Leistungsgedanke müsse gefördert werden

Zensurfreie Schule erhält kaum Zuspruch

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Ein Zeugnis

Hannover - Nur einzelne Grundschulen in Niedersachsen arbeiten nach Angaben des Kultusministeriums komplett ohne Zensuren. Vor einem Jahr hatte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) es den Grundschulen ermöglicht, per Konferenzbeschluss auch in der dritten und vierten Klasse Berichts- statt Notenzeugnisse zu vergeben.

Die Resonanz jedoch ist bescheiden. „Einige Schulen haben von der Möglichkeit bereits Gebrauch gemacht und sammeln erste Erfahrungen“, sagte Sprecherin Tanja Meister vom Kultusministerium. Genaue Daten dazu, wie viele der landesweit 1700 Grundschulen in allen Jahrgangsstufen auf die Zensuren verzichten, hat das Ministerium nicht. Die Beschlüsse müssen den Schulbehörden nicht mitgeteilt werden. 

Worum geht es bei der Option zensurenfreie Grundschule?
Schon seit längerem bekommen in Niedersachsen Schüler in der ersten und zweiten Klasse keine Schulnoten, sondern Zeugnisse in Berichtsform. Im Juni 2016 hat Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) es den Grundschulen mit einem Erlass freigestellt, per Konferenzbeschluss zu entscheiden, ob sie auch in der dritten und vierten Klasse auf Schulnoten verzichten wollen. 

Wieviele Grundschulen in Niedersachsen arbeiten komplett ohne Noten? 
Bislang sind es nur einzelne Grundschulen. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht, da die Umstellung nicht gemeldet werden muss. Die Landesschulbehörde nennt die Geschwister-Körting-Schule in Hannover als Beispiel, wo die Schüler bis zur vierten Klasse Berichtszeugnisse bekommen. Diese Schule allerdings hatte die Zensuren im Rahmen eines Modellversuchs schon vorher abgeschafft, wie die stellvertretende Leiterin Tanja Köntopp erklärt. „Wir machen nun mit der neuen Regelung weiter.“ Die Erfahrungen seien sehr gut. „Wir möchten nicht mehr zum Zensuren-System zurückkehren.“ 

Die Grundschule Comeniusstraße in Braunschweig wird ab dem kommenden Schuljahr komplett auf Noten verzichten. In der Grundschule Leineberg in Göttingen dagegen scheiterte der Versuch, die Zensuren abzuschaffen. Über die Gründe will sich Schulleiterin Regine Dittmar nicht äußern. 

Warum ist das Echo so gering?
Die Pädagogen an den Grundschulen hätten derzeit viele andere Aufgaben zu bewältigen, sagt Monika de Graaff von der Fachgruppe Grundschule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Sie sollen die Inklusion wuppen, Sprachlerngruppen für Flüchtlingskinder anbieten.“ Viele Schulleiter hätten keinen Kopf für weitere Projekte. Die GEW unterstütze aber das Anliegen, zensurenfrei zu arbeiten. 

Was halten die Eltern vom Verzicht auf Zensuren in der Grundschule?
„Die Zahl der Abmeldungen von Schülern und die Zahl der zusätzlichen Neuanmeldungen halten sich in etwa die Waage“, sagt Brigitte Rössing, Leiterin der Grundschule Comeniusstraße in Braunschweig, über die Folgen der Entscheidung, auf die Noten zu verzichten. „Das Modell findet nicht großartig Anklang“, ist die Erkenntnis von Mike Finke, dem Vorsitzenden des Landeselternrats. Viele Eltern hätten einfach lieber Zensuren, um ihre Kinder messen zu können. Berichtszeugnisse seien aber eine gute Möglichkeit, Kinder mit individuellem Förderbedarf mitzunehmen. 

Wie sehen die Regelungen in anderen Bundesländern aus?
Sehr unterschiedlich. In Bremen ist die Grundschule notenfrei. In Schleswig-Holstein können die Schulkonferenzen entscheiden, ob sie eine notenfreie Grundschule möchten oder ob es ab dem vierten Jahrgang oder schon ab dem dritten Jahrgang Notenzeugnisse mit verbaler Ergänzung geben soll. In Hamburg gibt es ab dem zweiten Halbjahr der dritten Klasse Noten, wenn die Eltern es wünschen. In der vierten Klasse sind Noten verpflichtend. In Nordrhein-Westfalen erhalten die Schulen in allen Klassen Notenzeugnisse.

Ein Für und Wider

PRO 
Gerade in der Grundschule muss individualisiert gearbeitet werden. Die Kinder bringen oft große Unterschiede in ihrer Lernentwicklung mit. Der Abstand könne bis zu drei Jahre ausmachen, sagt Brigitte Rössing, Leiterin der Grundschule Comeniusstraße in Braunschweig. 

„Es gibt Kinder, die können bei der Einschulung lesen, schreiben und rechnen. Andere können einen Buchstaben nicht von einer Zahl unterscheiden.“ Jedes dieser Kinder müsse gefördert und auch in seiner Leistung bewertet werden - dies sei in Berichtszeugnissen besser möglich als mit Zensuren. 

Das Notensystem, so argumentiert Rössing, sage nichts über den individuellen Lernfortschritt aus, sondern schaffe lediglich einen Vergleichswert innerhalb einer Gruppe. „Das Notensystem ist ungerecht und nicht so objektiv, wie ihm oft unterstellt werde“, sagt Rössing. So hätten Versuche gezeigt, dass ein und dieselbe Arbeit von unterschiedlichen Lehrern auch unterschiedlich bewertet würde. 

KONTRA 
Berichtszeugnisse sind umfangreich und häufig so formuliert, dass die Qualität der Leistung noch schwer erkennbar ist. „Wenn dort steht, dass der Schüler den Zahlenraum 1 bis 50 beherrscht, weiß ich immer noch nicht - ist das gut oder schlecht?“, argumentiert Horst Audritz, Landesvorsitzender des Philologenverbandes. 

Zensuren dagegen würden dem Schüler klar sagen, wo er in der Lerngruppe stehe. Sie seien auch eine schnelle Rückmeldung an die Eltern. Häufig dienten Schulnoten als Motivation für Schüler, sich anzustrengen. „Wenn man keine Zensuren vergibt, fördert das nicht den Leistungsgedanken“, sagt Audritz. 

Auch Grundschüler in der 3. und 4. Klasse müssen seiner Ansicht nach an die Tatsache herangeführt werden, dass ihre Leistung im späteren Leben bewertet wird - durch weiterführende Schulen, aber auch durch Arbeitgeber.

dpa

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