Wenn die Abschiebung alles auf den Kopf stellt

+
Neun Monate nach ihrer Abschiebung ist Elvira Gashi mit ihren Kindern Diafer (l) und Tuana zurück in Wolfenbüttel.

Wolfenbüttel - Wie abwesend schaut Elvira Gashi aus ihren grünblauen Augen. Noch immer sitzen die Erinnerungen an ihre Abschiebung im vergangenen Sommer tief.

Die schrecklichen Erlebnisse, die danach im Kosovo auf sie warteten, will sie am liebsten vergessen, sagt die 22-Jährige. Von einer auf die andere Minute sei die Kosovarin aus ihrer Familie gerissen worden. Sie musste Deutschland verlassen, weil sie nur eine Duldung besaß. Seit etwa einer Woche ist sie wieder in Wolfenbüttel. Eine sogenannte „Betretenserlaubnis“ hat ihr die Einreise ermöglicht. Allerdings ist diese Erlaubnis zunächst auf vier Wochen befristet.

Wenn sie von der Nacht der Abschiebung erzählt, ist die Furcht und das Unverständnis aus Gashis Augen abzulesen. „Ich wusste davon gar nichts. Ich habe vorher kein Bescheid bekommen. Die sind einfach nachts um zwei Uhr reingekommen und haben mir nur gesagt, ich soll mich fertig machen, weil ich abgeschoben werde“, erzählt die 22-Jährige. Sie habe gezittert, geschrien und geweint, lag ihrer Familie in den Armen.

Mit einem Koffer und ohne einen Cent in der Tasche habe sie dem Land den Rücken kehren müssen, in dem sie seit zwei Jahrzehnten lebte. Einem Land, in dem sie zur Schule gegangen ist und ihre beiden Kinder zu Welt gekommen sind. „Für mich ist Deutschland meine Heimat. Kosovo ist wie ein fremdes Land, das ich gar nicht kenne“, sagt die 22-Jährige. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Elmira fügt hinzu: „Das ist so, als ob man ein deutsches Kind aus Deutschland rausschmeißen würde.“

Eine Anlaufstelle hatte Gashi im Kosovo nicht. „Ich habe ein paar Tage mal hier, dann mal da übernachtet“, erinnert sich die 22-Jährige. Eine zeitlang habe sie mit ihren drei und vier Jahre alten Kindern im Wald gelebt. „Ich hatte voll Angst“, sagt die junge Mutter. Irgendwann fand sie Unterschlupf in einem abgebrannten Haus. Oft habe sie nichts zu essen und trinken gehabt. Ihre Mutter schickte ihr zwar monatlich 30 oder 50 Euro, aber das reichte nicht aus. „Ich habe von der Hand in den Mund gelebt und auch in Mülltonnen nach Essen gesucht“, sagt Elvira Gashi.

Sie sei kaum wieder zu erkennen, erzählt eine Freundin. „Sie ist zurückhaltend geworden. Früher war sie ein lebensfroher Mensch“, sagt die 26-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte, weil sie selber eine Duldung hat und Probleme fürchtet.

Ende April muss Elvira Gashi Deutschland verlassen. Der Gedanke daran raubt ihr jetzt schon den Nerv. „Ich will nicht zurück und nicht wieder so leben. Eher würde ich mich umbringen“, sagt die 22-Jährige. Sie will deshalb einen Antrag bei der Härtefallkommission stellen.

Die Härtefallkommission ist beim niedersächsischen Innenministerium angesiedelt und entscheidet, ob ausreisepflichtigeAusländer in Einzelfällen doch in Deutschland bleiben dürfen. Seit der Gründung im September 2006 seien dort insgesamt 302 Anfragen eingegangen, sagte die Kommissionsvorsitzende, Tina-Angela Lindner. Viele von den Anträgen wurden aber zum Beispiel zurückgezogen oder schafften es nicht auf den Tisch der Kommission. Letztendlich musste die Kommission nur in 63 Fällen eine Entscheidung treffen. „In 45 Fällen wurde ein Härtefallersuchen beschlossen und in 18 Fällen abgelehnt“, sagt Lindner.

Seit langem kritisieren aber Wohlfahrtsverbände und Kirchen den aus ihrer Sicht zu rigiden Kurs von Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Humanitäre Gesichtspunkte kämen zu wenig zum Tragen, hieß es. Die Hürden für die Annahme von Härtefällen seien hoch und die Ausschlussmöglichkeiten rigide, kritisieren die Kommissionsmitglieder in einem Schreiben. Oft sei die Annahme an der bislang erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit gescheitert. In einem Viertel der Fälle sei der Innenminister außerdem dem positiven Votum der Kommission nicht gefolgt.

Laut dem Flüchtlingsrat sind in Niedersachsen 3500 Roma von der Abschiebung bedroht, bundesweit seien es rund 10 000. Weil am 8. April der internationale Tag der Roma ist, wollen unter anderem Flüchtlingsrat und Roma-Organisationen gegen die Abschiebung von Roma und anderen Minderheiten aus dem Kosovo in Hannover demonstrieren, teilte ein Sprecher des Flüchtlingsrates mit.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Die Bilder zum Saisonhighlight

Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Die Bilder zum Saisonhighlight

Leipzig im Halbfinale - Poulsen und Hwang treffen gegen VfL

Leipzig im Halbfinale - Poulsen und Hwang treffen gegen VfL

Elfmeter und Doppelschlag: Bayern-Schreck Kiel stoppt Essen

Elfmeter und Doppelschlag: Bayern-Schreck Kiel stoppt Essen

Hefezopf und Rüblikuchen: So wird Ostern richtig fluffig

Hefezopf und Rüblikuchen: So wird Ostern richtig fluffig

Meistgelesene Artikel

Rückkehr in die Schulen: Wann können Kinder wieder in die Klassenräume?

Rückkehr in die Schulen: Wann können Kinder wieder in die Klassenräume?

Rückkehr in die Schulen: Wann können Kinder wieder in die Klassenräume?
Du hast die Nägel schön: Wann öffnen Nagelstudios wieder?

Du hast die Nägel schön: Wann öffnen Nagelstudios wieder?

Du hast die Nägel schön: Wann öffnen Nagelstudios wieder?
Tote Jugendliche auf Landstraße in Göttingen gefunden

Tote Jugendliche auf Landstraße in Göttingen gefunden

Tote Jugendliche auf Landstraße in Göttingen gefunden
Lockdown-Verlängerung: Wann öffnen Geschäfte wieder?

Lockdown-Verlängerung: Wann öffnen Geschäfte wieder?

Lockdown-Verlängerung: Wann öffnen Geschäfte wieder?

Kommentare