Sieben Stufen bis zum Biss

Biologe warnt: Wolf könnte Menschen auch in Niedersachsen töten

Geht dem Wolf die Nahrung aus? Ein Biologe warnt: Menschen könnten auf der Speisekarten der Wölfe landen. Vorab gibt es sieben Stufen bis zum Angriff.

Hannover – Der Umgang mit den Wölfen spaltet die Niedersachsen. Die einen finden es gut und andere würden ihn gerne in seiner Anzahl begrenzen. In den vergangenen Tagen gab es auf Kreiszeitung.de vermehrt Meldungen über Kontakte mit dem Wolf. Die Überschriften lauteten unter anderem „Wolf auf Autobahn überfahren“ oder „Fühlte mich von zwei Wölfen gejagt“. Nun sagt der kanadische Wolfs-Forscher Valerius Geist: „Wenn die Menschen sich nicht wehren, werden die Wölfe gewinnen.“

Wolf kann für Menschen gefährlich werden

Geburtsjahr Valerius Geist1938
GeburtsortSowjetunion
AufgewachsenDeutschland und Österreich
Biologie-ProfessorUniversity of Calgary

Der 83-jährige Biologe war sein ganzes Berufsleben lang davon ausgegangen, dass Wölfe Menschen nicht gefährlich werden können. Als er seinen Altersruhesitz auf Vancouver Island (Kanada) bezog, wurde er jedoch nach eigenen Angaben eines Besseren belehrt. Er musste erleben, wie Wölfe Hunde töteten, seine Nachbarn verfolgten, seine Frau umkreisten und schließlich auch ihn.

Wenn die Menschen sich nicht wehren, werden die Wölfe gewinnen.

Wolfs-Forscher Valerius Geist

Dass für viele Menschen der Wolf harmlos wirke, liegt laut Valerius Geist daran, dass das Tier ab dem frühen 20. Jahrhundert praktisch ausgerottet gewesen war. Für seine Heimat Kanada kam noch hinzu, dass die Einwohner oft bewaffnet waren und den Wolf töteten, bevor er angriff.

Wölfe könnten ihr Jagdrevier in Dörfer und Städte verlegen.

Wölfe können den Menschen gefährlich werden – die verschiedenen Stufen der Gewöhnung

Aufgrund der Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit kommt Geist zu dem Schluss: Wenn der Mensch sich nicht verteidigt, werden die Wölfe übergriffig. Er ist der Meinung, dass die Übergriffe nicht aus heiterem Himmel kommen. Vielmehr gehen solchen Attacken verschiedene Phasen der Gewöhnung an den Menschen voraus, erklärt der Biologe. Er hat eine Skala mit sieben Stufen entwickelt.

Erste Stufe: Rehe, Hirsche und andere Wildtiere flüchten vor dem Wolf in Dörfer und Städte. In der zweiten Stufe nähern sich Wölfe den Häusern vor allem nachts, so die Theorie von Valerius Geist. Das sei unter anderem an unruhig bellenden Hunden oder Wolfsgeheul erkennbar. In Stufe drei trauen sich die Wölfe auch tagsüber in besiedelte Gebiete. Im Frühjahr soll ein Wolf durch Lohne (Landkreis Vechta) gezogen sein.

Wolf greift Hunde und Nutztiere an

In Stufe vier sind die Wölfe laut Valerius Geist nicht mehr zu übersehen. Sie greifen Hunde und Nutztiere wie Kühe tagsüber an, selbst wenn diese sich in unmittelbarer Nähe von Häusern befinden. Sie kommen auf Terrassen und in Gärten. In Stufe fünf steigern sich Angriffe auf Nutztiere: In dieser Phase werden zum Beispiel Reiter umkreist und verfolgt oder größere Nutztiere wie Rinder verletzt. Sie werden mit abgerissenen Ohren, halbierten Schwänzen oder verstümmelten Genitalien vorgefunden.

