Die letzte Fahrt der Wangerooge-Wale geht aufs Festland

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Toter Pottwal am Strand.

Wangerooge - Von Helmut Reuter. Die Nordsee ist in den vergangenen Tagen zum Walfriedhof geworden. Elf Pottwal-Bullen verendeten, sechs von ihnen an deutschen Küsten. Traurig, aber nicht so selten.

Am Ostzipfel der Nordseeinsel Wangerooge verrichten die Kettenbagger eine ungewöhnliche Arbeit. Sie ziehen die tonnenschweren Kadaver der beiden vor rund einer Woche angeschwemmten Pottwale so gut es geht übers Watt und richten sie aus. „Mit der Schwanzflosse Richtung Meer“, sagt Wangerooges Bürgermeister Dirk Lindner. Die toten Ozeanriesen werden auf ihre letzte Reise vorbereitet - sie sollen bei Hochwasser mit Schleppern über die Nordsee ans Festland nach Wilhelmshaven gebracht werden.

Insgesamt verendeten seit Freitag vorige Woche elf Wale in der Nordsee. Zwei von ihnen vor Wangerooge, zwei vor Helgoland, einer vor Büsum und einer vor Bremerhaven. Fünf starben vor der niederländischen Insel Texel. Der schaurige, aber ehrfurchtgebietende Anblick der riesigen Tiere lockt Schaulustige und Medien an, Fernsehen, Radio und Zeitungen berichten seit Tagen ausführlich über das Schicksal der Wale und die Ursachen für ihr Stranden.

Viele Experten werden befragt, und sie sind sich alle einig, dass derartige Vorfälle nicht ganz so ungewöhnlich sind. „Die Wale haben sich schlicht und ergreifend verschwommen. Sie sind nicht südwestlich von Schottland vorbeigeschwommen, sondern sind in die Nordsee geraten“, sagt Thilo Maack, Meeresbiologe von Greenpeace, im Fernsehsender N24. Es sei zwar das erste Mal, dass so viele Wale in deutschen Gewässern gelandet seien. „Aber es ist kein Phänomen, das jetzt super-duper selten ist. Das passiert schon mal.“

Beim Wangerooger Bürgermeister Lindner und auch bei der Pressestelle des Umweltministeriums in Niedersachsen klingeln seit dem vorigen Wochenende alle Telefone heiß. „Wir haben aufgehört zu zählen“, sagte ein geduldiger Mitarbeiter der Ministeriumspressestelle in Hannover auf die Frage, wie viele Anrufe es denn zu den Walen gegeben habe. Auch Lindner ist in den vergangenen Tagen fast rund um die Uhr erreich- und ansprechbar und fast zum Walexperten geworden.

Der Inselbürgermeister fuhr auch am Donnerstag zu der Fundstelle am äußersten Osten der Insel. Dort wurde beraten, wie die beiden Kadaver am besten weggezogen werden können. „Zufällig und zum Glück haben wir die zwei Kettenbagger auf der Insel“, sagt Lindner. Die wurden kurzerhand zum Walschieben eingesetzt. Sie richteten die Tiere zum Abtransport aus. „Wir haben die Kadaver dann mit einem schweren Anker fixiert, den wir eingegraben haben“, erläuterte Lindner.

Auch die Seitenflossen der Wale wurden abgetrennt, damit sie beim Ziehen nicht als „Erdanker“ die Arbeiten behindern. Wenn alles gut läuft, können die Tiere bei ausreichendem Hochwasser mit Schleppern über die Nordsee nach Wilhelmshaven gebracht werden.

Die Bergungsarbeiten sind komplex und nicht ganz ungefährlich. Wale sind Warmblüter, nach dem Tod zerfallen die inneren Organe sehr schnell. Es entstehen Verwesungsgase, die Kadaver blähen sich auf. „Irgendwann platzen diese Wale. Und das ist auf der einen Seite ein Riesengestank, auf der andere Seite eine Riesensauerei, und es kann auch für Menschen, die drum herum stehen, gefährlich werden“, beschreibt Meeresbiologe Maack das Risiko.

Es wird vermutet, dass die Wangerooge-Wale zu einer Gruppe von männlichen Tieren gehörten, die auf dem Weg von der Arktis zu den Azoren war. Es sind meist nur männliche Wale, die auf die Nord-Süd-Wanderung gehen. Die Walkühe bleiben mit ihren Kälbern in den tropischen Bereichen. Besonders qualvoll muss der Tod der Wale vor Texel gewesen sein, denn sie kämpften stundenlang ums Überleben.

Auch auf Wangerooge bieten die Tiere einen traurigen Anblick. Die bei Niedrigwasser zu Fuß erreichbaren Kadaver graben sich durch ihr tonnenschweres Gewicht tief in den Sand. Die Wasserpfützen um die Wale sind blutrot gefärbt.

Für einen der Wale soll es aber nach der Überfahrt ans Festland ein Rückfahrticket geben: Bürgermeister Lindner setzt alles daran, um einen der „Jungs“, wie er sagt, als Skelett und Touristenattraktion wieder nach Wangerooge zu holen.

dpa

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