Wie eine junge Frau den Weg zu Gott findet

Abtauchen, auftauchen, ankommen

Pastor Michael Weiland zeichnet bei der Taufzeremonie im Naturfreibad Eystrup ein Kreuz auf die Stirn von Lydia Cramer.
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Das macht auch nicht jeder: Pastor Michael Weiland zeichnet bei der Taufzeremonie im Naturfreibad Eystrup ein Kreuz auf die Stirn von Lydia Cramer.

Mit 20 Jahren sind viele Dinge im Leben wichtig. Der Glaube oder gar die Kirche gehören nur selten dazu. Bei Lydia Cramer aus Eystrup ist das anders. Sie hat sich taufen lassen.

Eystrup/Hassel – Als Lydia Cramer aus dem Wasser wieder auftaucht, muss sie sich festhalten. Zwar ist die Anspannung, die sich in den letzten Stunden in ihr aufgebaut hat, mit einem Mal verschwunden, aber bis sie wieder zur Ruhe kommt, braucht es noch einen Moment. Die 20-Jährige klammert sich an Pastor Michael Weiland fest. Der hilft ihr hoch, legt seine großen Hände auf ihren Kopf und zeichnet mit dem Daumen ein Kreuz auf ihre Stirn.

Nichts an dieser Szene ist gewöhnlich: Ein Taufgottesdienst im Freibad. Ein Pastor in T-Shirt und Badehose, der den Täufling für einen Augenblick komplett unter Wasser taucht. Und eine junge Frau, die danach sagt: „Ich gehöre jetzt zu Gott.“ Wenigstens fühlt es sich für sie so an.

Die 20-Jährige ist die älteste von insgesamt neun Täuflinge, die am Sonntag im Naturfreibad Eystrup in die christliche Gemeinschaft aufgenommen wurden. Den Wunsch dazu hat sie schon als Jugendliche verspürt. „Aber ich dachte, ich bin noch nicht soweit.“ Mit 14, 15 glaubt Lydia, die Taufe sei eine Art Prüfung. Wer nicht die 101 zentralen Fragen des Glaubens korrekt beantworten kann, fällt durch. „Erst hier in der Kirche habe ich gemerkt: Ich muss auch nicht alles wissen oder können.“

Lydia Cramer wächst in einer christlich geprägten Familie auf. Ihre Eltern gehören einer Freikirche an. Aber es fällt ihr schwer, die zu Hause vermittelten Werte als ihre eigenen anzuerkennen. Sie sei da reingewachsen, sagt sie. Es habe sich angefühlt, als sei dieser Glaube an ihr dran, nicht in ihr drin.

Vor knapp einem Jahr kommt Bewegung in ihre Beziehung zu Gott und Kirche. Auslöser ist eine persönliche Krise. Sie sucht das Gespräch mit dem Hasseler Pastor Michael Weiland. „Ich dachte, ein Pastor muss doch auch Seelsorger sein“, sagt sie, „also habe ich ihn angeschrieben über Facebook.“ Weiland antwortet.

Es ist der Anfang eines Dialogs, der bis heute Bestand hat. In den Gesprächen geht es tatsächlich um alles, um Gott und die Welt. Sie erzählt von ihrem Leben, von ihrer Geschichte, er erzählt von sich. Nach den Gottesdiensten, die Lydia schon bald regelmäßig besucht, tauschen sie sich über die Predigt aus. Ihr gefallen seine Texte meist gut. Vor allem, dass sie immer auf heute bezogen sind, findet sie extrem wichtig.

Dass Michael Weiland ein Pastor ist, wie Lydia ihn sich wünscht, ahnt sie schon vorher. Ein Freund habe sie ein paar Mal mit zu Gottesdiensten in Hassel genommen, sagt sie. Vor allem kirchliche Feste liebt die 20-Jährige. Dass Weiland bei einer Konfirmation neben sakralen Liedern auch mal ein Stück von Sido spielt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Auch sonst gefällt es ihr, dass der Pastor so gar nicht dem mitunter angestaubten Klischee eines Geistlichen entspricht. Vor einem Jahr macht er beim Spendenlauf für den Erhalt der Kirchenglocken mit. Und welche Qualitäten er auch haben mag – als Langstreckenläufer war es bis dahin noch nicht in Erscheinung getreten. Gerne blickt Lydia auf die Trecker-Ausfahrt an Pfingsten zurück, wieder so eine Aktion außerhalb der Norm. Genau wie die Wette, dass nicht genug Spenden für die neue Tontechnikanlage der Kirche zusammenkommen würden, die Weiland vor ein paar Wochen gerne verlor.

Wie lange es so etwas in Hassel noch geben wird, ist derzeit völlig offen. Seine dreijährige Probezeit endet im Februar. Ein sogenannter Zukunftsprozess für den Kirchenkreis Syke-Hoya soll ausloten, wie Gemeindearbeit in den kommenden Jahren gestaltet werden kann. Werden alle Pastorenstellen neu besetzt? Was bedeutet das für die Vakanz in Hoya? Was bedeutet das für Hassel? Antworten darauf haben weder der Kirchenvorstand noch der Pastor parat. Lydia Cramer will am liebsten gar nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn Michael Weiland die Gemeinde verlässt. „Dann wäre ich tieftraurig“, sagt sie. „Dann fehlt was, nicht nur mir.“

Als die 20-Jährige erstmals davon hört, dass die Zeit von Michael Weiland an der Weser möglicherweise im Jahr 2022 enden könnte, steht für sie eines fest: „Ich will unbedingt von ihm getauft werden.“ Und es sollte nicht irgendeine Taufe sein, sondern eine Ganzkörpertaufe. So etwas, sagt Lydia, mache auch nicht jeder Pastor. Sie findet die Symbolik schöner, sagt sie. Das Wasser reinigt nicht nur den Kopf, es reinigt den ganzen Menschen.

Lange vor dem ersehnten Ritual beginnt die 20-Jährige mit den Vorbereitungen. Fünf, sechs Stunden spricht sie mit dem Pastor über Fragen zum christlichen Glauben. „Wer ist Jesus? Wer ist Gott? Wir haben das alles mal durchgeschnackt, ganz locker“, sagt Lydia.

Am Tag der Taufe selbst ist sie extrem nervös. Schon um 9.30 Uhr kommt sie am Naturfreibad an – eine halbe Stunde zu früh. Nicht einmal Pastor Weiland vermag sie in diesem Moment zu beruhigen. Lange bevor es ins überraschend kalte Wasser geht, zittert sie. „Es ist etwas Besonderes, wenn man auf etwas hingearbeitet hat, und es dann passiert“, versucht sie, ihre Unruhe zu erklären.

Ihre Eltern, ihr Bruder und drei Freundinnen begleiten sie bei diesem Schritt. Den Segen nimmt sie dennoch allein entgegen. Als Erwachsene braucht sie keinen Paten, und sie hätte auch nicht gewusst, wen sie hätte nehmen sollen. Die Predigt, der Auftritt des Posaunenchors, die Lieder der Gemeinde: Das alles rauscht an ihr vorbei. Abtauchen, auftauchen, geschafft!

Als die Lydia ihren Herzschlag wieder halbwegs unter Kontrolle hat, stellt sie fest: „Es fühlt sich angekommen an. Es fühlt sich näher an. Jetzt ist es okay.“

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