AUS DEM GERICHT Stimmen im Kopf sollen Angriff in Hoya „befohlen“ haben

Gleichgültig und emotionslos

Der Angeklagte muss sich wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht in Verden verantworten. Er soll unter paranoider Schizophrenie leiden, die Schuldfähigkeit ist unklar. Foto: Wiebke Bruns

Hoya/Verden - Von Wiebke Bruns. Der fünfte mutmaßliche Tatbeteiligte an einem versuchten Tötungsdelikt im Mai 2019 in Hoya muss sich seit gestern vor dem Landgericht Verden verantworten. Der 23-Jährige soll auf das 35 Jahre alte Opfer mehrfach eingestochen haben, während die anderen vier Angeklagten auf den Mann einprügelten und eintraten.

Der 23-Jährige gab sich am ersten Sitzungstag genauso emotionslos wie die anderen vier Angeklagten in deren Prozess. Die Staatsanwaltschaft Verden hält eine Schuldunfähigkeit bei dem 23-Jährigen für nicht ausgeschlossen. Deshalb droht dem gebürtigen Sulinger auch kein Gefängnis, sondern die unbefristete Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, wo er sich auch derzeit befindet. Eine paranoide Schizophrenie wird in der gestern verlesenen Antragsschrift als Grund genannt. Ihm wird versuchter Totschlag vorgeworfen, den vier Angeklagten versuchter Mord.

Im Bereich der Straße „Am Sportplatz“, rückseitig des Gymnasiums, soll das Opfer abends mit dem Fahrrad an der Gruppe der Täter vorbeigefahren sein. „Ohne ersichtlichen Anlass“ sei der 35-Jährige zu Boden gebracht worden, heißt es in der Antragsschrift. Der 23-Jährige habe sich krankheitsbedingt „verfolgt gefühlt und Stimmen gehört“. Diese hätten ihm „befohlen“, das Messer zu nehmen und auf das Opfer einzustechen. Die Gefahr des Versterbens soll er wiederum erkannt haben, es sei ihm aber gleichgültig gewesen.

In dem anderen Prozess haben die Angeklagten bereits den Tathergang soweit bestätigt, dass sich das Opfer aufrappeln konnte und weglaufen wollte. Ein 17-Jähriger hat gestanden, den Mann erneut zu Boden gebracht zu haben. Laut der gestern verlesenen Antragsschrift umkreisten ihn dann alle Beteiligten. „Noch heftiger“ sollen sie auf den Mann eingeprügelt haben. Weiter heißt es über den 23-Jährigen: „Er stach wie ein Besessener immer wieder auf das Opfer ein, woraufhin das Blut nach Eröffnen der Hauptschlagader in alle Richtungen spritzte.“ Dann habe der 23-Jährige gerufen: „Lass uns abhauen. Ich habe ihn abgestochen.“ „Wie durch ein Wunder“ habe sich der Mann zum nächsten Wohnhaus retten können.

In dem Strafprozess behaupten die Angeklagten, kein Blut gesehen zu haben. Ein Polizeibeamter, der als Erster am Tatort war, sagte jedoch gestern über das ihm bekannte Opfer: „Ich hätte ihn vor Ort nicht erkannt.“ Anhand von Blutspuren konnten sie den Weg zum Tatort zurückverfolgen. Und der 46-Jährige, bei dem das Opfer offenbar mit letzter Kraft klingeln konnte, sagte auf die Frage nach Blut am Opfer: „Von Kopf bis Fuß war alles rot gefärbt.“

Lebensrettend war laut einem Notarzt, dass er und seine Kollegen sich zum Zeitpunkt der Alarmierung bei der nahegelegenen Rettungswache befanden. Und dass sie spezielle Mullbinden dabei hatten, mit denen eine Stichverletzung im Bereich der Leber austamponiert werden konnte. „Wegen der Terrorgefahr haben wir die an Bord“, erklärte der Notarzt und sprach von einer Kriegsmedizin. Ohne Versorgung wäre der Mann „sicher“ verblutet.

Das Opfer wurde gestern auch gehört. Aufgrund einer Kehlkopfverletzung, die ihm bei der Tat zugefügt worden war, konnte er kaum sprechen. Er berichtete zudem von Schmerzen. Seinen linken Arm könne er noch immer nicht heben, weiterhin sei er krankgeschrieben. Eine weitere Operation und eine Reha stünden bevor. Er lebe in Angst, meide Gruppen und könne bei Dunkelheit das Haus nicht verlassen.

Auf die Frage nach Narben bot er an, diese dem Gericht zu zeigen. Dann zog er seinen Pullover aus. Ein Anblick, der den vier Angeklagten in deren Prozess erspart geblieben ist. „So schlimm habe ich mir das nicht vorgestellt“, sagte der Vorsitzende. „Ich bin jetzt auch geschockt“, meinte die Staatsanwältin. Für das Opfer allgegenwärtige Folgen.

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