LKA-Sprecher: Etwa 200 sehr professionelle Täter

Panzerknacker geben trotz Todesfahrt keine Ruhe

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In Meppen endete die Flucht für einen der Geldautomaten-Räuber tödlich.

Niedersachsen – Von Christoph Holzenkamp. Eine Explosion, eine furiose Flucht und ein tragischer Unfall. Das Unglück in Meppen, bei dem ein mutmaßlicher Geldautomaten-Räuber auf der Flucht stirbt und zwei weitere festgenommen werden, ist der dramatische Höhepunkt in einer Serie von Banküberfällen. Ein Ende der Serie ist dennoch nicht in Sicht.

Das Muster ist immer gleich: Mehrere Männer verschaffen sich Zutritt zu einer Bankfiliale, leiten mit Schläuchen ein Gasgemisch in einen Geldautomaten ein und bringen es zur Explosion. Mit der Beute flüchten sie in gestohlenen PS-starken Autos in Richtung Niederlande. Ihre Fahrweise beschreibt die Polizei als rücksichtslos und hochriskant, Verfolgungsjagden sind daher kaum möglich. In Meppen endete eine solche Flucht am 9. März tragisch. In einer Kurve konnte der Fahrer des Wagens die Spur nicht halten, kollidierte erst mit einem Lastwagen und prallte dann gegen einen Baum. Der Beifahrer starb noch im Auto, der Fahrer wurde von der Feuerwehr schwerverletzt aus dem Wrack befreit. Ein dritter Komplize konnte vorerst fliehen, wurde aber laut der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ beim Versuch, ein Taxi zu nehmen, festgenommen.

Dass dieser Unfall die Serie an Sprengungen beenden würde, glaubte bei der im Dezember vom Landeskriminalamt eingerichteten Sonderkommission niemand. Nur zwei Tage später war klar, dass es auch keine Verschnaufpause geben wird. Bereits zwei weitere Zwischenfälle haben sich seitdem im Emsland ereignet. Einen Tag später schlugen Räuber in Geeste zu und erbeuteten einen Geldbetrag in unbekannter Höhe. In der Nacht auf Freitag wurde eine Bank in Surwold überfallen. Eine vorzeitige Zündung des Gases verhinderte die Sprengung des Automaten. Dennoch brach ein Feuer aus und verursachte einen Schaden von 50.000 Euro.

Zwischenfälle schrecken Banden nicht ab

Eine im verunglückten Auto der Geldautomaten-Räuber sichergestellte Tüte mit Bargeld.

Zwischenfälle schrecken Banden nicht ab Drei Überfälle in drei Tagen, bereits der achte in diesem Jahr. 2015 waren es in Niedersachsen insgesamt 28 gewesen. Die Schlagzahl erhöht sich. Die beiden misslungenen Überfälle demonstrieren die Rücksichtslosigkeit der Täter. Sowohl die Explosionen – und der in Surwold entstandene Brand – als auch die riskante Fahrweise gefährden Unbeteiligte. Zwischenfälle schrecken die Panzerknacker aber offenbar nicht ab. Bereits im Dezember waren drei Tatverdächtige festgenommen worden. Erledigt sei das Phänomen damit keineswegs, hieß es anschließend. Frank Federau, Sprecher des Landeskriminalamtes Niedersachsen, beziffert die Größe der Bande auf circa 200 Täter. Es handele sich um einen Personenkreis unterschiedlicher Zusammensetzung. Die größte Gruppierung bestehe aus nordafrikanischen Migranten, die sich bandenmäßig um Utrecht organisieren. Besonders betroffen ist Nordrhein-Westfalen, dort gab es in diesem Jahr bereits 24 Sprengungen.

Neben der holländischen Bande werden aber noch zwei weitere kriminelle Gruppierungen für die Taten verantwortlich gemacht. Das Landeskriminalamt geht davon aus, dass auch polnische Täter sowie Gruppen von Nachahmern in Niedersachsen aktiv sind. Ein Nachahmer-Trio wurde bereits im Dezember im Ruhrgebiet festgenommen. Sie waren für 13 Überfälle verantwortlich, in denen sie stets ohne Beute blieben, insgesamt aber einen Millionenschaden anrichteten. Deutlich professioneller geht die Tätergruppe aus den Niederlanden zu Werke. Sie sind inzwischen in Deutschland aktiv, weil die Modernisierung der holländischen Geldautomaten ihnen die Arbeit erschwert hat. Der norddeutsche Raum bietet sich nicht nur wegen der geographischen Nähe und den offenen Grenzen an, auch die gut ausgebauten Straßen und die relativ kleine Bevölkerungsdichte vor allem des Emslands begünstigen die Räuber.

Bei der Ermittlung arbeitet die 15-köpfige Sonderkommission eng mit der holländischen Polizei zusammen. Weil Verfolgungsjagden sogar mit Helikopter-Einsatz erfolglos blieben, setzt die Polizei auf Präventionsmaßnahmen. Frank Federau weist auf einzelne Festnahmen wie im Dezember hin,als drei holländische Staatsbürger dabei erwischt wurden, wie sie ein Tatauto präparierten. Die Aufgabe der Polizei bestünde allerdings vornehmlich in der Gefahrenabwehr und Strafverfolgung, bei einer Erhöhung der Sicherheitsmaßnahmen sind auch die Banken gefragt. „Wir beraten die Banken und gehen von besseren Sicherheitsvorkehrungen aus“, sagte Federau auf Nachfrage der Kreiszeitung.

Banken sind gefordert

Zur Erhöhung der Sicherheit gibt es mehrere mögliche Maßnahmen. Tanja Beller, Sprecherin der Deutschen Kreditwirtschaft (DK), nennt im Interview mit NDR.de etwa „Videoüberwachungssysteme, Einbruchmeldeanlagen, Erschütterungsmelder und auch Einfärbesysteme für die Geldscheine“. Gleichzeitig betont sie aber, dass jede Bank selbst über ihre Vorkehrungen entscheiden müsse. Eine flächendeckende Umrüstung der Geldautomaten streben deutsche Kreditinstitute offenbar nicht an. Beller verweist stattdessen auf die Sonderkommissionen der Polizei.

Ob sich die Regelmäßigkeit der Überfälle in nächster Zeit sogar noch erhöhen könnte, vermag das LKA nicht einzuschätzen. „Es ist ein sehr komplexes Phänomen“, sagt Federau. Eine Lösung des Panzerknacker-Problems stellt er nicht in Aussicht: „Von heute auf morgen können wir es nicht eindämmen.“ Zwar dürfte es zu weiteren Festnahmen kommen, ein Ende der Serie von Geldautomaten-Sprengungen wird das aber nicht bedeuten.

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