Arbeitsgemeinschaft „Plattdeutsch“ will die alte Sprache breiter nutzen und „Wir“-Gefühl heben

„Dörfler“ sind gerne „Dörfler“

Engagiert verfolgen die Plattdeutsch-Fans um Rudi Niemann (Mitte) in Estorf ihr Ziel, die alte Sprache künftig breiter zu nutzen.

Nienburg - Von Jens HeckmannESTORF · Der Arbeitstitel ist „Klönnachmittag“, aber richtig glücklich ist Rudi Niemann damit nicht. Für ihn und seine Mitstreiter von der Arbeitsgemeinschaft (Arge) „Plattdeutsch“ steckt mehr dahinter, als alte Geschichten und plattdeutsche Gedichte zu lesen: Sie wollen dem Plattdeutschen als lebendiger Sprache zu neuen Ehren verhelfen, und zwar, so die Idealvorstellung, möglichst generationsübergreifend.

Für Montag, 16 Uhr, hat die Arge zum ersten besagten „Klönnachmittag“ eingeladen. Interessierte und Ideengeber sind willkommen.

Mit dem Ziel, die plattdeutsche Sprache am Leben zu erhalten, wollen es Elfriede Gerberding, Friedrich Hachmeier und der Rest des Teams um Rudi Niemann nicht bewenden lassen: „Wir wollen versuchen, für Plattdeutsch wieder einen Platz im Alltagsleben zu schaffen!“ Bei entsprechendem Willen sei das möglich, ist Niemann sicher. Und es mache nicht nur Spaß, eine Sprache zu sprechen, die nicht jeder beherrsche, es könne auch helfen, die Kommunikation zwischen den Generationen zu verbessern und das „Wir“-Gefühl im Dorf zu heben.

Das hat Niemann jüngst selbst erlebt: Zeitgleich mit einer Feier seiner Altersklasse fand im Keller die Party seines 18-jährigen Enkels statt. Plötzlich gesellte sich einer der jungen Leute zum Kreis der „Alten“, dann noch einer und schnell saßen Alte und Junge beisammen und redeten über Gott und die Welt – teils auf Platt, teils auf Hochdeutsch. „Das war klasse“, freut sich Estorfs Alt-Bürgermeister. „Da haben wir mal wieder gemerkt, dass wir viel zu wenig miteinander reden. Wir verstehen die jungen Leute nicht und die wissen nicht, wie wir ticken. Aber die Gespräche in dieser Nacht haben viel zum Verständnis beigetragen.“

Darin, dass auch jüngere Leute, sofern sie vom Dorf kommen, Plattdeutsch zumindest verstehen können, liegt nach Auffassung der „Arge Platt“ ein großes Potenzial der alten Sprache: „Plattdeutsch wirkt identifikationsstiftend. Wer (auch) Plattdeutsch spricht und verstanden wird, fühlt sich gleich ein Stück weit zuhause.“ Und es gibt noch einen weiteren Vorteil, weiß Rudi Niemann: „In Großstädten versteht eben kaum einer Platt. Wenn man also was besprechen will, was nicht jeder mitkriegen soll, ist Platt dafür gut geeignet…“

Am Montag in der Scheune Brösking (Radlerscheune) will die Arge mit ihren Gästen Ideen sammeln, wie sich Plattdeutsch im Alltag nutzen und stärker integrieren ließe. Dazu gibt es bereits einige Ideen: „Wir sind ja nun nicht so fit mit dem Internet, aber jüngere Leute, die Interesse daran haben, könnten die Internetpräsenz unserer Arge entwickeln und pflegen“, sagt Rudi Niemann. Denkbar wäre auch eine plattdeutsche „Dorf-Zeitung“ oder ein Plattdeutsch-Grundkurs.

Das plattdeutsche Engagement in Estorf ist bereits jetzt generationsübergreifend: Neben der – eher von der älteren Generation bestrittenen – „Arge Plattdeutsch“ gibt es auch eine Plattdeutsch-AG in der Schule. Die Schüler und deren Eltern sind am 17. Januar in der Brösking-Scheune willkommen – ebenso aber auch Jugendliche und Menschen um die 40, die Platt verstehen, aber nicht sprechen können.

„Im Grunde ist es die Schuld meiner Generation, dass die 40-Jährigen kein Platt mehr sprechen“, glaubt Rudi Niemann und erntet beifälliges Kopfnicken. „Als wir damals nach Nienburg auf die Oberschule kamen, wurden wir ausgelacht, weil wir nur Platt sprachen und Hochdeutsch sozusagen als erste Fremdsprache lernen mussten. ,Das soll unseren Kindern nicht passieren‘, haben wir uns geschworen und zuhause nur Hochdeutsch gesprochen. Und heute ärgern sich unsere Kinder, dass wir ihnen die alte Sprache nicht beigebracht haben!“

Damals, zu Schulzeiten, habe es in der Stadt als Manko gegolten, vom Dorf zu kommen, Platt zu sprechen und damit quasi ein Bauer zu sein. Rudi Niemann lässt sich davon längst nicht mehr verunsichern, und auch viele jüngere Estorfer sehen sich als „Dörfler“ eher als Individualisten gegenüber den Menschen in den großen Städten: „Die plattdeutsche Sprache ist ein Ausdruck unserer Identität auf dem Lande.“

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