Boom bei fleischlosen Alternativen

Studie: Weniger Fleischkonsum entlastet das Klima spürbar

Der Trend geht zur fleischlosen Ernährung: Wer wenig oder gar kein Fleisch isst, gehört nach einer Studie zu den Rettern des Klimas.

Nach einer Studie der Umweltstiftung WWF halten Menschen, die bewusst wenig Fleisch essen, die Welt eher im ökologischen Gleichgewicht als Fleisch-Fans. Die mit den Essgewohnheiten einhergehenden Auswirkungen auf die Erde werden häufig unterschätzt, heißt es in einer Studie im Auftrag des WWF, die am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die Berechnung geht von einer flexitarischen Ernährung mit einem durchschnittlichen Fleischkonsum von 470 Gramm pro Woche aus. Das entspricht in etwa zwei Buletten und zwei Bratwürsten. Eine vegetarische Ernährung schließt den Verzehr von Fleisch aus, während ein veganer Lebensstil rein pflanzlich ist.

Tierhaltung: Niedersachsen ist trauriger Spitzenreiter

Wo besonders viele Tiere gehalten werden, sind die Grenzen der Umweltbelastung seit Langem erreicht: Spitzenreiter sind die niedersächsischen Landkreise Vechta mit 3,64 Großvieheinheiten pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, gefolgt von Cloppenburg (3,05) und Grafschaft Bentheim (2,55). In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden rund 60 Prozent aller Schweine und Hühner, in Bayern und Niedersachsen fast 50 Prozent aller Rinder und Milchkühe gehalten.

Auch der Fleischkonsum in Niedersachsen ist hoch: 156 Gramm Fleisch verzehren Männer in Niedersachsen durchschnittlich am Tag, Frauen 83 Gramm. Der bundesdeutsche Verbrauch von tierischen Lebensmitteln wie Fleisch und Wurst liegt im Schnitt laut WWF bei 817 Gramm pro Woche. Zusammen mit Milch und Milchprodukten verursache das aktuell rund 70 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen.

156 Gramm Fleisch verzehren Männer in Niedersachsen durchschnittlich am Tag, Frauen 83 Gramm.

Halbiere sich der Fleischkonsum der Deutschen grob auf im Schnitt 470 Gramm pro Woche, sieht die Öko-Bilanz schon wesentlich besser aus. Die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen von derzeit rund 210 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr könnten um 27 Prozent auf 56 Millionen Tonnen reduziert werden.

Ein CO2-Äquivalent von einer Tonne entspricht dem Erwärmungseffekt von einer Tonne Kohlendioxid. Der Ausdruck wird zur besseren Vergleichbarkeit genutzt - der Effekt kann zum Beispiel auch durch Methan entstehen, das Rinder ausstoßen. Noch höhere Einsparungen seien bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung in Deutschland möglich - 98 bis 102 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.

Die Umweltschutzorganisation fordert von der Politik unter anderem die Prüfung einer Lenkungssteuer auf tierische Lebensmittel, die nicht aus ökologischer Landwirtschaft stammen. Bisher werde die Verantwortung für eine ökologische Ernährungswende auf den Schultern der Verbraucher abgeladen. Die kommende Regierung müsse deshalb bis spätestens 2022 eine Ernährungsstrategie auf den Weg bringen, deren Maßstab die ökologischen Grenzen der Erde sein sollten.

Betrieb aus Niedersachsen: Fleischloses Essen immer gefragter

Der Wurstwarenhersteller Rügenwalder Mühle aus dem niedersächsischen Bad Zwischenahn verzeichnete in den vergangenen Monaten teils Umsatzzuwächse von bis zu 100 Prozent bei seinen fleischlosen Alternativ-Produkten. Auch der Wettbewerber Wiesenhof aus Visbek bei Vechta stellt fest, dass der Markt für vegetarische und vegane Produkte in diesem Jahr herausragend wächst.

Schon 2018 und 2019 verzeichneten Nahrungsmittel auf Pflanzenbasis ein starkes Wachstum, wie aus einer im vergangenen Jahr vorgestellten Studie des Investorennetzwerks FAIRR-Initiative hervorgeht. Demzufolge machen Fleischalternativen bisher zwar nur einen kleinen Anteil am weltweiten Umsatz aus, sie wachsen aber überdurchschnittlich im Vergleich zum konventionellen Fleischsektor: Dieser legte zuletzt um sechs Prozent zu, die fleischlosen Alternativen um 25 Prozent im vergangenen Jahr.

Der Wurstwarenhersteller Rügenwalder Mühle aus dem niedersächsischen Bad Zwischenahn verzeichnete in den vergangenen Monaten teils Umsatzzuwächse von bis zu 100 Prozent bei seinen fleischlosen Alternativen.

