26-Jährige Syrerin kümmert sich nach Flucht um vier Geschwister und Cousin

Ihre Eltern wollten sie in Sicherheit wissen

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Gruppenfoto mit Betreuern: (stehend, von links) Renate Paul, Ahmad Saaeddin, Ahmad Al Khatib und Nour Al Khatib sowie (sitzend) Leen Al Khatib, Susanne Schumann, Wisam Al Khatib und Wala Al Khatib. Die sechs jungen Syrer leben in einer Wohnung im ehemaligen Institut für Niedersächsische Sportgeschichte Hoya (NISH).

Von Horst Friedrichs. Nach Hoya des Friedens wegen – das ist das Ziel, das sie erreicht haben: Fünf Geschwister aus Syrien haben gemeinsam mit ihrem Cousin eine Wohnung an der Weser gefunden. Das Grafenschloss und das Rathaus sind ganz nah, und ihre Adresse ist zugleich Residenz. Im Amtsdeutsch jedenfalls, denn dort, im ehemaligen Niedersächsischen Sportinstitut, sind die sechs Syrien-Flüchtlinge residenzpflichtig. Will heißen: Sie dürfen die Grafenstadt nicht verlassen, bevor ihr Antrag auf Asyl genehmigt wurde.

Seit Mitte September wohnen sie nun in Hoya, und sie mühen sich redlich, die Langeweile des Asylbewerber-Daseins gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wala Al Khatib, 26, die Älteste der sechs, hat mit ihrer Rolle als Familienoberhaupt schon mal eine Menge zu tun.

Wie bravourös die studierte Biotechnikerin diese Aufgabe meistert, bewies sie gleich bei ihrer Ankunft in Hoya. Als Renate Paul die sechs neuen Mitbürger im Namen des Arbeiskreises „Brot und Salz“ begrüßte, erfuhr sie, dass zwei der Geschwister minderjährig sind. Doch Wala entkräftete die aufkommende Sorge der Arbeitskreis-Sprecherin wegen Papierkriegs und langwieriger Behördengänge auf der Stelle, indem sie stolz zwei amtliche Dokumente präsentierte. Damit wird ihr die Pflegeschaft für die beiden minderjährigen Geschwister bescheinigt, nämlich für den 17-jährigen Ahmad und das Nesthäkchen, die neunjährige Leen.

Gefahrvolle Reise dauerte einen Monat

Um diese Voraussetzung dafür, dass die beiden minderjährigen mit ihren älteren Geschwistern zusammenbleiben können, hatte sich Wala Al Khatib bereits im Aufnahmelager Bramsche gekümmert. Der Landkreis Nienburg hatte ihr dann die ersehnten Pflegschaftsdokumente für Ahmad und Leen ausgestellt.

Leen besucht inzwischen die dritte Klasse der Grundschule Hoya. Die Schule leiste hervorragende Arbeit, sagt Familienpatin Susanne Schumann aus Bücken. Sie betreut als Brot-und-Salz-Mitglied die Al-Khatib-Geschwister und ihren Cousin.

Der 17-jährige Ahmad hat zu Hause in Syrien bereits sein Abitur gemacht. „Bei uns fängt man früher mit der Schule an, und dann sind es nur zwölf Jahre bis zum Abitur“, erläutert er.

Seine 25-jährige Schwester Wisam hat in ihrer Heimatstadt Aleppo als Lehrerin gearbeitet, zuletzt in einer Schule außerhalb der Stadt – in ständiger Angst vor Bombeneinschlägen und Scharfschützen-Attacken.

Die 20-jährige Nour studierte in Damaskus im vierten Semester Grundschullehrerin, ehe sie gemeinsam mit ihren Geschwistern aus dem vom Krieg großenteils zerstörten Land floh. Die Eltern blieben zurück, weil das Geld nicht reichte. Alles, worauf es ihnen ankam, war, ihren fünf Kindern die Flucht und damit ein Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen.

Einen Monat dauerte die gefahrvolle Reise von Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland.

In Aufnahmelager Bramsche trafen sie dann eher zufällig ihren Cousin Ahmad Saaeddin, dessen Tante seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Die Wiedersehensfreude war groß, und die Geschwister und ihr 19-jähriger Cousin waren überglücklich, zusammenzubleiben zu können.

17-Jähriger studierte Kunst und bildhauert jetzt

Ahmad widmet sich auch in Hoya seinen Leidenschaften: der Bildhauerei und der Malerei. Gleichzeitig macht seine Genesung von einer Beinwunde durch einen Bombensplitter gute Fortschritte. In Syrien hatte er nach dem Abitur vor zwei Jahren ein Kunststudium begonnen. In seinem Zimmer in der Hoyaer Wohnung entstehen bereits erste Skulpturen und Gemälde.

Auch der Rest der Familie ist nicht tatenlos. Ahmad Saaeddins vornamensgleicher 17-jähriger Cousin spielt in Eystrup beim dortigen Klub Schach und hilft außerdem bei der Fahrradreparatur im Jugendzentrum „Conexxxxx“ mit. Seine Schwester Leen hat dort ebenfalls erste Kontakte geknüpft.

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