Kommunalarchäologe und Helfer legen Mauern frei

Ausgrabungen auf dem Synagogengrundstück in Hoya: Kaiserlicher Knopf wieder aufgetaucht

Dr. Daniel Lau, Kommunalarchäologe der Landkreise Nienburg und Schaumburg, (vorne links) begann gestern mit Ausgrabungen auf dem Grundstück der einstigen Synagoge in Hoya. Unterstützt wurde er beim Freilegen der Synagogenfundamente von Dr. Jens Neinhardt (vorne rechts) und neun weiteren ehrenamtlichen Grabungshelfern aus Hoya und Umgebung.
+
Dr. Daniel Lau, Kommunalarchäologe der Landkreise Nienburg und Schaumburg, (vorne links) begann gestern mit Ausgrabungen auf dem Grundstück der einstigen Synagoge in Hoya. Unterstützt wurde er beim Freilegen der Synagogenfundamente von Dr. Jens Neinhardt (vorne rechts) und neun weiteren ehrenamtlichen Grabungshelfern aus Hoya und Umgebung.

Hoya – Ausgrabungen in Hoya auf dem ehemaligen Synagogengrundstück brachten nicht nur die Grundmauern des Gebäudes ans Tageslicht.

„Du wirst zu dick, mein Junge“, tadelt die Mutter im Feiertagsgewand unter ihrem Sonnenschirm. „Ja, werdet ihr jungen Leute denn beim Militär zu gut verpflegt?“, fragt der Vater mit gestrenger Miene, klemmt sein Monokel unter das rechte Auge und zieht den Gehrock straff. Sohn Wilhelm hat im Moment völlig andere Sorgen, sucht er doch hockend den Vorgarten der Hoyaer Synagoge ab und forscht nach einem Knopf, den er gerade verloren hat.

Aus dem fernen Hildesheim ist er zum Elternbesuch angereist, schmuck und adrett in der Uniform der dort stationierten kaiserlichen Artillerie.

Im Vorgarten des Eingangs zur Synagoge lässt es sich gut verweilen und mit all den Nachbarn aus Hoya einen Plausch halten. Deren liebreizende Töchter versäumen es nicht, ein Auge auf den flotten Offiziersanwärter Wilhelm zu werfen, auch wenn er um die Hüften herum ein wenig zu viel Umfang angesetzt hat. Die maßgeschneiderte Uniform ist auch schon wieder zu eng geworden, und so passierte das Malheur ausgerechnet beim Ausgang unter Zivilisten.

Ein Knopf sprang ab – beim schnellen Bücken um einer galanten Geste willen. Das blütenweiße, bestickte Taschentuch, das eine der Töchter aus gutem Hause rein zufällig im Vorbeigehen verliert, kann Wilhelm mit einer Verbeugung zurückgeben und auf ein Wiedersehen mit der jungen Dame hoffen. Kein Wiedersehen gibt es dagegen mit dem Knopf, der sich von seiner Uniformjacke verabschiedet und spurlos verschwindet.

Unterwegs mit dem Metalldetektor: Willi Köster (linkes Bild, Mitte) aus Ahnsen bei Bad Eilsen spürte gestern in Hoya einen Uniformknopf aus der Kaiserzeit auf (rechtes Bild). Auch Henning Beneke (linkes Bild, links) aus Syke und Alexander Bachmann aus Hagenburg suchten auf diese Weise das Grundstück ab.

Jetzt tauchte er wieder auf, der kaiserliche Knopf. Geschätzte 120 Jahre nach dem Abtauchen zwischen die Graswurzeln auf dem Hoyaer Synagogengrundstück (das sich so oder anders abgespielt haben könnte) kam er genau dort wieder zum Vorschein. Archäologisches Tiefschürfen brachte den mit einer Krone verzierten Uniformknopf ans Tageslicht – gestern Vormittag, als an der Deichstraße die Ausgrabungen zum Erforschen des Grundrisses der 1833 erbauten Synagoge der jüdischen Gemeinde Hoyas begannen.