Fleischlose Burger oder vegane Wurst sind damit keine Nischenprodukte mehr, sondern bei der Masse der Verbraucher angekommen. Alle Studien gingen davon aus, dass 10 bis 40 Prozent der tierischen Produkte durch alternative Proteinquellen ersetzt werden, sagt Godo Röben, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Rügenwalder Mühle: „Es gibt jetzt ein wahnsinniges Wachstum. Und es gibt keinen Lebensmittelhersteller, der das Thema nicht aufgreift.“ Jeder Zulieferer und jeder Maschinenhersteller stelle sich auf diese Marktveränderung ein.

Größter Markt in Deutschland seien bislang die pflanzlichen Milchalternativen, sagt der Kommunikationsleiter des Vereins ProVeg, Alex Grömminger. Dieser werde auf rund 10 Prozent geschätzt, mit stark steigender Tendenz. Der Marktanteil von pflanzlichen Wurst- und Fleischalternativen liege noch darunter. „In den kommenden Jahren wird dieser Markt mit zweistelligen Zuwachsraten im mittleren Bereich weiter kräftig zulegen“, schätzt Grömminger.

Es besteht ein inzwischen unbestreitbarer Zusammenhang zwischen unserem Ernährungssystem und dem Risiko für Pandemien, wie wir sie gerade erleben.

Alex Grömminger, Kommunikationsleiter des Vereins ProVeg

Der Boom pflanzenbasierter Lebensmittel dürfte einige Gründe haben. Die Klimadebatte spiele ebenso hinein wie die jüngste Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, sagt Christian Vagedes von der Veganen Gesellschaft Deutschland: „Fleisch und andere Massentierhaltungsprodukte schädigen das Klima; mit 18 Prozent sogar deutlich mehr als der gesamte Straßen- und Flugverkehr.“

Auch die Corona-Krise habe die Menschen zum Nachdenken gebracht, glaubt ProVeg-Sprecher Grömminger: „Es besteht ein inzwischen unbestreitbarer Zusammenhang zwischen unserem Ernährungssystem und dem Risiko für Pandemien, wie wir sie gerade erleben.“

  • Tipps für nachhaltigen Fleischkonsum
  • 1. Weniger Fleisch essen
    Um das Klima zu schützen, den Flächenverbrauch zu reduzieren und langfristig alle Menschen ernähren zu können, müssen Deutsche ihren durchschnittlichen Fleischkonsum von 60 kg im Jahr reduzieren. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt auch aus gesundheitlicher Sicht den Konsum von nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche.
  • 2. Das ganze Tier verarbeiten
    Hühnerbrust oder Filetstücke? Der selektive Konsum von bestimmten Fleischteilen ist wenig nachhaltig. Die Landwirte bleiben auf bestimmten Fleischteilen sitzen, die oft in ärmere Länder exportiert werden oder im Müll landen. Nachhaltiger ist es, das ganze Tier zu verwerten.
  • 3. Bio, artgerecht & regional einkaufen
    Wer weniger Fleisch ist, kann sich auch eher die höheren Preise für regionale Produkte aus ökologischer und artgerechter Haltung leisten. Ökologische Landwirtschaft schützt Klima und Umwelt, vermeidet den Einsatz von genetisch veränderten Futtermitteln und hat höhere Standards in der Tierhaltung als in der konventionellen Landwirtschaft. Wer zusätzlich noch auf Regionalität achtet, vermeidet lange Transportwege und verbessert dadurch noch einmal seine Klimabilanz. 
  • Quelle: Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V. 
Eine pflanzliche Ernährung hat positive Effekte auf das Klima.

Erfahrungsbericht von Autorin Maria Sandig

Vegan? Das könnte ich nie! Das ist der Standard-Satz, wenn Menschen davon erfahren, dass ich vegan lebe. Auch ich habe diesen Satz schon gesagt oder zumindest gedacht, als ich mich noch mit tierischen Lebensmitteln eingedeckt habe.

Keine Kuhmilch, keine Eier, keine Butter, kein Fleisch. Stattdessen regionales Gemüse, Obst, Mandel- oder Hafermilch und hin und wieder tierische Ersatzprodukte wie Tofu und Käseersatz. Hört sich vielleicht nach Verzicht an, doch für mich ist es ein Gewinn.

Es kostet vielleicht etwas Ausdauer und Disziplin. Doch durch vegane Ernährung habe ich so viel dazugewonnen und gelernt, neue Lebensmittel und Rezepte für mich entdeckt. Für mich ist Veganismus ein Lebensstil, der nicht bei der Ernährung aufhört. Gehalten hat mich neben dem positiven Effekt auf die Umwelt besonders die Auswirkung auf meine Gesundheit. So fit, agil und wohl in meinen Körper habe ich mich mit tierischer Nahrung definitiv nie gefühlt.

mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Marius Becker/ dpa

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