Wenn "Zoro" heiß gewaschen wird

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Einen Helm voll Fuchs: Dieses offenbar von der Mutter verlassene Jungtier griffen die Feuerwehrleute im Bereich Waterlooplatz in Hannover auf und brachten es in die Tieraufzuchtstation Sachsenhagen.

Hannover - Sven Reckmann - Für "Zoro" muss es der Schock seines Lebens gewesen sein. Auf der Suche nach einem kuscheligen Schlafplatz für die Nacht hatte sich der Hauskater ausgerechnet die just gefüllte Waschmaschine ausgesucht. Alle süßen Träume endeten am Morgen abrupt, als die beiden drei und vier Jahre alten Söhne der Familie in Hannover-Mittelfeld die Maschine starteten - eingestellt war der 90-Grad-Waschgang.

Für "Zoro" begann der Überlebenskampf. Laute Geräusche aus der Maschine alarmierten die 21-jährige Mutter. Sie entdeckte das Tier, das bei mittlerweile 30 Grad bereits einige Umdrehungen hinter sich hatte, und wählte den Notruf: Einsatz für die Tierretter der Berufsfeuerwehr Hannover. Wenige Minuten später befreiten die Männer den unglücklichen Kater und brachten ihn zur Tierärztlichen Hochschule, wo er sich von seinen Strapazen erholte.

Einsätze wie dieser bringen die Tierretter für einen Tag in die Medien, bundesweit war "Zoros" schichte Ende Juli in aller Munde. Aber auch abseits der Schlagzeilen geht es fü die Helfer mit ihrem GW (Geräewagen) Tierrettung um Leben - jeden Tag. "Unsere Tierretter fahren im Jahr zwischen 900 und 1.000 Einsätze", erklärt Alfred Falkenberg, Pressesprecher der Feuerwehr Hannover. Ein großer Teil davon sind Einsätze mit Bienen, Wespen und Hornissen, darüber hinaus wartet ein breites Spektrum: Sind Tiere offensichtlich verletzt, entlaufen, verirrt, ausgesetzt - der GW Tierrettung ist gefragt. "Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Tierrettung", sagt Falkenberg. "Wir sind nicht in erster Linie dazu da, Kadaver zu entfernen." Entenküken in der Kanalisation, verirrte Kälber auf der Autobahn, Rehe im Garten, ausgebüxte Schlangen, Wildschweine in der Ladenpassage - das ist nur ein kleiner Ausriss aus dem Einsatztagebuch der Tierretter.

Das Hindernis war zu hoch: Einen ungewöhnlichen Weg zum Ausgang suchte dieses Pferd in einer Reithalle in Hannover-Vinnhorst. Bei dem Versuch, eine Holzwand zu überspringen, blieb es stecken. Mit einer Tragevorrichtung gelang es den Tierrettern schließlich, das Pferd zu befreien.

Manfred Rauch (58) ist einer der rund 70 Berufsfeuerwehrleute der Feuerwache in Hannover-Bornum, die sich den 24-Stunden-Dienst auf dem Fahrzeug aufteilen. "Einsätze mit exotischen Tieren werden immer häufiger", berichtet er. Schlangen, exotische Spinnen, Amphibien, Ameisen - es gibt scheinbar nichts, was sich die Leute nicht als Haustiere halten. Im Notfall müsse die Feuerwehr damit rechnen, in einem brennenden Haus eine ganze Zoohandlung vorzufinden. Vor einiger Zeit wurden Rauch und seine Leute gerufen, um sich um eine Kettennatter zu kümmern - die lag mitten auf einer Straße in der hannoverschen Innenstadt und kam den Autofahrern überhaupt nicht geheuer vor. "Bestimmt einen Meter lang" sei das Tier gewesen, sagt Rauch und breitet die Arme auseinander, um die Dimensionen klarzumachen. Für solche Situationen gibt es keinen Fahrplan. Angst? "Eigenschutz ist das A und O", sagt Manfred Rauch. Und immer reichlich Abstand. Mit Schlingen und Haken gelang es den Feuerwehrleuten schließlich, das Tier einzufangen.

Das Hindernis war zu hoch: Einen ungewöhnlichen Weg zum Ausgang suchte dieses Pferd in einer Reithalle in Hannover-Vinnhorst. Bei dem Versuch, eine Holzwand zu überspringen, blieb es stecken. Mit einer Tragevorrichtung gelang es den Tierrettern schließlich, das Pferd zu befreien.

Doch auch die heimische Fauna gehört zur Kundschaft bei den Tierrettern, wie das Wildschwein, das an einem kalten Wintertag in einen Schifffahrtskanal in Hannover gefallen war. Da die Böschung zu steil war, gab es zunächst keinen Ausweg. Die herbeigeeilten Feuerwehrleute setzten mit dem Schlauchboot hinterher und staunten fortan nicht schlecht über die Schwimmkünste des Schwarzkittels. "Das Tier ist zwei, drei Stunden im eiskalten Wasser geschwommen", erinnert sich Feuerwehrmann Guido Sander (43). Schließlich gelang es, das Tier an einer niedrigeren Böschung wieder aufs Trockene zu lotsen. "Da hat es sich einmal kurz geschüttelt und ist weg - ohne Danke zu sagen."

