Ein Stück Stoff als Erinnerung

Nähen für Frühchen und Sternenkinder

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Wenn Eltern über den frühen Tod ihres Kindes trauern oder um das Überleben ihres Babys bangen, wollen die „Wolfsburger Elfen“ wie Anna-Lena Behrens helfen.

Wolfsburg - Wenn ein Kind stirbt, ist die Trauer unendlich groß. Und wenn ein Frühchen um sein Leben kämpft, sind die bangen Stunden unerträglich. Um Eltern in dieser Zeit der Hoffnung oder Trauer zu unterstützen, nähen die „Wolfsburger Elfen" schöne Kleidung für die Kleinsten.

Die drei kleinen Räume sind voller Farben, überall liegen Stoffe mit bunten Motiven für Kinderkleidung. Vier gut gelaunte Frauen sitzen an einem Tisch und die Nähmaschinen vor ihnen rattern. Dabei ist der Grund für das Treffen gar kein so fröhlicher. 

Die „Wolfsburger Elfen" nähen Kleidung für Frühchen und Sternenkinder. Mützchen, Halstücher und Strampler für die Kleinsten, die schon früh um ihr Leben kämpfen müssen. Oder auch für die, die es nicht geschafft haben. Mit ihren Sachen versorgen die Elfen die Kliniken in der Region Wolfsburg. Im Juli feiern sie zweijähriges Bestehen.

Wichtiges Engagement für Familien 

„Wir machen Kleidung für eine würdige Bestattung und als Erinnerung für die trauernden Eltern", sagt Daniela Voß, Vorsitzende der Elfen. Rund 2800 Totgeburten gab es 2015 in Deutschland, 1350 Säuglinge starben in der ersten Woche nach der Geburt. "Da entsteht eine Lücke in der Familie, und es herrscht große Trauer um die nicht gelebte Eltern- oder Geschwisterrolle", beschreibt Petra Hohn, vom Bundesverband Verwaiste Eltern und trauende Geschwister. 

Wolfsburger Elfen

Deshalb sei das Engagement solcher Vereine, von denen es bundesweit immer mehr gebe, so wichtig. "Für die Trauernden entsteht eine Zukunftsperspektive und gleichzeitig bekommt das Thema einen Platz in der Gesellschaft", sagt Hohn. Ein Tabu sei es schon lange nicht mehr.

"Das Leben ist nicht nur unbeschwert. Wir können helfen, es ein wenig erträglicher zu machen", sind sich die Elfen einig. Wenn ein Kind stirbt, brauche es trotzdem einen Platz in der Familie. "Es kann bei der Trauer helfen, wenn die Eltern ihr Baby sehen, am besten in schönen Kleidern", so Voß. Für die Frühchen im Brutkasten, die noch um den Eintritt ins Leben kämpfen, bieten die Elfen Inkubator-Bodys an. Neu im Programm sind auch Sonden-Bodys - alles handgemacht und individuell.

Erinnerungen schaffen

Oft ist für so ein Engagement eigene Erfahrung der Auslöser. Auch für die Vorsitzende Voß gab es dieses Schlüsselerlebnis. Die 38-Jährige, die in Wolfsburg als Fotografin arbeitet, begleitete ein junges Paar während der Schwangerschaft mit der Kamera. Als der Geburtstermin schon überschritten war, erkundigte sie sich. Ein paar Tage später erhielt sie die traurige Nachricht. „Die Eltern schrieben mir einen sehr langen Text. Das Kind hatte es nicht geschafft", erzählt die zweifache Mutter, die in solchen Fällen ehrenamtlich im Wolfsburger Klinikum fotografiert. Auf den Fotos sollen die Kinder schöne Sachen anhaben. Für die Eltern gibt es ein Stoffherz im selben Muster, als greifbare Erinnerung.

Wolfsburger Elfen

Nach diesem Erlebnis eröffnete Voß eine Gruppe bei Facebook. Schnell schloßen sich erste Helferinnen an und seit Juli 2015 gibt es die „Wolfsburger Elfen". Mehr als einhundert Mitglieder hat der Verein heute. „Zwischen 20 und 30 nähen aktiv", berichtet Voß. Einige Elfen haben selbst Kinder verloren. Die anderen können nur versuchen, zu verstehen und zu helfen. Deshalb nutzten sie die Möglichkeit, sich nach einer schwierigen Drillingsgeburt, die drei kleinen Babys im Inkubator anzusehen.

Vor ihren Treffen, müssen sich die Elfen abstimmen, wer kommen kann. „Die Räume sind einfach zu klein, hier passen höchstens zehn Elfen rein", erklärt Voß. „Um im Bild zu bleiben, müsste man sagen, unsere Nähstube platzt aus allen Nähten." Dringend suchen sie nach einem größeren Raum. Einige nähen auch von zu Hause aus. Auch in Bremen und Köln sitzen Elfen, die sich fertige Zuschnitte schicken lassen.

Jessica Michael näht ehrenamtlich.

Arbeit gibt es genug und die Gruppe investiert viel Zeit. Dafür bekomme sie aber auch viel Wertschätzung und der Austausch mit den Kliniken sei super. „Die melden sich, wenn sie mal eine Hose mit engerem Bündchen brauchen", berichtet Voß. Wenn ein Kind stirbt, spüren sie von den betroffenen Eltern und den Klinikmitarbeitern Dankbarkeit und Wertschätzung. Denn auch für die Seelsorger und Hebammen sei es jedes Mal ein Schock, Routine entstehe bei so etwas nicht. Innerhalb von nur zehn Tagen hatte Voß zuletzt drei Foto-Einsätze im Klinikum.

dpa

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