Deckenmalerei kulturhistorisch wertvoll

Das Beckmannhaus: Hoyas ältestes bewohntes Gebäude

Bemalte Holzdecke aus dem 17. Jahrhundert.
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Kulturgeschichtlich wertvoll: Die bemalte Holzdecke in Grisailletechnik mit roten Punkten.

Hoya – Waren es die geänderten Machtverhältnisse nach dem Aussterben der Hoyaer Grafen 1582? War es ein zwischenzeitlicher wirtschaftlicher Aufschwung? Oder war es am Ende gar die sprichwörtliche Ruhe vor dem dann auch 1618 mit dem Dreißigjährigen Krieg losbrechenden Sturm? Es ist auffallend, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts nicht nur in dem damaligen Flecken, sondern auch in seiner Umgebung (Mahlen 1603, Wechold 1608, Magelsen 1611, Heesen 1613, Bücken und Dahlhausen 1621), gleich mehrere beeindruckende Bürger- und Bauernhäuser, aber auch Speicher errichtet wurden.

In Hoya selbst entstanden 1604 die Häuser Deichstraße Nummer 18 und Lange Straße Nummer 5, 1609 das Amtshaus am Bakelberg und 1616 das „Hüpedenhaus“ Deichstraße Nummer 11. Allen diesen Bauwerken, die bis auf die beiden in Wechold und am Bakelberg zumindest in Teilen erhalten geblieben sind, ist gemein, in mehr oder weniger ausgeprägter Form Stilelemente der Weserrenaissance zu tragen. Mit dem gut erhalten „Beckmannhaus“ an der Lange Straße soll nach dem Dahlhausener Speicher ein weiteres von ihnen im Zuge der Serie „Zehn Gemeinden – zehn Baudenkmäler“ näher vorgestellt werden.

Baujahr

Lange Jahre war man anhand der Quellenlage der Meinung, die Errichtung dieses Bürgerhauses auf 1620 datieren zu können, doch nach Untersuchungen, die in jüngerer Zeit durch Denkmalschützer und Hausforscher erfolgten, wird inzwischen 1604 für wahrscheinlicher gehalten. Diese Auffassung gründet sich auf eine von dem Hausforscher Gerhard Eitzen in den 1950er-Jahren aufgenommene, damals offenbar noch besser zu entziffernde Inschrift, die unter anderem die römischen Zahlen „MDC IIII“, also 1604 enthält. Dieses Baujahr nennt daher auch der Verdener Hausforscher Heinz Riepshoff, der das Gebäude für sein 2016 erschienenes Buch „Das Bauernhaus vom 16. Jahrhundert bis 1955 in den Grafschaften Hoya und Diepholz“ genauer untersucht und beschrieben hat. Konkrete Hinweise auf den ursprünglichen Bauherrn fehlen jedoch.

Bautechnische Daten

Es handelt sich um ein mehrgeschossiges, etwa 20 Meter langes und elf Meter breites Vierständerhaus mit Steildach. In dem reich geschmückten, durch vier Vorkragungen gestützten Vordergiebel finden sich auch Knaggen in der Form von Fischleibern. Sie gelten als Besonderheit, denn sie kommen nur im Raum Hoya und dort auch nur an wenigen Gebäuden vor. Das Untergeschoss wurde ursprünglich durch ein Eingangstor geprägt, das mit zu dem prächtigen Gesamteindruck des Hauses beitrug. Es muss breit und hoch genug gewesen sein, um einen beladenen Wagen durchzulassen. Der hintere Giebel mit seinen drei Vorkragungen und die beiden hohen Seitenwände sind vergleichsweise schmuckarm. Giebel und Seitenwände sind mit zum Teil noch im Original erhaltenen Backsteinen in verschiedenen Steinsetzungen kunstvoll ausgefacht.

Die Innenstruktur des Hauses hat sich in Abhängigkeit von der Tätigkeit der jeweiligen Besitzer im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geändert. Im Untergeschoss gab es in frühester Zeit im vorderen Teil Diele, Wirtschaftsräume und Ställe, im Mittelteil ein Flett und im hinteren Teil einen über einem halbhohen Keller gelegenen Saal. Im Obergeschoss befanden sich offenbar Wohnräume, die beiden darüber liegenden Böden wurden hauptsächlich für Lagerzwecke genutzt.

