Im Norden soll es kein „Stuttgart 21“ geben

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Ein Kreuz als Zeichen des Widerstandes gegen die geplanten Alternativen zur Y-Trasse steht am 13.02.2015 bei Becklingen (Niedersachsen) hinter einem Stopp-Schild auf einem Feld.

Von Michael Evers. Dass für den wachsenden Güterverkehr aus den Häfen Hamburg und Bremerhaven dringend neue Bahngleise Richtung Süden benötigt werden, ist unstrittig. Wo die Y-Trasse am besten gebaut wird, soll nach langem Streit ein Dialogforum ausloten. Ist ein Konsens möglich?

Obwohl sich zwei Dutzend Demonstranten vor dem Kongresszentrum in Celle aufgebaut haben, ist von verhärteten Fronten bei der umstrittenen Y-Bahntrasse am Freitag zunächst kaum etwas zu spüren. „Keine Bahntrasse durch die Heide“, mahnt ein Transparent, „No Way durchs Wendland“ ein anderes. Ein Landwirt demonstriert, weil eine der Trassen den Wald hinter seinem Hof durchschneidet. Ein paar Meter weiter wartet Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) entspannt auf den Start des von ihm angestoßenen Dialogforums, das Kommunalvertreter, Bürgerinitiativen und Experten für das umstrittene norddeutsche Bahnprojekt an einen Tisch bringen soll.

Mit offenen Karten spielen, Planung transparent machen und ein tief verwurzeltes Misstrauen in betroffenen Landstrichen entkräften, so lautet das Ziel des Bürgerdialogs. Jahrelang nämlich hatten Bahn und Politik stur an einer teuren ICE-Trasse von Hannover Richtung Hamburg und Bremen festgehalten. Neue Gleise für den wachsenden Güterverkehr waren zwischenzeitlich aber dringlicher geworden und die Y-Trasse dafür laut vieler Expertisen schlecht geeignet. Der Unmut betroffener Anlieger staute sich auf, Bürgerinitiativen formierten sich. Seit einem Jahr liegen nun Alternativrouten vor, über die das Dialogforum bis November berät. Im Norden soll es kein „Stuttgart 21“ geben.

Nachdem eine Informationsveranstaltung im Herbst in Uelzen noch zu einer großen Demonstration mit einem Treckerkorso führte, ist die Stimmung unter den rund 80 Teilnehmern im Kongresszentrum anfangs sachlich und entspannt. Die Düsseldorfer Beratungsfirma, die den Dialog moderiert, sieht sich mit Detailfragen zu Kosten und Routen konfrontiert. Warum wurden die Strecken der Osthannoverschen Eisenbahnen (OHE) nicht berücksichtigt, will der Lüneburger Landrat Manfred Nahrstedt (SPD) wissen. Wie wird die Beeinträchtigung der Lebensqualität in eine Kosten-Nutzen-Analyse eingerechnet, fragt Reinhard Crasemann von der Bürgerinitative „Y-Monster“.

Nach vier Stunden Debatte bricht in Celle dann aber doch der Konflikt aus, der zu fast jedem Infrastrukturprojekt dazugehört. Bitte nicht in meinem Landkreis, prüft doch lieber eine andere Route, ist aus mancher Wortmeldung heraus zu hören, bei der darum gebeten wird, die Liste an Alternativrouten um weitere teils bereits abgebaute Nebenstrecken zu ergänzen. Anders als in Stuttgart gibt es eben nicht nur zwei, sondern eine Vielzahl denkbarer Lösungen. Landrat Nahrstedt droht gar mit einer Klage, sollten die OHE-Strecken unberücksichtigt bleiben. Das klingt eher nach klarer Kante statt Konsens.

Dabei werden die Planspiele mit dem Finger über ausgediente oder vielleicht zu bauende Bahnstrecken in Niedersachsen ohnehin beim nächsten Treffen des Dialogforums eingeengt werden. Dann nämlich wird eine Grobbewertung von Kosten und Nutzen der bislang ins Auge gefassten Varianten durch das Bundesverkehrsministerium vorgelegt. Was aber ist, wenn die Bewertung der von den Dialogpartnern am Ende präferierten Variante negativ ist, will ein Bürgermeister wissen. Eine klare Antwort darauf bleibt aus - am Ende nämlich entscheidet nach allem Dialog mit dem Bürger der Bund darüber, was gebaut wird, auch wenn das Votum des Dialogprozesses dabei Gewicht haben wird.

Dass etwas geschehen muss, macht in Celle ein Experte des Bundesverkehrsministeriums deutlich. Auf der Route Richtung Bremen wird Kapazität für 60 zusätzliche Züge benötigt, auf der Achse nach Hamburg gar für 140 weitere Güterzüge pro Tag. „Uns fehlen zwei Gleise in Nord-Süd-Richtung.“ Kommt der Ausbau nicht voran, profitieren die Konkurrenten der norddeutschen Häfen. Von Rotterdam aus haben die Niederländer bereits eine separate Bahntrasse Richtung Ruhrgebiet gebaut und der Hafen Antwerpen pocht seit längerem auf einen Neustart des „Eisernen Rheins“, der direkten Bahnverbindung ins Ruhrgebiet.

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