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Familie aus Rehburg-Loccum nimmt fünf Ukrainer auf

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Von: Beate Ney-Janßen

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Einige Mitglieder der Familien Lindemann und Wulf sowie Dolmetscher Willy Bunk (rechts) haben sich mit Olga und Olga (zweite und dritte von rechts) in der Diele ihrer Wohnung zum „Familie“ aufgestellt.
Einige Mitglieder der Familien Lindemann und Wulf sowie Dolmetscher Willy Bunk (rechts) haben sich mit Olga und Olga (zweite und dritte von rechts) in der Diele ihrer Wohnung zum „Familie“ aufgestellt. © Beate Ney-Janßen

Fünf Ukrainer sind dank privater Helfer im Rehburg-Loccumer Stadtteil Münchehagen angekommen und dort von einer Familie aufgenommen worden.

Münchehagen – Zwei Frauen und drei Kinder, geflohen aus der Ukraine. Wolfram Lindemann hat ihnen auf seinem Hof in Münchehagen Obdach gegeben. Ein erstes Gespräch über Flucht, Angst und Glück.

Olga und Olga reden unablässig und lächeln viel, während sie am Küchentisch ihrer neuen Wohnung in Münchehagen sitzen. Ein Lächeln, für das sie sich irgendwann entschuldigen. „Wir hatten noch keine Zeit, um uns auszuweinen.“ Sie sind doch erst seit drei Tagen da. Drei Tage, die vollgestopft waren. Mit dem Kennenlernen derjenigen, die sie bei sich aufgenommen haben und mit dem Dank an die Menschen, die sich auf dem Hof der Familie Lindemann die Klinke in die Hand geben. Jeder bepackt mit Kisten und Taschen und mit dem Angebot, gerne noch mehr zu helfen.

In all dem Trubel hat Wolfram Lindemann sich auf die Diele zurückgezogen, macht gemeinsam mit Rainer Makrutzki einen alten Laptop flott für die beiden Frauen. Stundenlang hat er bereits versucht, bei der Ausländerbehörde in Nienburg einen Termin zu bekommen. Damit sie die beiden Frauen und deren drei Kinder anmelden können. Er stöhnt leicht. Die Behörden sind noch nicht so weit. Dabei ist ihm und seiner Familie so vieles schon klar, was nun geschehen muss und soll. Es ist Lindemanns Hof, auf dem Olga und Olga aus der Ukraine gemeinsam mit ihren Kindern Zuflucht gefunden haben.

Angst begleitet die Ukrainer auf der Flucht ständig

Am Küchentisch halten sich die Frauen unterdessen kerzengerade auf ihren Stühlen und berichten von ihrer gemeinsamen Flucht aus einer kleinen Stadt im Verwaltungsbezirk Charkiw im Osten der Ukraine. Davon, dass sie kurz nach Kriegsbeginn zunächst zu ihren Eltern in die Dörfer flohen. Sich auch dort nicht sicher genug fühlten und beschlossen, das Land zu verlassen. Wie sie mit ihren Kindern Adelina (9), German (12) und Daniel (11) zum Bahnhof fuhren, jeder nur mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Sie beschreiben das Gedränge, ihre Angst, einander zu verlieren, und auch das Glück darüber, gemeinsam in einen Zug zu kommen. Eines ihrer Kinder, erzählen sie, sei nahezu in den Waggon hineingeworfen worden.

Angst. Die hat sie auf ihrer Reise immer begleitet. Während der Fahrt nahe an Kiew vorbei. Handys aus, Rollos runter. Das waren die Ansagen, die die Menschen im Zug bekamen. Immer wieder stoppte der Zug. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen, so nahe an einer der am heftigsten umkämpften Städte. Nach vielen Stunden war in einer Stadt nahe der polnischen Grenze Endstation. Nur nahe der Grenze. Wie sollten sie weiterkommen? Ein Bus fuhr sie zu einer Sporthalle. Feldbetten in langen Reihen. Eine Nacht blieben sie, immer noch auf ukrainischem Gebiet. Am nächsten Tag gelangten sie zum Grenzübergang Przemysl. Kein Anstehen, kein Warten, keine Probleme. Sie zeigten ihre Pässe vor und wechselten nach Polen.

Suche nach einer Flucht-Hilfe: Wem können sie vertrauen?

Wieder die Frage: Wie weiter? Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen haben sie keine Freunde in Polen. Überall, erzählen die Frauen, standen Busse und, auch einzelne Helfer, die anboten, die Gestrandeten mitzunehmen. Aber wem sollten, wem konnten sie vertrauen? Angst schwang wieder mit. Die Angst, nach der Flucht und quasi schon in Sicherheit, an jemanden zu geraten, der Böses statt Hilfe für zwei Frauen und drei Kinder im Sinne hat.