Stufe sechs ist erreicht, wenn Wölfe sich scheinbar zahm in unmittelbarer Nähe der Menschen aufhalten. Sie stupsen Spaziergänger mit der Nase an, zupfen an der Kleidung oder kneifen auch mal in den Arm. Verscheuchen lassen sich dann die Tiere nicht mehr. Zum großen Finale in Stufe sieben haben die Wölfe ihre Scheu vor dem Menschen endgültig verloren. Gegen einen einzelnen Wolf mag sich ein Mensch noch verteidigen können, aber gegen ein ganzes Rudel dürfte selbst ein bewaffneter Mann keine Chance haben.

Die Beobachtungen von Valerius Geist haben ihren Ursprung in Kanada. Das niedersächsische Umweltministerium empfiehlt bei einem Wolfs-Kontakt in-die-Hände-Klatschen.

Wie gefährlich ist ein Wolf?

Ist der Wolf wirklich so gefährlich? Eine Frage die auch den Nabu beschäftigt. Bei der Betrachtung wird eine Studie von Dr. John Linnell vom Norwegischen Institut für Naturforschung (NINA) gerne zitiert. Dort sind historischen Übergriffe von Wölfen auf Menschen dokumentiert. Veröffentlicht wurde die Studie 2002.

Die Ergebnisse zeigten damals, dass es zwar Angriffe durch Wölfe gab, die Wahrscheinlichkeit dafür jedoch sehr gering war. Zwischen 1950 und 2002 wurden in Europa (ausgenommen Russland) und Nordamerika 68 Menschen von Wölfen verletzt, in acht Fällen tödlich. Bei über der Hälfte der Angriffe war Tollwut die Ursache.

Diese Studie ist nun fast 20 Jahre alt: In Mitteleuropa konnte sich in der Zwischenzeit die Wolfspopulation langsam erholen und wieder Fuß fassen. Doch bedeutet der Zuwachs an Wölfen auch automatisch, dass sich Angriffe durch Wölfe auf Menschen häufen? Um das herauszufinden, beauftragten die Verbände NABU, IFAW und WWF das NINA-Institut, die damalige Studie zu wiederholen und dabei weltweit nach Vorfällen zu suchen.

Wolf: weltweit 489 Angriffe

Im Zeitraum von 2002 bis 2020 fanden die Wissenschaftler weltweit 489 Angriffe, von denen 26 tödlich endeten. Schwerpunktregionen für Konflikte sind der Iran, die Türkei und Indien. Der Großteil (78 Prozent) der Angriffe lässt sich auf eine Erkrankung mit Tollwut zurückführen.

Auf die NINA-Studie greift auch das Bundesumweltministerium zurück. Auf der Homepage heißt auch: Wenn Wölfe die Erfahrung gemacht haben, dass die Wahrnehmung menschlicher Präsenz ohne negative Konsequenzen verläuft, reagieren sie bei Begegnungen mit Menschen und Fahrzeugen in der Regel zwar vorsichtig, aber nicht extrem scheu und traben meist ohne übermäßige Hast davon.

Futter sind positive Reize für Wölfe

Futterkonditionierte Wölfe unterscheiden sich dahingehend von anderen Wölfen, dass sie sich aufgrund von positiven Reizen für Menschen interessieren und aktiv deren Nähe suchen. Bleiben die erwarteten positiven Reize (zum Beispiel Futter) aus, kann das dazu führen, dass die betroffenen Wölfe aufdringliches, dreistes und schlimmstenfalls aggressives Verhalten entwickeln, so das Ministerium.

Wölfe sind streng geschützt. Für einen Abschuss ist eine behördliche Genehmigung erforderlich. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies sieht in einer einmaligen Annäherung eines neugierigen jungen Wolfes kein Problem. Wenn Tiere aber grundsätzlich die Distanz verlieren und Menschen immer wieder sehr nahe kommen, helfe nur eine Tötung, sagte er. Aktuell liegt nach Angaben des Ministers für keinen Wolf in Niedersachsen eine Ausnahmegenehmigung zum Abschuss vor. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Oliver Berg

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