Geringe Gefahr, gravierende Folgen

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Blutsauger in der Zange: Die statistische Gefahr, auch im Norden von einer Zecke mit FSME infiziert zu werden, steigt. Einmal erkrankt, verläuft die Virusinfektion „schicksalshaft“, sagen Mediziner. Eine Therapie gibt es nicht.

Von Michael Krüger. Die Entwarnung ist nur eine statistische Größe: Niedersachsen ist kein Zecken-Land. Die Gefahr, von einem der kleinen Spinnentierchen mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) infiziert zu werden, steigt dennoch. Das Virus breitet sich aus – auch im Norden.

„Derjenige, der an FSME erkrankt, interessiert sich aber nicht mehr für die Statistik“, sagt der österreichische Virologe und Reisemediziner Martin Haditsch. Denn der Verlauf der Krankheit sei „schicksalshaft“ – eine Therapie gibt es gegen das Virus nicht.

Das Landesgesundheitsamt in Hannover wies gestern auf die steigende Gefahr durch Zecken in Niedersachsen und Europa hin. „FSME-Infektionen sind hier unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen“, betont Facharzt Masyar Monazahian. 12 000 Menschen in ganz Europa erkranken jährlich neu an FSME. Besonders betroffen sind einige Länder in Osteuropa, Österreich, Schweiz und Skandinavien. Spanien, Portugal oder England sind gar nicht betroffen – die Wissenschaft rätselt, warum.

Die vor allem durch den blutsaugenden „Holzbock“ übertragene Krankheit äußert sich im ersten Stadium nach sieben bis 14 Tagen ähnlich wie ein grippaler Effekt. Für ein Großteil der Betroffenen ist damit die Krankheit überstanden. Ein Drittel der FSME-Patienten leiden in einem zweiten Schub oftmals an Hirnhautentzündung, seltener treten Hirnentzündungen oder Nervenstörungen auf. Auch Todesfälle kommen vor. FSME ist nicht heilbar, es können nur die Symptome behandelt werden mit Schmerzmitteln, Entzündungshemmern und Physiotherapie. Mikrobiologe Helmut Eiffert von der Uni Göttingen: „Ein schweres Krankheitsbild, das aber selten auftritt.“ Gefährdet seien vor allem ältere Menschen, Männer deutlich häufiger als Frauen. In Deutschland stammen mehr als 90 Prozent der gemeldeten (die Dunkelziffer ist vermutlich hoch) FSME-Fälle aus den südlichen Ländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen.

Im vergangenen Jahr wurden 423 Fälle bundesweit gezählt. Von den 140 Risikogebieten in Deutschland liegt nach Angaben des Landesgesundheitsamtes keines im Norden. 2011 wurden in Niedersachsen sechs FSME-Erkrankungen diagnostiziert. Seit 2001 wurden bei Menschen, die sich nachweislich in Niedersachsen infiziert hatten, acht schwere Verläufe der Virus-Infektion gezählt. Trotzdem gibt Virologe Monazahian zu Bedenken: „Die Krankheit wird sich auch hier weiter ausbreiten.“

Seit 2008 sammelt das Landesgesundheitsamt Proben in Zecken-Testgebieten, rund 7 100 Tiere wurden bereits untersucht. Zumindest an zwei Standorten in den Kreisen Cuxhaven und Nienburg wurden so auch vereinzelt FSME-infizierte Zecken gefunden. Anders als in den südlichen Hochrisikogebieten sprechen die Behörden in Niedersachsen dennoch keine Impf-Empfehlung aus. Daraus resultiert auch eine weitere Statistik: Mit einer Impfungsrate von 14,4 Prozent liegt Niedersachsen mit Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein am Ende der Tabelle.

Ohne die steigende Zahl derer, die ihre Freizeit in der Natur verbringen und damit den Zecken nahe sind, beunruhigen zu wollen, fordert Virologe Haditsch zumindest Vorsicht: Passende Kleidung, Sprays und Wachsamkeit beim Absuchen der Haut nach Zecken seien angebracht. Zudem müsse sich jeder fragen, was denn neben den Kosten von rund 75 Euro tatsächlich gegen eine schützende FSME-Impfung spreche. Wenn es nur Bequemlichkeit sei, dürfe man provokant sagen: „Wenn du nicht impfen lassen willst, probiere die Krankheit aus.“

Borreliose – die andere Gefahr

Zecken können die verschiedensten Erreger beherbergen, entsprechend groß ist die Zahl der von ihnen übertragenen Erkrankungen. Neben FSME kann vor allem die Lyme Borreliose (Borreliose) schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Anders als FSME-Risikogebiete, die sich vor allem in Süddeutschland befinden, verteilen sich Zecken mit Borrelien flächendeckend über Deutschland. Etwa ein Drittel der Zecken in Niedersachsen trägt Borrelien in sich – spiralförmige Bakterien, die mit den Erregern der Syphilis verwandt sind. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts kann in Risikogebieten jeder zehnte Zeckenbiss zu einer Borreliose führen. In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 200- bis 300-mal so viele Menschen an der Borreliose wie an einer FSME. Sie ist die häufigste durch Zecken übertragbare Erkrankung in Deutschland. Und dennoch: „Das Bakterium kann man anders als das FSME-Virus mit Antibiotika bekämpfen“, sagt Virologe Haditsch. Ärzte und die Gesellschaft seien für die Krankheit stärker sensibilisiert. Zudem sei man durch ein schnelles Entfernen der Zecke nach dem Biss besser geschützt: Borrelien werden deutlich später als FSME-Viren übertragen.

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