Die heutigen Eigentümer haben das Haus 2012/13 unter Mitwirkung der Denkmalschutzbehörde von Grund auf sanieren lassen. Dabei ist im Obergeschoss eine lange Zeit verborgene Holzdecke mit einer Rankenmalerei in Grisailletechnik freigelegt und restauriert worden. Diese kulturgeschichtlich wertvolle Holzdecke deutet nach Expertenmeinung ebenfalls auf das Baujahr 1604 hin.

Besitzer & Bewohner

Die von dem früheren Stadtarchivar Henry Meyer zusammengetragenen Fakten lassen sich zumindest bis 1620 recht eindeutig nachvollziehen, wozu auch ein 1989 erschienener Aufsatz des Historikers und damaligen Leiters des Hoyaer Heimatmuseums, Axel Fahl, beiträgt. Seinerzeit war das Haus im Besitz von Henning Riebe, Kornschreiber und 3. Beamter des Amtes Hoya. 1652 gelangte es dann in den Besitz des Zollverwalters Levin Meier, dessen Erben es 1722 an Jobst Heinrich Gräfe, ebenfalls Zollverwalter, verkauften. Nach Gräfes Tod heiratete seine Witwe Sophia Catharina, geborene Güntern, 1736 den im Jahr zuvor aus Verden zugezogenen Steuereinnehmer und Postmeister Nicolaus Beckmann, starb aber schon im folgenden Jahr. Beckmann heiratete daraufhin 1738 die Pastorentochter Dorothee Magdalena Schüler aus Harpstedt, mit der er die Kinder Johann (geboren 1739), Anna Marie (geboren 1741) und Nicolaus (geboren 1743) hatte. Nach Sohn Johann, der später als Gelehrter überregionale Bedeutung erlangte, sind in Hoya eine Straße und das Gymnasium benannt.

Als Nicolaus Beckmann 1745 starb, führte seine Witwe Hoyas erste Poststation weiter. Nach ihrem Ableben verkauften die Kinder das Haus 1762 an den Färbermeister Johann Valentin Meier, mit dem eine neue Ära begann. Er und seine Nachkommen betrieben hier mehr als 100 Jahre lang eine Blaufärberei und verkauften die Hausstelle schließlich 1879 an den aus Bruchhausen-Vilsen stammenden Färbermeister Johann Friedrich Knese, der sich hier selbstständig machte. Die Färberei nebst Woll- und Leinenhandel wurden von ihm so erfolgreich fortgeführt, dass er im Jahr 1895 auf dem Vorplatz des alten Hauses ein neues zweistöckiges Wohn- und Geschäftshaus errichten konnte, das seither den direkten Blick auf das alte Haus verstellt. Dem späteren Zwischenbau, der heute beide Häuser verbindet, ist das oben beschriebene Eingangstor zum Opfer gefallen.

Johann Friedrich Knese heiratete 1885 Doris Marie Schierholz aus Bücken. Als Mann mit besonderem Weitblick geltend, nahm er in unterschiedlichen Funktionen maßgeblichen Einfluss auf die bauliche und wirtschaftliche Entwicklung Hoyas. Das im Laufe der Zeit zunehmend zum Mode- und Textilhaus erweiterte Familienunternehmen soll bei seinem Tod 1938 in voller Blüte gestanden haben. Nach 125 Jahren wurde das traditionsreiche und renommierte Geschäft im Jahr 2004 dann aber eingestellt.

2006 erwarb die Familie Schwake das Anwesen und bewohnt seither den Altbau, während sie im Neubau ein Friseurgeschäft betreibt. Tochter Rebecca Jeßke betont, es sei etwas Besonderes, in diesem alten und seine ganz eigene Atmosphäre atmenden Haus zu wohnen – obwohl sie anfangs erhebliche Vorbehalte gehabt habe. Es habe sich als „Wundertüte“ erwiesen und sei immer mal wieder für die eine oder andere Überraschung gut.

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