Autor Mutlu Ergün-Hamaz regt in Bücken zum Lachen und Nachdenken an

„Woher kommst du?“ – das kann so rassistisch sein

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Mutlu Ergün-Hamaz erntete zwischendurch immer wieder Beifall.

Von Horst FriedrichsFür ihn ist es die Frage aller ungebetenen Fragen: „Wo kommst du her?“ Seine Antworten darauf reichen von kurz und bündig über nervtötend bis schockierend. Der solchermaßen Dauerbefragte, das ist Sesperado, Protagonist und „nicht-weiße Person“ in Mutlu Ergün-Hamaz‘ Buch „Kara Günlük – Die geheimen Tagebücher des Sesperado“. Der Autor las daraus jetzt in der Kleinkunstdiele Bücken. Die gut besuchte Lesung war Hauptbestandteil einer Multimedia-Performance Ergüns, der sein Publikum ebenso zum Nachdenken wie zum Lachen brachte.

Durchgehende Linie der mit viel Beifall belohnten szenischen Darstellungen aber war der alltägliche Rassismus, der sich auch in ebenjener Frage „Wo kommst du her?“ äußern kann.

So war die Veranstaltung in der Kleinkunstdiele vom Verdener Aktionszentrum „Wabe“ und dem Bundesministerium für Familie und Soziales organisiert worden. Mit einem Rap aus den Anfangsreimen seines Buchs lieferte Mutlu Ergün-Hamaz seinen Zuhörern gleich zu Beginn einen trefflichen Beweis seiner Talente. Und schon war der Weg bereitet für den Fließtext des ersten Kapitels, in dem Ergün-Hamaz mit verblüffenden Antworten für erste Lacher sorgte. Die Frage war die besagte: „Wo kommst du her?“. Deren Intonation wie auch die Konstellation liefern dem Befragten eindeutigen Aufschluss darüber, ob es sich um die rassistische Version der neugierigen Erkundigung handelt.

Sesperado als Nicht-Weißer hat dafür ein feines Gespür – wodurch er folgerichtig auch eine Hitliste von schlagfertigen Antworten auf Lager hat, entwickelt durch langjährige Erfahrungen mit dem Reiz-Ohrwurm „Wo kommst du her?“. Wie im Buch, so auch bei der Lesung, spannte Mutlu Ergün-Hamaz sein Publikum mit der Abhandlung der Antwortenliste ein wenig auf die Folter. Die erzeugte Spannung gipfelte schließlich im Antworten-Hit Nummer eins: „Aus Mama“. Zuvor gab es vier Variationen, von denen zumindest jene mit einer ellen- und stundenlangen Beschreibung exotischer Herkunftshintergründe nicht minder Top-Hit verdächtig ist als Ergün-Hamaz‘ Mama-Favoritin.

Dass Rassismus-Schocker nicht ausschließlich todernst dargestellt werden müssen, zeigte der Autor in den weiteren Ausschnitten aus den Kapiteln seines Buchs – und rief damit viele Heiterkeits-Resonanzen und nicht minder häufigen Beifall hervor. Dass einer der Freunde Sesperados ausgerechnet Djihad heißt, veranschaulichte, wie auch die brisantesten Themenbereiche zurück auf den Teppich einer humorvollen Betrachtungsweise geholt werden können. Darüber hinaus liefern Sesperados Tagebücher fraglos einen unvergleichlich lockeren Einblick in die Welt des Islams.

Mit Ausschnitten aus den verschiedenen Kapiteln des Buchs bot Autor Ergün-Hamaz seinen Zuhörern eine eindrucksvolle Darstellung der ganzen schillernden Vielfalt des Inhalts.

Neben Sprechgesang und Textauszügen reihte Ergün-Hamaz Videos in sein Performance-Programm ein. Von „Es war‘n Araber“ bis hin zum Muslim-Punk aus den USA setzten die von harten Rhythmen untermalten Bilder weitere Akzente, die das Hirn herausforderten, wie es in der Ankündigung der Veranstaltung hieß.

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