Apps „übersetzen“ Filme im Hoyaer Kino für Menschen mit Handicap

Kinoerlebnis für Blinde und Gehörlose

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Kino für Blinde und Gehörlose ist dank den Apps „Greta“ und „Starks“ möglich.

Von Julia Kreykenbohm. In Hoya gehen einige Besucher mit „Greta“ in den Filmhof. Und das, obwohl sie den ganzen Film über redet. Trotz dieses Benehmens wird sie nicht nur toleriert, sondern sogar außerordentlich geschätzt – von den Gästen und den Mitarbeitern. Denn „Greta“ quatscht nicht, weil sie keine gute Kinderstube gehabt hat, sondern um zu helfen. Sie erklärt mit weicher Stimme den Menschen, die ihre Sehkraft fast oder gänzlich verloren haben, die Bilder, die sie auf der großen Leinwand nicht erkennen können. „Greta“ ist eine App für Sehbehinderte.

Seit knapp vier Jahren kann man sie und ihre Schwester „Starks“ auf der Homepage des Filmhofs (www.filmhofhoya.de) unter der Rubrik „Barrierefreies Kino“ herunterladen. Während „Greta“ die Szenen schildert, hilft „Starks“ den hörgeschädigten Gästen, indem sie die Untertitel einblendet. Eine tolle Sache, findet Anke Dieckmann vom Filmhof.

„Wir sind damals vom ,Greta&Starks‘-Anbieter angesprochen worden, ob wir diesen Service nicht anbieten wollen und haben zugesagt“, berichtet die Mitarbeiterin. „Bisher hat es immer perfekt geklappt.“

Und so funktioniert es: Man lädt zunächst „Greta&Starks“ auf sein Smartphone oder Tablet herunter. Danach werden verschiedene Filme angezeigt, die von den Apps unterstützt werden und aus denen der Nutzer wählen kann. „Früher waren es nur ein paar, aber mittlerweile sind es richtig viele geworden“, sagt Dieckmann und scrollt durch das Menü. Doch das Wichtigste an diesem Angebot sei, dass es kostenlos ist. Der Nutzer setzt sich ins Kino, wählt die jeweilige App für sich und den entsprechenden Film an, und schon kann es losgehen.

Hat er sich für „Starks“ – also die App für die Hörgeschädigten – entschieden, tauchen auf schwarzem Hintergrund auf seinem Gerät nicht nur die Dialoge der Protagonisten auf, sondern auch die Geräusche, die gerade zu vernehmen sind, wie gleich zu Beginn des Films „Jurassic World“ deutlich wird, als die Worte „Pfeifender Wind“ oder „Fernes Brüllen“ erscheinen. „Gretas“ Aufgabe scheint da schon schwieriger, denn sie muss ihren Nutzern all die Bilder ersetzen, die gerade auf der Leinwand erscheinen. Doch kann das bei einem Film wie „Jurassic World“ überhaupt funktionieren, der ja von den eindrucksvollen Bildern und Effekten lebt? Es kann.

Manchmal kommt man sich vor, als würde man der Lesung eines Horror-Romans lauschen: „Ein riesiges Maul mit spitzen Zähnen ist zu sehen. Sie sind teilweise blutverschmiert. Owen presst sich auf den Boden und atmet schwer, während er zu dem Saurier hinstarrt“, beschreibt „Greta“, deren Stimme aus dem Kopfhörer klingt, um die übrigen Gäste nicht zu stören. Bei jedem Szenenwechsel liefert sie eine kurze Beschreibung der Umgebung, damit der Hörer sich orientieren kann. Meist geschieht dies schon wenige Sekunden, bevor das Bild überhaupt zu sehen ist, damit nichts verloren geht. Tritt eine Sprechpause ein, schildert sie das Aussehen der Protagonisten, ihre Mimik und Gestik. Auch die Erscheinung der Saurier greift „Greta“ auf: „Zwischen den Blättern leuchtet das Auge der Kreatur hervor. Es ist groß und braun, die Pupille geschlitzt. Der Körper des Tieres ist mit Stacheln übersät.“

Schwierig wird es für die hilfreiche App, wenn auf der Leinwand richtig Action ist, wenn mehrere Dinos übereinander herfallen oder Gebäude in die Luft fliegen. Sie versucht, der Hektik nachzukommen, was meistens gut gelingt. Das Problem ist hin und wieder der Ton. Dann muss „Greta“ gegen das Kampfgeschrei der Saurier ankommen, bei dem sie manchmal untergeht. Das Tolle an „Greta&Starks“ ist, dass sie immer wissen, an welcher Stelle im Film der Zuschauer ist. Drückt man zwischendurch auf „Pause“, um beispielsweise auf die Toilette zu gehen und schaltet hinterher wieder an, setzen beide genau dort ein, wo sich der Streifen gerade befindet.

„Ich weiß von einem sehbehinderten und einem hörgeschädigten Gast, die die App regelmäßig genutzt haben“, sagt Dieckmann. „Beide waren davon sehr begeistert.“ Auch Kinderfilme werden mittlerweile unterstützt, was besonders für Familien super sei. „Wenn früher Eltern, die ein Handicap hatten, mit ihren Kindern ins Kino gingen, mussten manchmal die Kleinen beschreiben, was zu sehen ist oder ihnen mit Zeichensprache verdeutlichen, was gesprochen wurde. Nun können alle gemeinsam den Film genießen“, freut sich Dieckmann.

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