Eine wahre Wasserwüste

Eggeringhausen: Eine Naturkatastrophe löscht das Dorf bei Magelsen aus

Menschenleere Weite herrscht dort, wo einst Bauern mit ihren Familien lebten: Das Bild zeigt jenes Land in der Wesermarsch bei Magelsen, wo bis ins 17. Jahrhundert die Höfe von Eggeringhausen standen. Hochwasserkatastrophen löschten das Dorf aus.
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Menschenleere Weite herrscht dort, wo einst Bauern mit ihren Familien lebten: Das Bild zeigt jenes Land in der Wesermarsch bei Magelsen, wo bis ins 17. Jahrhundert die Höfe von Eggeringhausen standen. Hochwasserkatastrophen löschten das Dorf aus.

Magelsen – Schwarz wie die Nacht waren viele Tage zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Düstere, unheilvolle Wolken verfinsterten den Himmel. Die Natur schien sich mit den Kämpfern, und Plünderern verbündet zu haben, um den Menschen das Leben zusätzlich schwer zu machen. Im Hoyaer Land waren es die Fluten der Weser, die viele in ihrer Nähe Wohnende das Fürchten lehrten. Stürme peitschten den Fluss zu hohen Wogen, und nicht enden wollende Regenfälle ließen das Wasser höher und höher steigen. Weil es noch keine Deiche gab, waren die Menschen in den Niederungen den Naturgewalten praktisch schutzlos ausgeliefert.

Ein ganzes Dorf, ein Ortsteil von Magelsen und in der Wesermarsch gelegen, fiel den Hochwasserkatastrophen jener Zeit im 17. Jahrhundert zum Opfer. Eggeringhausen, so hieß das Dorf, wurde damals buchstäblich von der Landkarte ausradiert. Nicht genug damit, dass kriegerische Horden durch die Lande zogen und die Menschen auf einsam gelegenen Höfen und auch in größeren Ansiedlungen in Angst und Schrecken versetzten, fielen Hochwasser der Weser mit Urgewalt über sie her. Fand sich der Namen des versunkenen Dorfes – auch Eggeringhusen oder Eggrikehusen genannt – noch auf den Landkarten des 17. Jahrhunderts, so blieb dort später nicht mehr als ein weißer Fleck.

Den einsamen Besucher jenes Marschlands in der heutigen Zeit mögen Bilder beschleichen, wie sie sich in der kollektiven Erinnerung der Einwohner Magelsens wohl bewahrt haben: Es war einer dieser Nacht gebliebenen Tage in Magelsen, als Bauer Hainricis es nicht mehr aushielt. Die Ungewissheit plagte ihn wie ein körperlich spürbares Leid. Seit Tagen hatte er nun schon nichts mehr von seinem Bruder Matthes in Eggeringhausen gehört. Auch Hainricis Nachbarn hatten keine Neuigkeiten von ihren Verwandten, die dort, nahe der Weser, lebten. Die Unwetter hatten sich gehäuft und ein Hochwasser fügte sich fast nahtlos an das andere. Die Weser hatte viele kleine Nebenarme gebildet, manche gefährlich tief, manche harmlos flach. Aber das Fatale war, man konnte diesen Wasserläufen weder die eine noch die andere Eigenschaft ansehen.

Und wenn einen beim Durchwaten, ob zu Fuß oder zu Pferde, erst einmal ein mörderischer Strudel in die Tiefe gerissen hatte, kam meist jede Hilfe zu spät. So waren jegliche Verbindungen nach Eggeringhausen abgeschnitten, und demzufolge gab es keine Lebenszeichen von den Menschen dort.

Hainricis wollte sich damit nicht abfinden, und so schlug er alle Warnungen in den Wind und sattelte sein kräftigstes Arbeitspferd, den braunen Wallach Arno. Die wenigen Meilen bis zu seinem Freund Erwig legte Hainricis zu Pferde zurück. Erwigs Hof befand sich auf einer letzten Anhöhe vor der Niederung. Schon dort durchfuhr Hainricis ein eisiger Schreck, als Erwig ihn durch die Luke in der Giebelseite des Dachbodens in Richtung Weser blicken ließ.

Eine wahre Wasserwüste erstreckte sich bis zum Horizont. Die vielen neuen Nebenarme der Weser gab es nicht mehr. Das Wasser war weiter gestiegen und zu einem regelrechten Meer geworden. Hainricis ließ den Wallach bei Erwig zurück und lieh sich dessen Ruderboot aus. Obwohl der Freund ihn warnte, weil man allzu leicht die Orientierung verlieren könne, brach Hainricis unverdrossen auf und orientierte sich mithilfe des Windes, der stetig von Osten her wehte. Sorgfältig zählte er seine Ruderschläge und legte die drei Meilen bis nach Eggeringhausen zurück.

Fassungslos drehte er sich nach allen Seiten um. Kein Haus war zu sehen, nicht einmal ein Dachfirst oder ein Baumwipfel, nur eine endlos weite Wasserfläche. Immer wieder suchte Hainricis mit Blicken die Wasseroberfläche ab, doch durch die lehmig braunen Fluten schimmerte nichts mehr, was an das versunkene Dorf erinnert hätte.

Ob sich eine solche Szene abgespielt hat, weiß niemand. Denn es gibt keine Berichte über den Untergang von Eggeringhausen. Die Naturkatastrophen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges sind belegt. Ebenso die Tatsache, dass Eggeringhausen aus zwölf größeren Höfen und etlichen Siedlerstellen bestand. Die Überlebenden zogen vermutlich in Nachbarorte wie Magelsen, Wienbergen und Alvesen und verkauften ihre Ländereien im einstigen Eggeringhausen, die erst nach dauerhaftem Absinken des Wassers wieder bebaut werden konnten.

Von Horst Friedrichs

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