Doch ein Happyend ist nicht garantiert. Sanders Kollege Tobias Günther (37) erinnert sich an den tragischen Fall eines Mauerseglers, der sich in einem Balkonnetz verfangen hatte. "Wir schafften es, ihn aus dem Netz zu befreien und ließen ihn frei." Er segelte langsam der Erde entgegen, legte eine etwas holprige Landung hin, immerhin in Sicherheit. Scheinbar. Als Günther nochmals vom Balkon schaute, kam gerade eine Katze aus dem Gebüsch und kümmerte sich auf ihre Weise um den Vogel.

Eine gewisse Tragik beinhaltete auch der Fall des liebestollen Katzenbären "Manni" aus dem Zoo Hannover, der Anfang 2006 in die Schlagzeilen geraten war. "Manni" hatte sich mit seiner ehemaligen Partnerin "Margarita" überworfen, weil sie den paarungswilligen Pandabären abgewiesen hatte. "Margarita" zeigte ihm deutlich, wer Herr im Hause ist, jagte ihn sogar kreuz und quer durchs Gehege, woraufhin der genervte "Manni" das Weite suchte. Passanten entdeckten den Ausreißer in einem nahen Wald. Mit Narkosepfeil und Fangnetzen gelang es Tierpflegern und Tierrettern, den gedemütigten Ehemann wieder einzusammeln.

Um mit den tierischen Aufgaben klarzukommen, ist der Gerätewagen mit einem ganzen Sammelsurium von speziellen Werkzeugen ausgestattet: Transportkäfige, Schutzanzüge, Fangschlingen, Käscher, Fangnetze, Hundeleinen und Pferdehalfter - und nicht zu vergessen das Betäubungsgewehr. Um dieses bedienen zu können, ist eine formalisierte Ausbildung vonnöten.

Nicht immer steckt ein tierisches Drama dahinter, wenn die Feuerwehrleute zum Einsatz gerufen werden, sondern vielmehr Unwissenheit und Unbeholfenheit derjenigen, die Alarm schlagen. "Wir sind schon mal wegen einer Kreuzspinne rausgefahren", erinnert sich Tobias Günther und lacht. "Eine Kreuzspinne! Da standen dann vier Passanten daneben, ganz besorgt, und haben gemeint: ,Da drüben ist doch eine Schule! Das ist doch gefährlich!'" Der 37-Jährige schüttelt den Kopf: "Wahrscheinlich sind in dem ganzen Schulgebäude noch viel mehr Kreuzspinnen und tun keinem was zu Leide."

Das Hindernis war zu hoch: Einen ungewöhnlichen Weg zum Ausgang suchte dieses Pferd in einer Reithalle in Hannover-Vinnhorst. Bei dem Versuch, eine Holzwand zu überspringen, blieb es stecken. Mit einer Tragevorrichtung gelang es den Tierrettern schließlich, das Pferd zu befreien.

"Manche sind erschreckend hilflos", stimmt sein Kollege Guido Sander zu. "Wir werden gerufen, weil da angeblich schon seit Stunden eine Taube sitzt, die sich nicht bewegt. Wir gehen auf das Tier zu, die Taube fliegt weg - falscher Alarm. Da fragt man sich: ,Warum habt ihr das nicht auch schon mal probiert?'" Und der "Klassiker" der Tierrettung - die Katze, die im Baum festsitzt - ruft bei den Berufshelfern höchstens noch ein Schmunzeln hervor. "Jede Katze, die auf einen Baum klettert, kommt da auch wieder runter", meint Manfred Rauch ganz pragmatisch, auch wenn es manchmal etwas länger dauere. "Sonst müsste doch in jedem zweiten Baum eine tote Katze sitzen." Wenn es nach manchen Tierschützern gehe, müsste die Feuerwehr "gleich mit dem größten Leiterwagen anrücken" (Günther).

Ein Sonderfahrzeug Tierrettung hat nicht jede Feuerwehr. "Gesetzlich müssten wir dieses Fahrzeug nicht haben", erklärt Alfred Falkenberg. Gleichwohl habe man es in Hannover mit Blick auf das Einsatzvolumen für sinnvoll erachtet. In anderen Städten sind die Gerätschaften auf andere Fahrzeuge verteilt, wiederum andere Kommunen geben ihren Tierrettern auch zusätzliche Aufgaben, wie die Kontrolle der Hundesteuermarken. Solche Ordnungsamtsaufgaben haben die Tierretter aus Hannover noch nicht. Statt Kontrolle ist Helfen angesagt. "Dieser Wagen ist ein großer Sympathieträger für uns", erklärt Falkenberg. "Die Leute nehmen ihn sehr positiv auf." Wenn Kater "Zoro" etwas dazu sagen könnte, er sähe es wahrscheinlich genauso.

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