Terrorprozess in Celle

Zeuge: IS-Anwerber nahm gezielt labile Männer ins Visier

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Der Angeklagte Ayoub B. sitzt mit Anwalt Hannes Linke (l.) im Oberlandesgericht in Celle (Niedersachsen).

Celle - Reihenweise gehen junge Männer aus Wolfsburg zum IS. Warum gerade aus dieser Stadt? Die zentrale Figur scheint Yassin O. zu sein. Der Anwerber hatte offenbar ein gutes Auge für die Schwachen.

Vor der Ausreise mehrerer junger Wolfsburger zur Terrormiliz Islamischen Staat hat der IS-Anwerber Yassin O. gezielt charakterlich schwache Menschen um sich geschart. Das sagte am Montag ein Zeuge im Terrorprozess gegen zwei IS-Rückkehrer vor dem Oberlandesgericht Celle. „Meiner Meinung nach war er gerissen.“

Ihn habe Yassin O. in Ruhe gelassen, weil er gemerkt habe, dass er einen strengen Vater habe, sagte der 28 Jahre alte Deutsch-Tunesier, der ein Freund des Angeklagten Ayoub B. war. Der Zeuge beschreibt Ayoub B. als Dickkopf, der nie etwas zu Ende gemacht habe. Er habe oft bei Aktionen der Freunde einen drauf setzen wollen: „Wenn ich vom 10-Meter-Brett gesprungen bin, wollte er vom 20-Meter-Brett springen“, sagte der 28-jährige.

Ein weiterer Zeuge sagte, Opfer des Anwerbers seien „kleine Jungs, die dumm und naiv sind“, geworden. Er sagte über Ayoub B.: „Er stand irgendwo im Nirgendwo. Er hatte keinen Halt gehabt.“

Der 27-jährige B. und der 26-jährige Ebrahim H. B. sind angeklagt, sich im vergangenen Jahr dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen zu haben. Ayoub B. soll gekämpft haben, H. B. stand der Anklage zufolge kurz davor, einen Selbstmordanschlag in Bagdad zu begehen. Das Gericht hält die zwei inzwischen für geläutert, da sie sich vom IS distanziert und die Vorwürfe im Wesentlichen gestanden haben.

Bislang wurde an 12 Tagen in Celle verhandelt. Dabei ergab sich das Bild, dass Yassin O. die zentrale Figur in der Wolfsburger Islamistenszene war. Erste Hinweise auf den Anwerber hatten Fahnder bereits 2011, seine spätere Rolle aber wurde unterschätzt. Der Islamist gehörte zunächst einer Untergruppierung von Al Kaida an und wechselte später zum IS. Unklar ist, wann genau die Ermittler vor der Ausreise der beiden Angeklagten Yassin O. auf dem Schirm hatten.

Der Vater des 28-Jährigen berichtete, dass Yassin O. seinem Sohn auferlegt hätte, als Dank für sein neues Cabriolet ein Opfer bringen zu müssen. Die ironische Reaktion des Vaters: „Ich habe ihm gesagt: Du musst kein Schaf schlachten. Das ist ein Leasingauto.“ Er habe O. gesagt: „Hände weg von meinem Sohn.“

Die beiden Angeklagten sollen laut Anklage über soziale Medien versucht haben, neue Mitglieder für den IS zu werben, in einem Fall mit Erfolg. Vor Gericht sagten die Angeklagten bisher aus, sie seien zu den Anwerbeversuchen gezwungen worden. Tatsächlich hätten sie nur noch an die Flucht zurück nach Wolfsburg gedacht.

Ayoub B. hatte während seiner Zeit beim IS mit einem 26-jährigen Konvertiten in Wolfsburg gechattet: „Ich habe die beste Zeit meines Lebens.“ Außerdem schrieb er: „Kommst Du?“ Der Konvertit gab allerdings vor Gericht an, dass er das nicht als Aufforderung, sondern als Frage wertete.

dpa

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