Ein Amerikaner trifft erstmals seinen Lebensretter Wilhelm Wehlage

Zu Besuch beim unbekannten Blutsbruder in Bücken

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Steve Rannels (links) und Wilhelm Wehlage sind völlig unterschiedlich und doch genetische Zwillinge.

Bücken - Von Maren HustedtEs gibt eineiige Zwillinge, zweieiige Zwillinge, und es gibt genetische Zwillinge. Während Erstere in der Regel von Geburt an zusammen aufwachsen, wissen Letztere manchmal ein Leben lang nichts voneinander. So war das auch bei Wilhelm Wehlage aus Bücken und Steve Rannels aus Hershey/USA – bis das Schicksal sie zusammenführte.

Am Anfang dieser Geschichte stand der Wunsch zu helfen. 2003 war in Hoya ein Junge an Leukämie erkrankt. Wie viele andere ließen sich Wilhelm Wehlage und seine Frau Elisabeth in der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registrieren, um Stammzellen spenden zu können, sollten sie genetisch zum Empfänger passen. Bei der Typisierungsaktion wurde mit einem Wattetupfer eine kleine Speichelprobe entnommen, steril verpackt und weggeschickt. „Nach einer viertel Stunde war alles erledigt.“

Weil sie als Spender für den Jungen nicht infrage kamen, war die Aktion damit für die Wehlages abgeschlossen. Bis ihnen eines Tages ein Brief mit dem Absender „DKMS“ zugestellt wurde. Das nüchtern wirkende Schreiben offenbarte ihnen die Möglichkeit, ein Leben zu retten. Die Gewebe-Merkmale von Wilhelm Wehlage passten zu einem an Leukämie erkrankten Patienten.

„Da musste ich nicht lange überlegen“, sagt der Familienvater. Nach einer ausführlichen Aufklärung durch die DKMS und einen vertrauten Arzt, entschied er sich für die derzeit regelmäßig praktizierte Entnahme von Knochenmark aus dem Becken.

Mit dem Bewusstsein „da ist jemand, der braucht mein Gewebe“ begab sich Wilhelm Wehlage in die Hände der Ärzte einer Hamelner Fachklinik. Unter Vollnarkose wurden ihm mittels 100 Einstichen die benötigten Zellen entnommen. Der Eingriff verlief reibungslos, und bereits einen Tag später konnte der Bücker wieder nach Hause fahren. Für wen er gespendet hatte, wusste er nicht. Für zwei Jahre hält die DKMS die Daten der Beteiligten unter Verschluss.

Mit dem Flugzeug wurde die kostbare Fracht nach Hershey in Pennsylvania (USA) gebracht und schnellstmöglich implantiert. Steve Rannels war mit 51 Jahren an Leukämie erkrankt. 2005 konnte ihn nur noch die Spende aus Deutschland retten. Nach einem langen, zähen Kampf in seinem Körper besiegten die Zellen aus Wilhelm Wehlages Knochenmark die aggressiven Krebszellen. Steve Rannels konnte seine Medikamente absetzen. Seit etwa einem Jahr nach dem Eingriff gilt der heute 63-Jährige als geheilt.

Schnell wurde danach der Wunsch wach, seinen Lebensretter kennenzulernen. Nach der zweijährigen Sperre bekam er die Adresse von Wilhelm Wehlage. „Am 24. April 2005 war ,the day‘. Ich erinnere mich wie heute“, sagt Steve Rannels und zieht aus seinem Portemonnaie den Ausdruck der Nachricht hervor. „Den trage ich immer bei mir.“

Über das Internet pflegten die beiden Familien zunächst einen lockeren Kontakt. Man tauschte Fotos aus, unterrichtete sich über Beruf, Hobbys und natürlich die Gesundheit. Bis man letztlich entschied, sich persönlich zu treffen.

Die Spannung war unermesslich, als Wehlages am Hamburger Flughafen auf Steve und seine Frau Sharon warteten. „Als wir uns in die Arme nahmen, war da eine Vertrautheit, als kannten wir uns seit der Geburt“, sagt Wilhelm Wehlage.

Obwohl sie sich den Großteil ihres Lebens nicht gekannt haben, weit von ein ander entfernt leben, völlig unterschiedlich aussehen und verschiedene Interessen haben, verbindet sie ein gemeinsamer genetischer Bauplan. „In meinen Adern fließt zu 100 Prozent das Blut von Wilhelm“, sagt Steve Rannels. „Er hat mich gerettet. Und dafür bin ich ihm an jedem Tag meines Lebens unendlich dankbar.“

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