Vortrag beim Landwirtschaftlichen Verein Hoya

Als Ballonflüchtling aus der DDR schrieb er Weltgeschichte

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Günter Wetzel schilderte seine DDR-Flucht, die ihm mit seiner Familie und der Familie Strelzyk 1979 mit einem selbst gebauten Heißluftballon gelang. Auf dem an die Leinwand projizierten Foto ist die Plattform zu erkennen, auf der acht Personen – vier Kinder und vier Erwachsene – rund um die Gasflaschen standen und in mehr als 2 000 Metern Höhe den Todesstreifen überquerten. 

Bücken - Von Horst Friedrichs. Der Luftweg. Das war sein Fluchtweg. Darüber war Günter Wetzel sich von Anfang an im Klaren. Die DDR-Grenze mit ihrem Todesstreifen war ansonsten unüberwindlich. Aber sie ragte nicht in den Himmel. Also Höhe und Land gewinnen. Über die Frage, wie das gehen konnte, sinnierte, skizzierte und plante der Techniker in einem thüringischen Dorf, nachdem seine Frau Petra und er beschlossen hatten „rüberzumachen“.

Folglich musste ein Flugzeug her, selbst gebaut natürlich. Ein Segelflugzeug. Oder ein Leichtbau-Fluggerät mit Trabi-Motor. Aber dann, die Zeichnungen waren schon fertig, entschied der Konstrukteur: „Zu schwierig.“ Doch die Alternative hatte er bereits im Hinterkopf. Ein Heißluftballon. Wetzel ist als wohl berühmtester Ballonfahrer Deutschlands in die Weltgeschichte eingegangen. Am Mittwoch sprach er über seiner Flucht als Gast der Jahreshauptversammlung des Landwirtschaftlichen Vereins Hoya.

Folglich musste ein Flugzeug her, selbst gebaut natürlich. Ein Segelflugzeug. Oder ein Leichtbau-Fluggerät mit Trabi-Motor. Aber dann, die Zeichnungen waren schon fertig, entschied der Konstrukteur: „Zu schwierig.“ Doch die Alternative hatte er bereits im Hinterkopf. Ein Heißluftballon. Wetzel ist als wohl berühmtester Ballonfahrer Deutschlands in die Weltgeschichte eingegangen. Am Mittwoch sprach er über seiner Flucht als Gast der Jahreshauptversammlung des Landwirtschaftlichen Vereins Hoya.

Filme wurden über Wetzels Ballonflucht gedreht, Berichte erschienen rund um den Globus. Am Mittwochabend erzählte er seine persönliche, hoch spannende Geschichte den Mitgliedern und Gästen des Vereins. Im Gasthaus Thöle in Bücken wäre das Fallen einer Stecknadel wie ein Poltern zu hören gewesen, als Günter Wetzel das dramatische Geschehen aus der Zeit des geteilten Deutschlands schilderte.

„Wir fuhren in 2. 000 Metern Höhe, bei Nacht“

„Mit ihren Kalaschnikows konnten sie uns nicht erwischen. Wir fuhren in 2 000 Metern Höhe, bei Nacht. Da waren wir sicher“, so beschreibt Wetzel die bangen Minuten, in denen der Ballon mit zwei Familien an Bord bei einer Höhenwindgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern über Stacheldraht und Selbstschussanlagen driftete – von den Scheinwerfern eines Grenzkontrollpostens verfolgt. Auch deren Lichtstärke reichte indes nicht aus, um den in Richtung Bayern entschwindenden Feuerball zu erfassen.

„Schießen durften sie sowieso nicht ohne Weiteres“, erläutert der Ballonfahrer. „Die Lufthoheit hatten die Sowjets. Und die Grenzer konnten ja nicht wissen, ob die Russen nicht gerade eine militärische Übung mit einem beleuchteten Flugobjekt abhielten. Bis die Grenzsoldaten aber in Berlin angerufen und nachgefragt hatten, waren wir endgültig außer Sicht- und Reichweite.“ Zu dem Zeitpunkt allerdings wussten sie längst nicht mehr, wo sie waren. „Als Navigator habe ich kläglich versagt“, gesteht Günter Wetzel. „Unser Ballon hatte nämlich angefangen, sich zu drehen, und so verloren wir in der Dunkelheit jegliche Orientierung.“

Wohin hatte sie der Wind getrieben?

