Beklemmend eindringlich

Trefurt-Haus zeigt Holzschnitte des jüdischen Künstlers David Ludwig Bloch zum Holocaust

„Help me, Mother“: Ein Holzschnitt von David Ludwig Bloch.
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„Help me, Mother“: Ein Holzschnitt von David Ludwig Bloch.

Hoya – Arbeiten des jüdischen Künstlers David Ludwig Bloch sind nun im Trefurt-Haus in Hoya zu sehen. Er beschäftigte sich künstlerisch intensiv mit dem Holocaust.

Ein Mädchen, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, wendet sich offenbar in größter Bedrängnis mit ausgebreiteten Armen und scheinbar tiefstem Vertrauen, schutz- und hilfesuchend seiner Mutter zu – dahinter eine Wand aus mehr oder weniger gesichtslosen Köpfen. Der jüdische Künstler David Ludwig Bloch hat diese möglicherweise selbst im Konzentrationslager Dachau beobachtete, vielleicht aber auch nur seiner Vorstellungskraft entsprungene Szene in einem Holzschnitt festgehalten.

Das den englischen Originaltitel „Help me, Mother“ tragende Bild ist jetzt neben weiteren ähnlichen Arbeiten des Künstlers im Trefurt-Haus an der Deichstraße in Hoya zu sehen. In seiner gleichermaßen düsteren wie beklemmenden Eindringlichkeit ist es in herausragender Weise geeignet, Grauen, Entsetzen und Hilflosigkeit gegenüber der von der Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes ausgehenden Gewalt zu verdeutlichen.

Der Schöpfer der Bilder, David Ludwig Bloch, wurde 1910 als Sohn jüdischer Eltern, die beide bald nach seiner Geburt verstarben, im oberpfälzischen Floß geboren. Durch eine Hirnhautentzündung verlor er als Kind das Gehör. 1925 begann er eine Porzellanmalerlehre, wurde Porzellanmaler und nahm, nachdem er 1934 wegen der Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden war, ein Studium an der Staatsschule für angewandte Malerei in München auf, von dem er später aber als Jude wieder ausgeschlossen wurde.

In den Tagen der Reichspogromnacht wurde auch Bloch festgenommen und im Konzentrationslager Dachau interniert. Nach vier Wochen, Freunde hatten interveniert, wurde er jedoch wieder entlassen. Anfang April 1940 emigrierte er nach Shanghai, wo er die ebenfalls gehörlose Chinesin Lilly Cheng Disiu heiratete. In dieser Zeit entstanden unter anderem Holzschnitte und Aquarelle, wovon sechs veröffentlichte Bände mit jeweils 60 oder mehr Holzschnitten, die die Lebenszustände der unteren Schichten des chinesischen Volkes darstellten, große Aufmerksamkeit in chinesischen Kunstkreisen erregten.

1949 siedelte er nach New York über und arbeitete dort 26 Jahre als Kunstlithograf. Darüber hinaus zeichnete er für den früheren US-Präsidenten Richard Nixon das gesamte Porzellangeschirr des Weißen Hauses. Erstmals seit 1940 reiste Bloch 1976 wieder nach Deutschland, um sich anschließend künstlerisch intensiv mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Aus dieser Schaffensperiode stammen auch die jetzt gezeigten Arbeiten.

Auf Einladung des Bremer Gehörlosenlehrers Horst Biesold kamen David Bloch und seine Frau in den 80er-Jahren nach Deutschland. In Bremen berichtete er in einer Diaschau vor gehörlosen Schülern aus seinem Leben, in der Gebärdensprache natürlich. Ein einmaliges Erlebnis, von einem Zeitzeugen, der zugleich einer von ihnen war, authentische und unter die Haut gehende Berichte zu sehen (nicht zu hören!), untermalt mit den anschaulichen Kunstwerken Blochs.

In diesem Rahmen lernte auch Bernd Rehling, Gehörlosenlehrer und selbst hörgeschädigt, David Bloch und seine Frau Lilly kennen. Es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Bei einem Besuch überreichte er eine Mappe mit der Aufschrift „Für Karin und Bernd“, die die jetzt im Trefurt-Haus ausgestellten Holzschnitte enthielt.

In fortgeschrittenem Alter kam David Ludwig Bloch in Deutschland zu späten Ehren, mit Ausstellungen, Vorträgen, Presse- und Fernsehberichten. 1997 erhielt er in Dresden den Kulturpreis des Deutschen Gehörlosenbundes. Hochbetagt verstarb er am 16. September 2002 in Barrytown, New York, posthum wurde ihm die Ehrenbürgerschaft seines Geburtsortes Floß verliehen. Im nordrhein-westfälschen Essen ist eine Gehörlosenschule nach ihm benannt.

Anschauen

Die Holzschnitte von David Ludwig Bloch sind im Haus Trefurt, Deichstraße 3, in Hoya zu sehen. Die Zweigstelle des Heimatmuseums Hoya ist immer donnerstags von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Kontakt über Elfriede Hornecker, Telefon 04251/1260 oder Heike Huth, Telefon 04251/2615.

Von Uwe Campe

David Ludwig Bloch kam in Deutschland erst spät zu Ehren.

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