Eine Frau bot ihnen Plätze in ihrem Auto an. Sie sieht vertrauenswürdig aus, kann aber nur drei Menschen mitnehmen. Nein, trennen wollten sie sich nicht. In Tränen aufgelöst standen sie da, als ein Mann, Igor, sie ansprach. Igor, der aus der Ukraine stammt, seit 30 Jahren in Deutschland lebt und zu denen gehört, die helfen wollen. Igor, der sie beruhigte und für sie aus der Menge der Hilfswilligen Stefan herausfischte. Stefan Lüer, der aus Neustadts Dorf Borstel mit einem Transporter voller Hilfsgüter zur polnischen Grenze gefahren war. Den freien Raum in seinem Wagen will er auf der Rückfahrt Flüchtlingen geben, will sie alle fünf mitnehmen und weiß auch schon von einer Wohnung, die sie bekommen können.

Mit bangen Herzen in den Transporter

Sollten sie diesem Stefan vertrauen? Was sollten sie anderes tun? Sie folgten dem Rat Igors, das Angebot anzunehmen. Und stiegen mit bangen Herzen in den Transporter ein.

Ein Glücksfall, sagen die beiden Frauen. Wie die gesamte Geschichte ihrer Flucht. So gut und so schnell wie sie hätten es nicht viele der Flüchtenden geschafft.

Tee als Symbol der Gastfreundschaft

Am folgenden Tag, noch vor Tagesanbruch, fuhr Stefan auf den Hof in Münchehagen. „Wir sind mit Tee begrüßt worden“, sagt eine der beiden Frauen. Tee – in ihrem Land ein Symbol der Gastfreundschaft. Ein erster Eisbrecher.

Der zweite Eisbrecher sind die Kinder auf dem Hof, die sich als Spielgefährten für das Mädchen und die Jungen anbieten. Enkel von Wolfram Lindemann, dessen einer Sohn mit ihm auf dem Hof lebt. Auch die Töchter wohnen in der Nähe.

Mit Tochter Lena, Lena Wulf, hatte Lindemann den spontanen Plan gefasst, Flüchtlinge aufzunehmen. In der leer stehenden Wohnung seines Vaters, der im vergangenen Jahr starb. Lena, die mit ihrem Mann eine Bäckerei in Rehburg mit Filiale in Mardorf führt. Dadurch hatte sie von Stefan Lüers Aktion erfahren und ihm die Wohnung für Flüchtlinge in Aussicht gestellt. Nun kümmert sich nicht nur Wolfram Lindemann, sondern auch dessen Kinder und Enkel um die beiden Olgas samt ihren Kindern.

Bäckerei Wulf bittet um Unterstützung

In Lena Wulfs Bäckerei können sich Familien, die Flüchtlinge aufgenommen haben, kostenlos Brot abholen. Geldspenden sammeln sie in ihren Läden außerdem. Zunächst für die neue Gemeinschaft auf dem Hof. Wer weiß schon, wann das erste Geld von den deutschen Behörden kommt.

Die beiden Frauen bedanken sich ein ums andere Mal. Sorge schwingt bei ihnen aber auch mit. In das Gespräch flechten sie die zaghafte Frage ein, wie lange sie wohl in Münchehagen bleiben dürfen. „So lange ihr wollt!“, ist Lenas Antwort. Die Wohnung stehe doch ohnehin frei.

Panik, wenn das Telefonnetz in der Ukraine zusammenbricht

Dann auch die Sorge um die, die sie zurückgelassen haben. Eltern und Geschwister, zu denen sie den Kontakt zu halten versuchen. Panik bricht bei ihnen immer dann aus, wenn das Netz in der Ukraine zusammenbricht. Aktuell bangen sie mit ihrer Freundin Tanya. Tanya, die mit ihrem Kind ebenfalls nach Przemysl geflohen ist, deren Weg noch beschwerlicher als ihrer war. Die neuesten Nachrichten sind aber hoffnungsvoll. Tanya ist bereits in Polen. Im Transporter von Stefan, der die Reise ein zweites Mal angetreten hat.

Wichtig ist es Olga und Olga, zu betonen, dass sie so schnell wie möglich auf eigenen Füßen stehen wollen. Sie seien beide Kämpfernaturen, hätten immer schwer geschuftet für ihre Familien, die eine als Lehrerin, die andere als Laborantin. Kämpfen wollen sie auch jetzt, wollen schnell wieder selbstständig sein, auch wenn sie noch keine Ahnung haben, wie ihre Zukunft aussehen wird.

Zu früh für Träume und Hoffnungen

„Wir denken in kurzen Zeiträumen“, sagen sie. Und auch, dass sie noch keine Träume und Hoffnungen haben. Dafür sei es noch zu früh. Erst einmal zur Ruhe kommen, sagen sie lächelnd. Mit Zeit zum Nachdenken. Damit die Tränen kommen können, die sie jetzt noch hinter diesem Lächeln verbergen.

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