Aufruf an die Bevölkerung

Geschichtswerkstatt Eystrup sucht Erinnerungsstücke

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Erinnerungsstücke, mitgebracht von Teilnehmern, sammelte Gerhard Grönke (links) wärend eines Treffens der Eystruper Geschichtswerkstatt im Alten Güterschuppen ein. Unser Bild zeigt ihn und Gerhard Rosebrock mit alten Urkunden, die Letzterer mitgebracht hatte.

Eystrup - Von Horst Friedrichs. Es ist einer der wenigen Lichtblicke in düsterer Zeit. Im Eystruper Kinosaal wird wieder mal ein Film gezeigt. Diesmal ist es eine Liebesgeschichte mit Gisela Uhlen und Hans Söhnker. „Nicht jugendfrei“, raunen sich die jungen Leute aus dem Dorf zu, die sich schon eine Stunde vor Einlass draußen versammelt haben. Erst ab 21 Jahren darf man hinein, und den Grund kennen sie alle. Die Älteren, die schon mal drin waren, verraten stolz, was den Film anstößig macht: „Da küssen sie sich.“

Hans ist gerade mal 17, er steht zwischen den Wartenden, und er hat ganz andere Gedanken. Er zählt die Stunden, die ihm noch bleiben, und er malt sich die Chancen aus, die er noch hat, um mit Lisa in diesen Film zu gehen und ... Er mag nicht weiterdenken, denn auch diese Gedanken wären wohl nicht jugendfrei. Am Montagmorgen um sieben muss er sich auf dem Bahnhof melden. Bis dahin bleiben ihm noch 36 Stunden – und keine Möglichkeit, mit Lisa zusammenzukommen und ihr seine Gefühle zu offenbaren.

Er hat schon davon geträumt, und auch jetzt noch träumt er mit offenen Augen davon, mit ihr im Kino zu sitzen und dann, wenn so eine Liebesszene läuft, ihre Hand zu halten und dann, wenn der Film reißt und es stockfinster wird. Seufzend gesteht Hans sich ein, dass daraus bestimmt nichts werden wird. Bei ihm würden sie wohl noch ein Auge zudrücken – „der arme Junge muss ja Montag zur Wehrmacht“ –, aber bei Lisa wahrscheinlich nicht. Sie ist ja auch erst 17, und sie hat einen strengen, gesetzestreuen Vater, dessen Unmut sich niemand im Ort zuziehen will. In ihrem Fall würde es keiner wagen, ihr eine Kinokarte zu verkaufen.

Lisa, die mit ihrer älteren Schwester immerhin bis vor das Kino gekommen ist, erhascht den einen oder anderen Blick von Hans, drüben, bei den Jungen. Mehr wird nicht möglich sein, das weiß sie. Später einmal, wenn der Krieg vorbei ist, wird sie eine rote Rose unter die Gedenktafel legen, auf der sein Name zwischen so vielen anderen stehen wird. Und sie wird an den jungen Mann denken, den sie nie geküsst hat – ihn, der zu jung für einen Liebesfilm war, aber zum Sterben alt genug.

Diese Szene ist frei erfunden. Aber so oder ähnlich könnte sie sich abgespielt haben – in Eystrup und in vielen anderen Orten Deutschlands. Gedanken an die jungen Männer, die ihr Leben im Krieg ließen, wurden jetzt im Alten Güterschuppen in Eystrup wach, als die Geschichtswerkstatt des Heimatvereins Eystrup zu ihrem zweiten Treffen nach der Gründung Ende April eingeladen hatte. Viele folgten der Einladung, und alle brachten Erinnerungsstücke mit, die sie zu Hause „ausgegraben“ hatten. Denn dieses „Graben“ im übertragenen Sinn haben sich die Mitglieder der Geschichtswerkstatt zum Motto gemacht, seit Gerhard Grönke bei der Gründung einen Vortrag mit dem Titel „Grabe, wo du stehst!“ gehalten hat.

An jedem ersten Montag im Monat treffen sich die Eystruper Werkstattteilnehmer künftig, um ihre „Grabungs“-Ergebnisse zu präsentieren. Ein erstes Treffen hatte es am 6. Juni gegeben. Jetzt, beim zweiten Mal, stapelten sich nicht nur jede Menge Fotos, Urkunden, Schriftstücke, Zeitungsausschnitte und sogar Gemälde auf den Tischen, sondern es wurden auch erste Ergebnisse und neue Projekte vorgestellt.

Zu den ersten vorzeigbaren Ergebnissen zählte die Präsentation, die Horst Müller-Kuntzer per Beamer auf eine Leinwand projizierte. Fotos jener jungen Männer, aufgenommen vor dem Zweiten Weltkrieg oder während der Kriegsjahre, werden in Zusammenhänge gestellt, die ihr tragisches Schicksal erfassbar machen – durch Todesanzeigen oder beispielsweise durch eine Wehrpassseite, auf der die Schlachten aufgelistet sind, an denen der betreffende junge Soldat teilgenommen hat.

Gerhard Grönke bittet die Eystruper, der Geschichtswerkstatt Dokumente über Gefallene – wie etwa Todesanzeigen – zur Verfügung zu stellen. Grönke: „Wir haben die Namen von mehr als 50 jungen Männern aus Eystrup, die ihr Leben im Zweiten Weltkrieg ließen. Es ist eines unserer Ziele, alle Spuren, die diese Männer in ihrem kurzen Leben hinterlassen haben, zu sammeln und erkennbar zu machen. Wir suchen also Erinnerungsstücke, die die Betreffenden letztlich in eine Beziehung zu ihrer Zeit setzen.“

Als Beispiele für schon Gesammeltes zeigte Horst Müller-Kuntzer eine Reihe von Zeitungsanzeigen, die das Beklemmende der Kriegszeit verdeutlichen, so den Aufruf zur Ausgabe der Lebensmittelmarken in Eystrup, veröffentlicht am 14. August 1944.

Die Initiatoren der Geschichtswerkstatt wiederholten ihre Bitte, ihnen ortsgeschichtlich bedeutsame Unterlagen anzubieten. Der Heimatverein fertigt Kopien davon an, wenn jemand die Erinnerungsstücke zwar zeigen, aber behalten möchte. Ansprechpartner sind Horst Müller-Kuntzer (Telefon 04254/8440) und Gerhard Grönke (Telefon 04254/8312).

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