Diskussionsreicher Gemeinde-Informationsabend

Eine Glocke splittet ein Dorf

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Das Hakenkreuz und ein Teil der Inschrift wurden in der Osterwoche von bisher unbekannten Tätern abgeflext.

Schweringen - Von Rebecca Göllner. Die Gemüter in Schweringen sind noch immer erhitzt. Das Thema Glocke lässt die Gemeinde nicht los. Das war schnell während der Bürgerversammlung in der Kreuzkirche am Donnerstagabend zu spüren.

In Abstimmung zwischen dem Kirchenkreisvorstand Nienburg und dem Vorstand der Kapellengemeinde Schweringen fand ein Gemeinde-Informationsabend in dem ehrwürdigen Gebäude statt. Der Einladung waren viele Einwohner Schweringens gefolgt. Selten waren die Bankreihen so gut gefüllt wie an diesem Donnerstag. Ziel des Abends: eine Aussprache. Kreiskirchenvorstand und Kapellenvorstand wollten erläutern, was sie zu den Entscheidungen im Fall der oft als „Nazi-Glocke“ bezeichneten Glocke bewegt hat.

Der Diskussion stellten sich vom Kreiskirchenvorstand Sigrid Piehl, Pastor Marco Voigt, Christian Thesenvitz, Irmtraud Thomforde sowie Andreas Westphal. Ebenfalls vor Ort waren Superintendent Martin Lechler sowie Landes-Superintendentin Dr. Petra Bahr und der Pastor der Kapellengemeinde, Jann-Axel Hellwege. Als Moderator und Mediator fungierte Nienburgs ehemaliger Bürgermeister Peter Brieber, welcher zur Sachlichkeit aufrief. „Es ist nicht gerade regelmäßig der Fall, dass ein Kirchenkreisvorstand eine Entscheidung begründet“, erklärte Brieber.

„Alles begann im September 2017“, führte Pastor Hellwege aus. Schon damals sei klar gewesen, dass dieses Thema auf starkes Interesse stößt. Er habe die Kapellengemeinde regelmäßig mit Informationen versorgt und habe auf einen ergebnisoffenen Dialog gehofft. Anfang 2018 sei dann „noch einmal ein bisschen Druck auf den Kessel gekommen“, so Hellwege. Mit einer Entscheidung habe er schließlich nicht gerechnet – nämlich, dass die Kapellengemeinde sich dafür ausspricht, die Glocke weiterläuten zu lassen. Er sei nach dem Votum am 19. April hilflos gewesen, konnte nicht begreifen, dass eine Glocke mit nationalsozialistischem Hintergrund weiterhin in Betrieb bleiben soll. „Dann wurde mir aber klar, dass der Kapellenvorstand unter Druck stand und sich nicht anders entscheiden konnte“, erklärte Hellwege. Deswegen habe der Kapellenvorstand die weitreichendere Entscheidung abgegeben an den Kirchenkreisvorstand Nienburg. Am 15. Mai sei dann schließlich der Entschluss gefallen, die Glocke abzuhängen und durch eine neue zu ersetzen.

Bürgerversammlung zur „Nazi-Glocke“ in der Schweringer Kirche. Auf dem Podium sitzen Vertreter der Kirchenkreises Nienburg, und der Landeskirche. Peter Brieber (rechts) fungierte als Moderator. J Foto:

Superintendent Martin Lechler versicherte, dass ihm die Gemeinde Schweringen am Herzen liege. Ihm sei bewusst, dass sich viele Einwohner wünschen, dass die Glocke bleibt. „Sie vermissen den Glockenklang, den sie 84 Jahre gehört haben“, meinte er. Doch seit dem 5. September habe sich einiges verändert. Seit diesem Tag sei offiziell bekannt, dass die Glocke ein Hakenkreuz und eine nationalsozialistische Inschrift trägt. „Ein Hakenkreuz steht für unglaublich viel Leid“, sagte Lechler. Deswegen könne die Glocke nicht mehr im Sinne des christlichen Glaubens schlagen.

Dieser Meinung stimmte auch Pastor Marco Voigt zu. Aus seiner Sicht sei eine Vermischung von christlichem und nationalsozialischem Glauben nicht tragbar. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Glocke noch läuten sollte“, sagte Voigt. Sigrid Piehl sah das ähnlich: „Es ist theologisch nicht verantwortbar, unter diesem Zeichen weiter zu läuten.“

„Dass NS-Zeit und christlicher Glauben zusammen eine Gefahr bergen, ist ein Aberglauben“

Hermann Noltemeier, 38 Jahre Mitglieder der Kapellengemeinde und Einwohner Schweringens, hingegen möchte, dass die Glocke dort bleibt, wo sie ist. „Dass NS-Zeit und christlicher Glauben zusammen eine Gefahr bergen, ist ein Aberglauben. Unser Glaube steht darüber“, so Noltemeier. Der Ort Schweringen sei in den letzten Monaten arg gebeutelt gewesen und würde in den Medien schon als „braunes Dorf“ bezeichnet. „Das verletzt mich“,meinte Noltemeier. Er glaube auch nicht, dass niemand vom Kirchenkreis vorher von dem Hakenkreuz gewusst haben soll und stellte eine weitere vertrauenswürdige Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreisvorstand und dem Superintendenten infrage. „Warum soll man 50000 Euro für eine neue Glocke zum Fenster rauswerfen, wenn die Pastorenstelle hier immer mehr gekürzt wird“, fragte Noltemeier und erhielt dafür viel Beifall.

Auch Schweringer Ralf Meyer gab deutlich zu verstehen, dass die Glocke bleiben soll. „Muss das VW-Werk jetzt auch abgerissen werden, weil es vor 80 Jahren von Hitler eingeweiht wurde?“

Ehler Harms sowie Dorit Nörmann, ebenfalls Einwohner, stellten allerdings klar, dass aus ihrer Sicht eine Verteidigung des Symbols in der Gemeinde nicht richtig sein kann. „Ich danke der Landeskirche für die neue Glocke“, sagte Nörmann.

Landes-Superintendentin Dr. Petra Bahr erklärte abschließend aus ihrer Sicht, dass es ein ethisches Davor und Danach gebe. Zwar habe die Glocke auch Gutes wie Taufen oder Hochzeiten verkündet, aber nach dem Bekanntwerden des Hakenkreuzes müsse die Kirche Verantwortung übernehmen – und zwar mit dem Entschluss, die Glocke abzuhängen und zu erneuern.

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Die Glocke: Der Stand der Dinge

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