„Zahn um Zahn“ hilft Obdachlosen

+
Bischof Franz-Josef Bode (links) beleuchtet im „Zahn um Zahn“-Behandlungsraum der Caritas in Osnabrück Diözesan-Caritasdirektor Franz Loth, hinter ihm steht Zahnärztin Elisabeth Unger mit ihrem Mann Heinz-Dieter, der auch Zahnarzt ist.

Osnabrück - Von Elmar Stephan - Es sieht fast alles genauso aus wie bei jedem Zahnarzt: Neben dem Eingang steht ein Tresen, an dem die Patienten sich anmelden können. Am Ende des kleinen Flures befindet sich das Behandlungszimmer mit dem Zahnarztstuhl. Nur nimmt die Gäste nicht eine Sprechstundenhilfe in Empfang, sondern ein Sozialarbeiter der Caritas.

Und: Wer hier um Hilfe bittet, traut sich schon seit langem nicht mehr zum Arzt. Seit heute besitzt das ehemalige Franziskanerkloster im Osnabrücker Norden unter der Bezeichnung „Zahn um Zahn“ eine Einrichtung, die es in dieser Form noch kaum in Deutschland gibt - eine Zahnarztpraxis für Obdachlose und arme Menschen.

Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, nehmen oft auch nicht das reguläre Gesundheitssystem in Anspruch, sagt Zahnärztin Elisabeth Unger, die zusammen mit ihrem Mann Heinz-Dieter die Idee für dieses spezielle Behandlungsangebot hatte. „Das Problem ist nicht eine fehlende Krankenversicherung“, betont die Medizinerin. In der Regel seien auch Obdachlose pflichtversichert. Es sei vor allem die Scham, die arme Menschen vom Arztbesuch abhalte. „Jemand, der stinkt, der dreckig ist, der kaputte Zähne hat, der traut sich nicht zum Arzt“, sagt sie. Ähnlich sieht es Werena Rosenke, die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mit Sitz in Bielefeld. „Der allergrößte Teil der Wohnungslosen ist krankenversichert."

Bischof Franz-Josef Bode segnet in den Räumen der Caritas in Osnabrück die „Zahn um Zahn“-Behandlungsräume ein, während Diözesan-Caritasdirektor Franz Loth (links) zuschaut.

Es sei aber nicht nur das Gefühl, vom Arzt diskriminiert zu werden, das vom Praxisbesuch abhalte. Viele könnten Praxisgebühren oder Zuzahlungen nicht bezahlen. Während es bundesweit daher schon viele allgemeinmedizinische Projekte zur Betreuung Obdachloser gebe, seien zahn- und augenärztliche Angebote aber noch sehr selten. Bereits seit Januar 2008 haben einige Zahnärzte gemeinsam mit der Caritas spezielle Sprechstunden für sozial abseitsstehende Menschen in den eigenen Praxisräumen angeboten. 100 Betroffene wurden behandelt. Jetzt befindet sich der Behandlungsraum in unmittelbarer Nähe zur „Wärmestube“, einer Anlaufstelle für Obdachlose. Fünf Ärzte teilen nun von Montag bis Donnerstag den ehrenamtlichen Dienst untereinander auf. Die Einrichtung wurde möglich gemacht durch Spenden in Höhe von insgesamt 30.000 Euro von den Lesern eines Anzeigenblatts.

Bevor die Patienten auf dem Zahnarztstuhl Platz nehmen, werden sie von Caritas-Sozialarbeiter Markus Liening in Empfang genommen. Den Menschen soll nicht nur eine Zahnbehandlung zuteilwerden, sondern sie sollen auch darüber hinaus sozial betreut und aufgefangen werden. Das Gesundheitswesen werde immer stärker privatisiert, mit der Gefahr, dass immer mehr arme Menschen im Abseits landen, befürchtet er. Solche Beobachtungen werden von Brigitte Brunner-Strepp vom Gesundheitsdienst für den Landkreis und die Stadt Osnabrück geteilt. „Auch wir können beobachten, dass die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems sehr stark von der sozialen Stellung der Menschen abhängt“, sagt sie.

Zahnärztin Elisabeth Unger legt im „Zahn um Zahn“-Behandlungsraum der Caritas in Osnabrück Diözesan-Caritasdirektor Franz Loth, der symbolisch auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen hat, einen Schutz um.

Allerdings wollen weder das kommunale Gesundheitsamt noch der kirchliche Träger, dass die Praxis als „Parallelangebot“ für arme Menschen zum regulären Gesundheitssystem angesehen wird. Es sei eine Hilfe für Menschen, die sonst „durch die Maschen des Systems“ fallen würden, betonte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der die Praxisräume segnete. Auch Liening und Unger wollen, dass die Menschen, die zu ihnen kommen, im Anschluss wieder in der Lage sind, in reguläre Arztpraxen zu gehen.

Rosenke spricht außerdem eine politische Forderung aus: „Wohnungslose und Bezieher von Arbeitslosengeld II müsste man von der Praxisgebühr und von Zuzahlungen ausnehmen. Das ist wirklich die größte Hürde.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

Meistgelesene Artikel

Obszöne Rutsche auf Kinderspielplatz entsetzt: „Da fällt einem nix mehr ein“

Obszöne Rutsche auf Kinderspielplatz entsetzt: „Da fällt einem nix mehr ein“

Obszöne Rutsche auf Kinderspielplatz entsetzt: „Da fällt einem nix mehr ein“
Ikea, Aldi und Co. ziehen den Stecker! Strom für Elektroautos nicht mehr gratis

Ikea, Aldi und Co. ziehen den Stecker! Strom für Elektroautos nicht mehr gratis

Ikea, Aldi und Co. ziehen den Stecker! Strom für Elektroautos nicht mehr gratis
Veganerin geht auf Supermarkt los: „Zum Fleischverzehr verführt“

Veganerin geht auf Supermarkt los: „Zum Fleischverzehr verführt“

Veganerin geht auf Supermarkt los: „Zum Fleischverzehr verführt“
Hochbegabte Familie aus Niedersachsen: „Er hatte nie richtige Freunde“

Hochbegabte Familie aus Niedersachsen: „Er hatte nie richtige Freunde“

Hochbegabte Familie aus Niedersachsen: „Er hatte nie richtige Freunde“

Kommentare