Von Eystrup nach Kirchlinteln

Keine Schulbeförderung für behinderten Fünftklässler

Eystrup - Von Michael Wendt. Zweimal 27 Kilometer hin, zweimal dieselbe Strecke zurück. Das sind über 100 Kilometer Autofahrt pro Tag und mindestens zwei Stunden hinterm Steuer. Catrine Tietje nimmt die tägliche Pendelei von Eystrup nach Kirchlinteln in Kauf, denn sie möchte das Beste für ihren Sohn. Jona hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus.

Als er im Sommer in die fünfte Klasse kam, entschieden sich Catrine Tietje und Jonas Vater Ingo Ricklefs für die Schule am Lindhoop, eine Oberschule in Kirchlinteln. Dass sie dadurch bei der Schülerbeförderung auf sich allein gestellt sind und täglich pendeln müssen, hätten sie nicht gedacht. Das Problem ist einfach erklärt: Die Schülerbeförderung ist Landkreis-Sache. Die Nienburger sagen: Jona könnte auch in Hoya zur Schule gehen. Die Verdener sagen: Für auswärtige Kinder dürfen wir die Kosten nicht übernehmen. Und die Kosten sind bei einer Strecke von mehr als 100 Kilometern pro Schultag erheblich. Der Zeitaufwand, den Catrine Tietje derzeit betreibt, ist groß. Aber warum haben sie und Ricklefs Jona überhaupt in Kirchlinteln eingeschult, wo es doch auch in Hoya eine Oberschule gibt?

Familie plant Umzug nach Verden

„Wir werden voraussichtlich Ende 2018 nach Verden ziehen. Weil Veränderungen des vertrauten Umfelds wie bei einem Schulwechsel oder einem Umzug für Jona nur sehr schwer zu bewältigen sind, sollten diese nicht zeitgleich stattfinden“, erklärt Ingo Ricklefs. „Daher haben wir uns beim ohnehin anstehenden Schulwechsel nach der Grundschule für eine Schule im Landkreis Verden entschieden, die Jona nach dem Umzug weiter besuchen kann“, sagt er. Seine Partnerin ergänzt: „Wir haben im Vorfeld gedacht, für die Beförderung gibt es sicher eine Lösung. Deshalb haben wir erst mal gemeinsam mit Jonas Förderkraft geguckt, welche Schule am besten für ihn ist.“

Catrine Tietje kennt die Schule am Lindhoop aus eigener Erfahrung. Als Förderschullehrerin war sie zuletzt selbst dort tätig – zur Unterstützung der inklusiven Beschulung von behinderten Kindern. Derzeit ist sie kurz nach der Geburt von Jonas Bruder Levi in Elternzeit.

Schule übersichtlicher als die in Hoya

„Die Schule am Lindhoop hat eine lange Inklusionserfahrung, bietet verlässliche Strukturen sowie an die Klassenräume angrenzende Rückzugsräume“, sagt Catrine Tietje. „Die Klassen 5 bis 7 sind in einem eigenen Trakt untergebracht und haben einen eigenen Schulhof, sodass die Schülerschaft für Jona überschaubar bleibt“, erklärt sie weiter. Das Schulzentrum in Hoya hingegen sei viel weitläufiger und unübersichtlicher.

Jona hätte auch zu einer Förderschule für sozial-emotional auffällige Kinder gehen können. Doch Catrine Tietje und Ingo Ricklefs haben sich bewusst dagegen entschieden. „Jona, der von seinen Noten her auch aufs Gymnasium gehen könnte, kann ja bereits das Verhalten unauffälliger Kinder nicht richtig einordnen“, begründet seine Mutter – mit auffälligen hätte er wohl noch größere Schwierigkeiten. Zudem gibt es in Niedersachsen keine Förderschulen, die speziell auf Autismus ausgerichtet sind. So fiel die Wahl auf eine gute Schule in der Nähe ihres wohl künftigen Wohnorts Klein Hutbergen. Dort wollen Tietje und Ricklefs ein Grundstück kaufen, sobald das neue Baugebiet entwickelt ist. So lange werden sie wohl auf eigene Kosten pendeln müssen.