Wohin der Wind sie trieb, konnten sie nicht einmal mehr ahnen. Als sie schließlich ziemlich unsanft in einem Wald landeten, wussten sie noch immer nicht, ob sie im Westen und in Sicherheit waren – oder zurück im Osten und damit in den Fängen der Stasi. Erst ein Schild an einem Leitungsmast und ein Fendt-Traktor im Schuppen eines Bauernhofs brachten ihnen Gewissheit, und dann wollte der Jubel kein Ende mehr nehmen, als sie von den Einwohnern der Stadt Naila in Oberfranken begrüßt wurden.

Dass Heißluftballons nicht fliegen, sondern fahren, wissen die Menschen in Deutschland heutzutage. „Damals, zum Zeitpunkt unserer Flucht, war Ballonfahren hierzulande noch nicht so bekannt wie heute“, berichtet Günter Wetzel. „Und das galt erst recht für die DDR – vor unserer Flucht.“

Wichtige Informationsquellen waren daher das Westfernsehen und für Wetzel persönlich die Besuche von Verwandten aus der Bundesrepublik, die oft das Magazin „Stern“ mitbrachten. Eines Tages sah er in der Illustrierten ein Großfoto von einem Ballonfahrertreffen in Albuquerque, New Mexico, USA. „Das war der Auslöser für mich“, sagt Wetzel. „Am 8. März 1978 beschlossen Peter Strelzyk und ich, einen Heißluftballon zu bauen.“

Atemberaubende Details

Das abenteuerliche Geschehen bis zum 16. September 1979 schilderte Günter Wetzel in seinem Vortrag. Von der schwierigen Materialbeschaffung über das mühsame Nähen der Stoffbahnen auf einer Nähmaschine aus den 30er-Jahren bis hin zu gescheiterten Startversuchen reichte die Spanne der atemberaubenden Details, die Wetzel vor seinen Zuhörern bei Thöle beschrieb. Nachdem es bereits einen amerikanischen Film über die spektakuläre Ballonflucht gibt, ist ein neues Leinwandwerk in Vorbereitung: Schlicht und einfach „Ballon“ lautet der Titel des deutschen Films, den Michael „Bully“ Herbig als Regisseur dreht. Voraussichtlich im Herbst dieses Jahres soll die Kinopremiere stattfinden. Günter Wetzel wird in diesem Film von David Kross verkörpert, seine Ehefrau Petra von Alicia von Rittberg.

Der Original-Fluchtballon aus dem Museum in Naila soll in diesem Jahr im neuen Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg als Leihgabe ausgestellt werden.

Zur Hauptversammlung des Vereins

Durch eine Fernsehsendung hatte Heinrich Friedrichs jun., Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Vereins Hoya, von Günter Wetzels Vortragsreisen erfahren und ihn spontan angerufen. „Nach 20 Minuten hatte ich seine Zusage für einen Auftritt bei uns“, berichtete Friedrichs in seinen Begrüßungsworten zum Auftakt der Jahreshauptversammlung. Ausführlich schilderte er die Aktivitäten des vergangenen Jahres und wies besonders auf den bevorstehenden Winterball des Landwirtschaftlichen Vereins hin, der am 27. Januar bei Thöle stattfinden wird (eine detaillierte Meldung dazu folgt). „Es ist ein Ball für alle Generationen“, betonte der Vorsitzende. „Für die Gestaltung haben wir uns einiges an Neuem einfallen lassen. Es können Tische bestellt werden, aber auch Besuche ohne jegliche Vorbestellung sind möglich.“

Am 9. Juni dieses Jahres, so Heinrich Friedrichs jun. weiter, veranstaltet der Landwirtschaftliche Verein eine Radtour mit Start in Hoya. Ziel ist zunächst der Mittelpunkt Niedersachsens in Hoyerhagen, Abschluss dann um 18 Uhr ein Spargelessen bei Mysegades in Riethausen. Den Bericht der Kassenprüfer trug Geschäftsführer Ralf Westhoff vor.

Einstimmige Wiederwahlen

Der stellvertretende Vorsitzende Christian Cordes leitete die anschließenden Wahlen. Die Vorstandsmitglieder Heinrich Friedrichs jun., Hannes Burdorf und Frank Struß standen turnusgemäß zur Neuwahl an. Alle drei wurden jeweils einstimmig wiedergewählt. Zum Kassenprüfer wurde Ehler Meyer ernannt.

In einem Grußwort berichtete Wiebke Seevers von der Landberatung Hoya über das vergangene Jahr. Ein weiteres Grußwort sprach Frank Schmädeke (CDU) aus Heesen, der von seiner Arbeit im Landtag berichtete.

www.ballonflucht.de

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