Dreierteam aus ehrenamtlichen Sondengängern wurde bei Schierholz fündig

Siegel-Stempel von Graf Gerhard IV. gefunden

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Das Siegel von Gerhard IV. ist seit langem bekannt, doch der dazu passende Stempel wurde erst jetzt gefunden. Es stammt aus seiner Zeit als Domküster in Bremen (1381 bis 1390).

Von Marion ThiermannVielerorts sieht man sie mit Metalldetektoren auf den Feldern laufen, und viele Leute fragen sich: „Wer ist das, und was machen die da?“. Die, das sind Kay Jebens aus Magelsen, Hagen Steinke aus Schierholz und Volker Koch aus Bremen. Sie suchen und sie finden. Im Frühherbst entdeckten sie zwischen Schierholz und Hoya ein Stück Geschichte der Grafen von Hoya: einen Siegel-Stempel von Gerhard IV. (ca. 1360-1398). Den kannten Historiker bis dahin nur von Zeichnungen, die auf Basis von Briefversiegelungen angefertigt worden waren.

Der Siegel-Stempel besteht aus einer Kupferlegierung, stammt circa aus dem Jahr 1390 und ist drei Zentimeter groß. „S. Geradi Domicelli in Hoya“ steht auf ihm.

– S. steht für Siegelung,

– Geradi für Gerhard und

– Domicelli ist lateinisch für „junger Herr“.

Gerhard IV. war der Sohn von Graf Gerhard III. (1345-1383) und Domherr in Bremen. Im Dezember 1397, einen Monat vor seinem Tod, wurde er Bischof von Minden und nannte sich als dieser Gerhard III. „Unter diesem Titel ist er aber eher unbekannt“, erklärt Kay Jebens.

Er und seine beiden Mitstreiter sind in der ganzen Grafschaft Hoya unterwegs – ehrenamtlich. Sie arbeiten eng zusammen mit dem Kommunal-Archäologen Jens Berthold, der für die Landkreise Schaumburg und Nienburg zuständig ist.

Bei ihrer Suche entdecken Jebens, Steinke und Koch Fundstücke aus der Steinzeit ebenso wie von heute, darunter Gürtelbeschläge, Orakelstäbe, Fibeln, Gewandnadeln, Schleifsteine und Knöpfe. Vieles davon ist zerbrochen, zum Beispiel durch moderne Ackergeräte.

Die Landbesitzer sind sehr kooperativ, sagt Jebens. „Die meisten freuen sich, dass wir ihnen das Metall vom Acker suchen. Dass mal jemand etwas dagegen hat, ist eher selten.“ Das Meiste, was sie mit ihren Geräten aufspüren, ist allerdings Schrott: Nägel, Schrauben, alles was man sich vorstellen kann.

Jebens, Steinke und Koch untersuchen nicht nur Felder, sondern auch Baustellen, wenn dort Erde bewegt wird. Wenn irgendwo etwas neu gebaut wird, nutzen sie die letzte Gelegenheit, in den Boden zu schauen.

Dabei finden sie auch mal Unangenehmes wie Kampfmittel und Patronenhülsen. In Dedendorf stießen sie im vergangenen Jahr auf eine Stabbrandbombe, die dann vom Kampfmittelräumdienst abgeholt wurde. „Aber solche Funde sind in dieser Gegend zum Glück eher selten“, sagt Jebens.

Die Lage der Fundstücke wird per GPS ermittelt und festgehalten und der Archäologie gemeldet, das heißt, sie werden an Jens Berthold zur Dokumentation abgegeben oder gehen zum Landesdenkmalamt nach Hannover. „Die Datierungen von Fundsachen, Siedlungen und Grabmälern ist gar nicht so unwichtig“, erklärt Kay Jebens. „Jedes Teil ist ein Puzzlestück, das hilft, die Geschichte aufzuarbeiten. Die Sachen haben keinen Geldwert, aber einen hohen archäologischen Wert.“

Später werden die Fundstücke themenbezogen in Museen gezeigt. In Hoya soll es eventuell noch in diesem Jahr eine Ausstellung über „Funde aus dem Mittelalter“ geben, nachdem es 2014 eine Ausstellung mit dem Titel „Das erste Jahrtausend an der Mittelweser“ gegeben hatte (die derzeit in Rehburg-Loccum zu sehen ist).

Auch in Magelsen werden beim Scheunenfest der „Olen Schüün“ am 11. September einige Fundstücke zu bewundern sein.

Kay Jebens und Volker Koch, der auch ehrenamtlich in der Denkmalpflege arbeitet, sind ebenfalls Mitglieder in dem losen Verbund „Sondengänger Hunte-Weser“. Ihm gehören 25 Personen an, die auch viel für Archäologen unterwegs sind. Im vergangenen Jahr folgten sie einer Einladung nach Österreich, um dort Gebirgsstraßen abzusuchen und herauszufinden, ob es sich um Wege aus der Römerzeit oder aus dem Mittelalter handelt. In den Alpen machten sie einen Sensationsfund: Volker Koch entdeckte zuerst eine keltische Münze, dann weitere und schließlich eine ganze keltische Opferstätte.

Für den Gebrauch von Metalldetektoren benötigt man eine Genehmigung vom zuständigen Kommunal-Archäologen und eine Zertifizierung, die man nach dem Besuch eines zwei Wochenenden umfassenden Kurses und eines Praxistags erhält.

Kay Jebens ist seit 26 Jahren als Sondengänger zertifiziert und nicht nur ehrenamtlich unterwegs. 2009 hat der 53-jährige Magelser sein Hobby zum Beruf gemacht. Er arbeitet seitdem freiberuflich als Grabungstechniker für eine private Grabungsfirma. Außerdem ist er Ansprechpartner für archäologische Fundsachen und für archäologisch Interessierte im Nordkreis Nienburg.

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