ – und sie wieder läuten lassen.“ Während seiner Aussage brandete Applaus vieler Zuhörer auf.

Der Schweringer Thomas Cramer vertrat eine ganz andere Meinung. „Ich halte es für unvereinbar, das Evangelium zu verkünden mit einer Glocke, die für etwas ganz anderes steht. Die Glocke soll schweigen!“, forderte er.

Radio Bremen hat die komplette, knapp einstündige Diskussionsrunde gesendet. Sie ist im Internet nachzuhören.

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