Nienburger Tafel: Nachhaltigkeit statt Kritik an funktionierendem System

Dienstags ist „Omi-Tour“

Nienburg - Von Katrin PliszkaDie Tafeln sollten zur Selbsthilfe animieren, sagte der Soziologe Stefan Selke anlässlich des jüngsten Bundes-Treffens aller Tafeln in Suhl. Er kritisierte sie als privates „Almosen-System“, als Hilfe „ohne Weitsicht, weil sie das Gefühl erwecken, schon die Lösung zu sein“. Aussagen wie diese ärgern Nienburgs Tafel-Chefin Beate Kiehl. Nicht die Tafeln seien das Problem. Die nötige Weitsicht fehle vor allem bei der Politik.

„Die Kritik ist nicht neu“, sagt Beate Kiehl. Nicht neu sei aber auch das Problem, „dass Politiker es nicht auf die Reihe kriegen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Tafeln nicht mehr nötig sind.“

Außerdem vermisst die Tafel-Chefin neben der Weitsicht bei Politik und Konsumenten eine gewisse Nachhaltigkeit im Umgang mit Lebensmitteln. „Wir müssen an beiden Seiten arbeiten: Daran, dass Leute nicht mehr auf Tafeln angewiesen sind, und daran, dass immer noch zuviele Lebensmittel vernichtet werden.“

Hier leisten die Tafeln Kiehl zufolge bereits einen wertvollen Beitrag: Lebensmittel, die qualitativ in Ordnung sind, aber nicht mehr verkauft werden können, landen dank der Tafel nicht im Müll, sondern bei bedürftigen Menschen.

Damit das System reibungslos funktioniert, ist eine gute Logistik die Grundvoraussetzung. „Darum bin ich auch nach Suhl gefahren, um dort Kontakte zu pflegen“, sagt Kiehl.

Nienburg sei im Bundesvergleich eine relativ große Tafel. Allein die Kindertafel versorgt derzeit rund 700 bis 750 Kinder in der Woche mit Lebensmitteln, hinzu kommen rund 2 000 Erwachsene im Monat. Dass sie in den Ausgabestellen in Nienburg, Stolzenau, Neustadt und Hoya zuverlässig bedient werden können, dafür sorgen die Helfer.

So müssen Kiehl und ihr Team den Lebensmittel-Bestand der Tafel immer im Blick haben. „Wenn ich zusage, dass wir für 200 Kinder Brote für ein gesundes Frühstück haben, muss ich auch dafür sorgen, dass Brote und Auflage da sind. Dabei denkt sie auch an muslimische Kinder, die keine Wurst aus Schweinefleisch essen dürfen. Das wechselnde Spendenaufkommen stellt Kiehl und ihre Helfer immer wieder vor Herausforderungen. „So haben wir mal an einem Tag einen Überhang an Molkereiprodukten, an anderen Tagen nur Kohlrabi oder nur Blumenkohl“, nennt sie ein Beispiel. In diesen Fällen tauschen die Tafeln durchaus die Waren untereinander aus. „Gerade haben wir der Bremer Tafel gefrorene Brezeln gegeben und dafür Fertiggerichte bekommen“, erzählt Kiehl.

Damit die Lebensmittel zeitnah bei den Kunden sind, müssen die beiden Kühlfahrzeuge nahezu permanent im Einsatz sein. „Das beschert uns natürlich horrende Sprit- und Fahrzeugkosten“, erzählt Kiehl. Rund 600 bis 700 Euro müsse das Team jeden Monat allein für Benzin ausgeben. Gefahren werden mit beiden Wagen bis zu 5 000 Kilometer im Jahr, sagt sie mit Blick auf Zahlen aus 2011. Die Touren fahren die Helfer jeden Tag ab acht Uhr. „Am Montag bis Hannover, um Lebensmittel abzuholen, Mittwoch bis Minden und alle 14 Tage bis Bremen“, listet Kiehl auf. Dienstag stehe zudem die „Omi-Tour“ auf dem Programm. „So nennen unsere Fahrer liebevoll das Ausliefern von Lebensmittelkisten bis zur Haustür, manchmal sogar bis in den Kühlschrank“, erklärt Kiehl. Rund 30 Kunden stehen dafür auf der Liste.

Um die Touren mit den Stundenzahlen der Helfer unter einen Hut zu bringen, ist Organisationstalent gefragt. Dennoch: „Wir nehmen alles gerne und machen die Touren“, betont Kiehl. Denn eine bessere Lösung lässt ja bekanntlich noch auf sich warten.

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