Wie die Eystruperin Anni Hagedorn die Bombardierung des Fliegerhorstes überlebte

„Wir sahen die Bomben und ließen uns zu Boden fallen“

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Heute wundert sich Anni Hagedorn (91) über ihren leichtsinnigen Ausflug während des Einmarsches der Briten.

Eystrup/Hoya. Anlässlich des Kriegsendes heute vor 70 Jahren erzählen wir in diesem und im unten stehenden Artikel, wie zwei damals junge Menschen die Tage in der Region Hoya erlebt haben. Ihre Erinnerungen hat der Luftfahrtarchäologe Jens Schaper aus Staffhorst textlich festgehalten. Die heute 91-jährige Eystruperin Anni Hagedorn ist die einzige noch lebende Angestellte des Fliegerhorstes in Hoya und erzählt von dessen Bombardierung:

Ich heiße Anni Hagedorn, bin geboren am 23. Februar 1924, und wohnhaft in Eystrup. Nach Arbeitsdienst und Kriegshilfsdienst – ich arbeitete in einer Flugzeugfabrik in Nordenham – wollte ich wieder dichter zurück zur Heimat. Diese Gelegenheit ergab sich Weihnachten 1942, als ich mich bei der Verwaltung des Fliegerhorstes Hoya in der Personalabteilung vorstellte. Am 1. April 1943 nahm ich meinen Dienst als Zivilangestellte in der Rechnungsstelle des Fliegerhorstes auf. Ich hatte mit verschiedenen Verwaltungsaufgaben zu tun.

Hoya war ein Fliegerhorst mit geringerer Bedeutung, das heißt nicht regelmäßig war hier eine Flugstaffel stationiert. Es gab aber einen Luftgau-Sanitätspark, also ein Lager für Medikamente und Verbandsmaterial.

Anni Hagedorn 1944 mit 19 Jahren am Schreibtisch im Fliegerhorst Hoya. Sie arbeitete in der Verwaltung, zahlte etwa den Wehrsold aus.

Mittwoch, der 4. April 1945, war ein klarer, heller, sonniger Frühlingstag, daher kamen wir mit dem Fahrrad von Eystrup zum Dienst. Vormittags nutzten wir eine Pause, um eine kleine Rundfahrt über das Rollfeld zu machen. Wir waren ungefähr dort, wo heute die Zufahrt zum Segelfluggelände ausgeschildert ist, als sich eine kleine Staffel Flugzeuge, ungefähr zwölf, von Hassel her näherte und Bomben aus ihnen herausfielen. Wir warfen unsere Fahrräder weg, ließen uns zu Boden fallen und waren dann am Rande eines höllischen Getöses. Erst nachdem sich allmählich die Staubwolken verzogen hatten, sahen wir das ganze Ausmaß: Der Flugplatz war mit Kratern übersät und ein Großteil der Verwaltungsgebäude und der Hallen hatten Volltreffer erhalten und waren zerstört. Überall lagen tote Luftnachrichten-Helferinnen in den Ruinen. Viele von denen kannte ich.

Der Kommandant damals war Hauptmann Kerner aus Hamburg. Im Zivilberuf hatte er ein Haushaltswarengeschäft. Als seine Familie 1943 in Hamburg ausgebombt wurde, lebte sie zeitweise in der Allhuser Ahe, südlich des Flugplatzes. Am 4. April 1945 zog er sich einen Lungenriss durch die Druckwelle der Explosionen zu, überlebte aber. Als ich 1947 heiratete, schenkte mir Kerner einen Kochtopf – damals ein Geschenk von hohem Wert.

Die Situation am Fliegerhorst blieb turbulent. Ein Sprengkommando nistete sich in den Gebäuderesten ein. Es zerstörte dann die Weserbrücken am 7. April.

Die 28 Toten konnten wegen der Annäherung der britischen Truppen von Bücken her nicht in Hoya, sondern nur in einem Massengrab in Hassel beerdigt werden. Dort erinnert heute noch ein Denkmal daran.

Alle, die damals Zeitzeugen des Bombardements und seiner Folgen wurden, bezeichnet man nach heutigen Maßstäben als traumatisiert. So wurde von vielen überlebenden Luftwaffenhelferinnen berichtet, die schreiend über die Weserbrücke in die Stadt liefen.

Einmal machten wir in den folgenden Tagen noch einen Ausflug zum Flugplatz. Überall an der Straße von Hoya nach Hassel hatten sich Wehrmachtssoldaten in Ein-Mann-Löchern eingegraben. Sie sagten: „Was wollt ihr denn hier, fahrt nach Haus, die Engländer kommen gleich!“ Und dann ging es auch schon los, britisches Maschinengewehrfeuer setzte von Süden her ein. Schnell war unser Ausflug damit beendet, bevor wir die Ruinen unseres Arbeitsplatzes erreicht hatten.“

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