Willi Köster aus Ahnsen bei Bad Eilsen spürte gestern in Hoya des Kaisers Knopf auf. Ein Knopf von der Sorte war es, die mutmaßlich Kaiser Wilhelm II für die Uniformröcke seiner Soldaten anfertigen ließ. Willi Köster war einer der drei Helfer, die mit Metalldetektoren das Gelände rund um die freigelegten Grundmauern der einstigen Synagoge absuchten. Programmiert auf Buntmetalle waren ebenso die Detektoren, mit denen Alexander Bachmann aus Hagenburg und Henning Beneke aus Syke arbeiteten. Dabei kam viel Schrott von Autoteilen zum Vorschein, aber auch weitere Knöpfe und kleine Erinnerungsstücke aus längst vergangenen Zeiten. Neben den zuletzt abgebrochenen Garagen hatte sich auch eine Tankstelle auf dem vorherigen Synagogengrundstück befunden.

Der kaiserliche Uniformknopf wurde auf dem ehemaligen Synagogengrundstück in Hoya gefunden.

Dr. Daniel Lau, Kommunalarchäologe der Landkreise Nienburg und Schaumburg, leitet seit gestern die Ausgrabungen, die noch bis zum heutigen Donnerstag auf dem Grundstück der einstigen Synagoge in Hoya andauern. Unterstützt wird Dr. Lau beim Freilegen der Synagogenfundamente von zehn ehrenamtlichen Grabungshelfern aus Hoya und Umgebung. Freigelegt wurden die Fundamente der Außenmauern von etwa zwölf Metern Breite und 25 bis 30 Metern Länge. Mehrere Innenmauern wurden außerdem im hinteren Bereich des ehemaligen Gebäudes freigelegt. Der größere, östliche Teil, bei dem es sich um den Versammlungsraum gehandelt haben muss, weist keine Innenmauern auf.

„Wir werden zumindest einen Teil des Gebäudes rekonstruieren können“, sagte Dr. Lau gestern im Gespräch mit der Kreiszeitung. „Das Ziel unserer Grabung haben wir erreicht, nämlich, die Mauerkronen freizulegen und den Grundriss zu dokumentieren. Auf die Weise entsteht praktisch ein Plan, als wollte man das Gebäude noch einmal bauen.“ Weniger als 20 Zentimeter unter der Betonschicht der zuvor abgerissenen Garagen seien die Synagogenfundamente freigelegt worden, so Dr. Lau weiter. Die Fundamente der Außenmauern seien durch weißen Naturstein und Mörtel kenntlich, während die Innenmauern aus roten Ziegeln bestünden.

Verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten einer künftigen Gedenkstätte ergeben sich nach den Worten des Archäologen aus den nun offen sichtbaren Grundmauern der Synagoge. Denkbar seien etwa eine kniehohe Aufmauerung der Fundamente oder deren Bepflanzung mit Buchsbaumhecken oder Ähnlichem.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Vermisste Person: Polizei sucht 87-jährige Elsbeth König aus Nienburg

Vermisste Person: Polizei sucht 87-jährige Elsbeth König aus Nienburg

Vermisste Person: Polizei sucht 87-jährige Elsbeth König aus Nienburg
Flammen zerstören leerstehendes Haus in Nordholz

Flammen zerstören leerstehendes Haus in Nordholz

Flammen zerstören leerstehendes Haus in Nordholz
Schwerer Unfall in Eystrup: Zwei Fahrzeuge prallen zusammen – 14 Verletzte

Schwerer Unfall in Eystrup: Zwei Fahrzeuge prallen zusammen – 14 Verletzte

Schwerer Unfall in Eystrup: Zwei Fahrzeuge prallen zusammen – 14 Verletzte
Neues Leben in der Landesreitschule

Neues Leben in der Landesreitschule

Neues Leben in der Landesreitschule

Kommentare