Ein Besuch beim Nordholzer Friedrich Köneking / „Manchmal muss ich mich ärgern“

Der Schustermeister mit dem feinen Lächeln

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Ein Blick in die Werkstatt von Friedrich Köneking, wo alles seinen festen Platz hat.

Von Bert Strebe. Er trägt Birkenstocksandalen. Hat das was zu bedeuten? Sind sie wirklich gut für die Füße? „Na ja“, sagt Friedrich Köneking und lächelt sein feines Lächeln, das ein bisschen liebevoll, ein bisschen ironisch ist. „Ich sitze ja viel.“ Pause. „Wenn ich viel stehen würde …“ Er lässt den Rest des Satzes in der Luft hängen.

Nordholz, Haus Nummer 43, ein Nachmittag im Januar. Eine kleine Werkstatt, vollgestellt mit Kisten und Kästen, Lederrollen, Schuhleisten, Werkzeugen, Taschen, Riemen. Und mit Schuhen und Schuhen und Schuhen. Friedrich Köneking trägt seine blaue Arbeitsschürze. „Ich bin ja hauptberuflich Rentner“, sagt er. Er lächelt. Natürlich. Köneking ist Schuhmachermeister. Was er gelernt hat, kann der 1937 Geborene heute noch, und er macht es auch, ob mit Rente oder ohne.

Schuhmachermeister – das war früher ein sehr wichtiger, sehr geachteter Beruf. Heute wird der Schuster nur noch von denen geschätzt, die um seinen Wert wissen, und das sind nicht mehr so viele. Einst hatte jedes Dorf eine Schusterwerkstatt. Heute gibt es im gesamten Bezirk der Handwerkskammer Hannover noch 54 Betriebe.

Friedrich Köneking kann eine Brandsohle (die Innensohle) fertigen, mit Zwischen- und Laufsohle und Absatz verbinden, kann den Schaft (das Oberteil) des Schuhs zuschneiden und formen und vernähen – was alles unglaublich viel Präzision, Geschick und auch Kraft erfordert. Heutige Schuster sind oft bloß Kunststoffhohlraumsohlenverkleber.

Warpes Schuster Friedrich Köneking

Tatsache ist: Die Zeit hat die Schuster überholt. Auch Friedrich Köneking näht keine Schuhe mehr. Aber er repariert sie noch. Selbst die, die nichts taugen. Er zieht sich eines dieser irgendwo in Asien maschinell zusammengepressten Exemplare heran. Die Sohle hat sich gelöst. Das Obermaterial sieht aus wie Leder, ist aber keins. „Wie soll ich das kleben?“, fragt er. „Leder kann man aufrauen, damit der Klebstoff hält. Hier kann man nichts aufrauen.“ Er seufzt. „Manchmal muss ich mich richtig ärgern.“ Dann grinst er: „Man sollte das Fenster aufmachen und den Kram …“ Der Satz bleibt wieder in der Luft hängen.

Friedrich Köneking wird nie einen Schuh aus dem Fenster werfen. Er ist ein Tüftler. Er wird den Asien-Schuh reparieren, wie auch immer er das hinkriegt. Er hat noch nahezu jeden Schuh repariert. Und Taschen und Jacken und gerissene Riemen. Es gibt Leute, die ihn von früher kennen und heute weit fahren, um ihre Schuhe von ihm instand setzen zu lassen.

Schuster ist Friedrich Köneking geworden, weil der Vater einer war und ein bisschen gedrängelt hat. Eigentlich wollte der Junge Tischler werden. Nun denn, er lernte, erst beim Vater, dann in Wietzen, war Geselle im Osnabrücker Raum, legte seine Meisterprüfung ab, kam wieder zurück. Die Arbeit war gut, aber das Einkommen war es nicht. Köneking fertigte rahmengenähte Schuhe für Lloyd, wurde Briefträger, am Ende sogar Postbeamter. Nachmittags ging es dann immer in die Werkstatt.

Nicht, dass ihn das ausgelastet hätte. Unzählige Hobbys hat Köneking auch noch. Er katalogisiert Zeitungsberichte zu Heimatthemen, überträgt sütterlingeschriebene Gemeindeprotokolle in lateinische Buchstaben. Er baut Buchweizen an und surft im Internet und engagiert sich für die Heimatstube in Wietzen.

Friedrich Köneking erzählt von seinem Meisterstück, einem Paar brauner Schuhe, die er nicht mehr hat. Er steht auf und holt eine Kiste ganz oben vom Regal herunter. Darin liegt ein wunderschönes, glänzendes, hochelegantes Paar schwarzer Schuhe. Nur einer ist fertig, beim anderen fehlt die Laufsohle. Das musste so sein: Man sieht das Innenleben und wie sorgfältig es gearbeitet ist. „Mein Gesellenstück“, sagt Köneking, sichtlich stolz.

Man muss nur einen Blick auf diese Schuhe werfen, um zu wissen, was die Welt verloren hat. Und wie froh man sein kann, dass es wenigstens vereinzelt noch Menschen wie Friedrich Köneking gibt.

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