Kreis Nienburg würde 44 Euro erstatten

Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt Michael Duensing als Pressesprecher des Landkreises Nienburg: „Wir erfüllen den gesetzlichen Anspruch. In diesem Fall ist es so, dass wir Jona einen Platz in einem Taxi ermöglichen würden, kostenfrei. Jona könnte von Eystrup zur Oberschule in Hoya, dem nächstgelegenen Schulstandort, gebracht werden.“ Duensing bekräftigt ein Angebot, das der Landkreis Catrine Tietje und Ingo Ricklefs bereits gemacht hatte: „Wir stellen den Geldbetrag, der für die Busnutzung nach Hoya anfallen würde, der Familie zur Verfügung.“ 44 Euro pro Monat wären das – viel zu wenig, um auf eigene Kosten eine Beförderung nach Kirchlinteln zu organisieren.

Kreis Verden darf nicht befördern

„Dieser Betrag steht in keinem logischen Zusammenhang“, kritisiert Ingo Ricklefs und begründet: „Würde Jona die Oberschule Hoya besuchen und wäre er in der Lage, den Schulbus zu nutzen, würde er keine Fahrkarte benötigen, weil er durch seinen Schwerbehindertenausweis kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann. Dazu ist er aber aufgrund seiner Schwerbehinderung nicht in der Lage. Der Landkreis müsste also auch in diesem Fall die Kosten für eine Begleitperson oder für eine Taxibeförderung bezahlen.“ Auf dieses Argument geht der Landkreis unserer Zeitung gegenüber nicht ein.

Und was sagt der Landkreis Verden? Gibt es nicht vielleicht dort eine Schülerbeförderung, etwa ab Barme oder Dörverden nach Kirchlinteln, die Jona nutzen könnte? „Selbst wenn wir eine Beförderung hätten, ist trotzdem nicht gewährleistet, dass es in ein paar Wochen immer noch so ist“, sagt Dörte Lübkemann, Leiterin des Fachdienstes Schule. Und grundsätzlich dürfe man die Beförderung auch nicht übernehmen, das sei Sache vom Landkreis Nienburg. „Wenn es nur um ein paar Wochen ginge, ließe sich sicher eine Lösung finden“, ergänzt Lübkemann.

Und nun? „Ich bin ratlos“, sagt Catrine Tietje, „eigentlich kann es so nicht weitergehen, aber mir fällt auch keine Lösung ein.“ Bleibt wohl nur ein möglichst schneller Umzug in den Kreis Verden.

Info: Das Asperger-Syndrom

Im Internetlexikon Wikipedia steht zum Asperger-Symdrom: „Das Asperger-Syndrom ist eine Variante des Autismus und wird zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Diese Form von Autismus ist einerseits durch Schwächen in der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet und andererseits durch stereotypes Verhalten mit eingeschränkten Interessen. Wie alle Autismusstörungen gilt sie als angeboren, nicht heilbar und macht sich etwa vom vierten Lebensjahr an bemerkbar. Beeinträchtigt ist vor allem die Fähigkeit, nichtsprachliche Signale (Gestik, Mimik, Blickkontakt) bei anderen Personen zu erkennen, diese auszuwerten (zu mentalisieren) oder selbst auszusenden. 

Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Personen mit Asperger-Autismus kann dadurch merkwürdig und ungeschickt erscheinen. Da ihre Intelligenz in den meisten Fällen normal ausgeprägt ist, werden sie von ihrer Umwelt leicht als wunderlich wahrgenommen. (…) Das Asperger-Syndrom ist nicht nur mit Beeinträchtigungen, sondern oft auch mit Stärken verbunden, etwa in den Bereichen der Wahrnehmung, der Selbstbeobachtung, der Aufmerksamkeit oder der Gedächtnisleistung.“

Rubriklistenbild: © dpa

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